Kaiserslautern
Musik aus einer anderen Welt
Die mythischen Feen, das sind die Schwestern Elisabeth und Marlene Schuen, sind in einem abgelegenen Dorf in den Südtiroler Dolomiten aufgewachsen. Nach Jahren der Auslandserfahrung besinnen sie sich auf ihre Wurzeln zurück, interessieren sich für die alten Geschichten der Bergbauern.
Ein märchenartiger Aufstieg auf allen Ebenen. Beim letzten Mal konnten wir die zauberhaft musikalisch agierenden Wesen noch in den rustikalen Tiefen des Cotton Club der Kammgarn erleben. Und jetzt im großen Casino des Hauses. Das war auch schon wegen des ausladenden Bühnenbildes unbedingt erforderlich. Es war ein eindrückliches Ziel der „Ganes“, ein wenig Alpenromantik mit der Bauernstube zu schaffen. Das gehört aktuell zu dem großen Themenfaden des neuen Albums: tradierte Geschichten und Bräuche der Berge und vom Umgang miteinander.
Musik auf höchstem Niveau
Kaiserslauterns Kammgarn hat die Ehre, den Auftakt für die aktuelle Tour zum gleichnamigen Album „Vives“ zu geben. Schlaggitarre und Kontrabass starten als profunde rhythmische Basis zur instrumentalen Einstimmung. Es sollte ein sehr abwechslungsreiches Programm mit wilden Instrumentenwechseln, ein wenig Erzählcharakter und dem alles überragenden Harmoniegesang werden. Dabei spielt es dann keine Rolle, dass man die ladinisch gesungenen Textzeilen nicht versteht. Das tun andere Bergbewohner auch nicht, denn diese Sprache wird heute nur noch in zwei Tälern gesprochen. Die Feen erfüllen damit auch einen besonderen kulturellen Auftrag. Die Botschaft ist klar, die Musik auf höchstem Niveau und die Sprache klingt einfach gut. Den Feen kauft man ohnehin alles ab!
Unerwartet treffen sich Geister mit Redebedarf am verlassenen Kirchturm; schön untermalt durch einen schleppenden Dreivierteltakt. Das Ganze singend-erzählerisch vorgetragen und mit passender Jodel-Sause inklusive. Ein temporeicher Landler, der von den Geigen im Duett unisono angeführt wird, befördert kurzzeitig den Hauch von Festzeltstimmung. Hexen feiern und grillen (sich gegenseitig). Elisabeth zelebriert dazu den Hexengesang mit glockengleicher, beeindruckend wandlungsfähiger Stimme, die in Echo- und Halleffekte getaucht wird. Vorhang auf für das Kopfkino! „Tartuga“ (Schildkröte) ist ein Song, der als fröhliches Sommerlied daher kommt, aber den Wahnsinn der Plastikverschmutzung in den Weltmeeren anprangert.
Sich ergänzende Stimmen
Dabei lassen die Schwestern auch ihr Können als studierte Musikerinnen durchblitzen. Marlene Schuen studierte Violine und Jazzgesang, Elisabeth Schuen absolvierte ein Studium als Opernsängerin (Mezzosopran, Alt). Die Musik von „Ganes“ ist aber weit mehr, sprengt die engen Vorgaben der Musiktheorie. Gesanglich ergänzen sich die beiden Stimmen traumwandlerisch perfekt; zum Davonschweben schön!
Die neue Bassistin (Natalie Plöger, klassisch ausgebildet) wird als „Kusine“ vorgestellt und singt davon „... wenn mein Baum sprechen könnte.“ Der dreistimmige Satzgesang ist auch hier das Sahnehäubchen. Natalie fügt sich als „neue Gana“ gesanglich und musikalisch hervorragend ein.
Wer sie ärgert, wird verwünscht
Bei der Hochzeit in den Südtiroler Bergen können ganz besonders die Geschwister, die nicht verheiratet werden, ordentlich abfeiern. „La sonsela“ übersetzt das musikalisch. Hier zeigt die Ukulele eine beachtenswerte solistische Einlage (Raffael Holzhauser). Aber der kann noch viel mehr, spielt Gitarre mit allerlei Finessen in jedem Titel, beherrscht vertrackte Rhythmen, ist Produzent und traut sich mit den „Ganes“ zu singen. Was nicht einfach ist, denn wer sie verärgert, wird kurzerhand verwünscht!
Der Mond und die Laune haben gemeinsame sprachliche Wurzeln. Der Gitarrist umspielt die Gesangsmelodie filigran. Dazu hebt der Kontrabass solistisch ab bis in jazzige Gefilde. Während der Gesang sich anhört, als ob es aus dem Nachbartal herüber klingt. Kompliment an die Soundtechnik!
Die Titel sind so unterschiedlich und bunt, man kann sich wunderbar verlieren. Da ein Schwestern-Duett zum Dahinschmelzen, dort ein lebhafter Balkanrhythmus und dann engelsgleich besungene Sonnenstrahlen, die einen nach einem langen Winter gleichsam umarmen. Die Instrumentenvielfalt ist Programm bei den „Ganes“. Heute wird sogar die Blockflöte ausgepackt. Dazu traditioneller Silbengesang, der tief berührt und gleichzeitig Sehnsucht für die Berge weckt.
Ladinisch für Anfänger
Ohne Pause jagen sich die Melodien und Geschichten. Im letzten Drittel läuft das Quartett mit älteren Titeln schließlich zur Hochform auf. Jetzt wird auch das noch schüchterne Publikum eingebunden. „mo co pón pa ma“ (übersetzt: Wie kann man denn nur) dient als Ladinisch für Anfänger und der Saalchor singt und klatscht bereitwillig mit. Ovationen und ein Zugaben-Medley runden den erfolgreichen Tourauftakt ab. Eben noch auf der Bühne, sitzt Elisabeth bereits als Erste draußen am Tisch, um das Musikalbum mit aufwendigem Booklet (Liedtexte, Geschichten, Hintergründe) unter die „Flachland-Tiroler“ zu bringen. Schön, dass es so was noch geben darf.