Kaiserslautern Literatur, die an die Kehle geht

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Eine beeindruckende Autorenlesung erlebten die Besucher beim Literaturdienstag in der Scheune des Theodor-Zink-Museums. Der Pfalzpreisträger für Literatur, Joachim Geil, geboren in Kandel, aufgewachsen in Bad Bergzabern und wohnhaft in Köln, faszinierte mit Passagen aus seinen Romanen „Heimaturlaub“ und „Tischlers Auftritt“.

„Ich bewundere den Autor für seinen Mut, einen solchen Stoff anzupacken“, sagte Morphy Burkhart von der Buchhandlung „Blaue Blume“, die die Veranstaltung zusammen mit der Volkshochschule und der Stadtbibliothek ausrichtete, in seiner Einführung. In der Tat. Der Zweite Weltkrieg ist für jüngere Autoren eigentlich gar kein Thema mehr. Und es ist ja auch schon in vielen Romanen darüber geschrieben worden. Von Ernst Jünger über Günter Grass bis zu Heinrich Böll. Aber so wie Geil die Geschichte um den „Heimaturlaub“ des jungen Leutnants Dieter Thomas anpackt, fasste es die Hörer an der Kehle. Eine Woche Urlaub von der Ostfront hat Dieter, doch die Idylle in der pfälzischen Provinz bekommt Risse, denn der Soldat wird ständig von seinen Erinnerungen an den russischen Winter heimgesucht. Außen ein netter Bursche, innen eine verheerte Seele. Geil gelingt es mit Sprachgewalt, die verschwiegenen und unterdrückten Gefühle eines Menschen im Krieg zu erkunden. Tief blickt der Ich-Erzähler in Dieter hinein. Der Autor liest zwar nur kurze Ausschnitte vor, aber schon in denen deutet er die Schizophrenie und Schuldverstrickungen an, unter denen der „Held“ leidet. Was Geil mit seinem Debütroman entworfen hat, ist ein zwanghaft um ein Geheimnis kreisender innerer Monolog, in dem zwei Instanzen miteinander ringen: ein heimlicher und ein unheimlicher Dieter. Mit Sprachgespür und psychologischem Feinsinn wechselt er zwischen mehreren Erzählebenen und Erlebniswelten wie ein Jongleur. Die Macht der Bilder und die fast atemlose Sprache, die Erinnerungsschübe und unmittelbare Beobachtungen des Protagonisten halten den Zuhörer im Bann. Schon beim sterbenden Großvater im Heimatort deutet sich das an. „Der Tod hat hier etwas Getragenes und Besonderes“, denkt Dieter. An der Front hingegen ist der Tod Alltag. Er kann jeden in jedem Moment treffen. Die Traumatisierung lässt ihn auch nicht die Liebe zu seiner Jugendfreundin auskosten, weil Gedanken an sein Russenmädchen Maschenka die Gegenwart überlagern. Dass mit Maschenka etwas Schlimmes passiert ist, kann der Hörer nur ahnen. Dass über den historischen Kontext hinaus die gestörte Verarbeitung von Kriegseindrücken noch heute Realität ist, zeigen die Suizide unter US-Soldaten. Was Krieg im Einzelnen anrichtet, ist lange nicht mehr so eindringlich geschildert worden. Auch Geils zweiter Roman, „Tischlers Auftritt“, strotzt nur so von Sprachkunst. Er beherrscht das idyllische Idiom ebenso wie die ironische Dekonstruktion, schildert sinnlichen Genuss so ausdrucksstark und plastisch wie brutale und ekelhafte Details. Wieder packt der Autor ein heißes Eisen der jüngeren Geschichte an: die 68er Revolte. Ein Thema, über das bisher vor allem Achtundsechziger geschrieben haben. Der 1970 geborene Autor wollte aber keinen Bekenntnisroman schreiben, sondern ein „Initiationserlebnis“, wie er selbst sagt. Er nimmt die Hörer mit dem naiven Ernst Ewald Tischler, ebenfalls eine gebrochene Figur, aus der pfälzischen Provinz in den überfüllten Hörsaal der Frankfurter Uni und zur Beerdigung des Revoluzzers Hans-Jürgen Krahl nach Hannover. Auch hier springen die Gedanken hin und her, verschwimmen Realitäten – echte und gewünschte – miteinander. Bis ins kleinste Detail beschreibt Geil Personen, benutzt dabei originelle Vergleiche und anschauliche Metaphern in einer Sprache, die man so noch nicht gehört hat. Manche Sätze möchte man sich auf der Zunge zergehen lassen. Faszinierend, wie er den Kuss mit der linksradikalen Uschi fast auf einer ganzen Seite beschreibt und mit verblüffend leichter Ironie einen Macho demaskiert, „dessen Männlichkeit durch jede Pore dringt“. Zum Genuss wurde diese Lesung auch durch die Vorlesekunst des Autors. Beide Romane im Steidl-Verlag.

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