Kaiserslautern Lauterer zeigen Multikulti-Gesinnung

Fast wäre es ein Happening gewesen, wäre der Anlass nicht ein übler gewesen: Im Asternweg auf der Freifläche zwischen den beiden Blöcken für Asylbewerber hatten sich gestern Parteien, Kirchen, Künstler und jede Menge Bürger gegen rechts getroffen, um der NPD-Kundgebung Ecke Mennoniten-/Friedenstraße die Stirn zu bieten.

Um die 300 Menschen hatten sich versammelt, ein Getränkewagen und ein Grillstand waren aufgebaut worden, der Würstchenduft zog bereits über den Platz, als gegen 18 Uhr zuerst ein kurzer Sandsturm fegte und danach der Regen fiel. Trotzdem eröffnete Stadtjugendpfarrer Detlev Besier auf einer kleinen Bühne vor einem Heer aus Regenschirmen die Gegenkundgebung, „um den rechtsradikalen Parolen mit buntem innovativem Geist zu begegnen“. Die Kirchen machten den Auftakt zum Widerstand gegen die braune Propaganda. Vertreter der Jüdischen Kultusgemeinde, der katholischen und evangelischen Kirchen, der Muslime und der Bahai-Gemeinde sprachen ein Friedensgebet. „Shalom“, „Du sollst den Fremden lieben wie dich selbst“, „Güte und Hilfsbereitschaft“ sind Zitate aus den Worten der Religionsvertreter. Den Rednerreigen eröffnete Oberbürgermeister Klaus Weichel, der im Asternweg stand, „um sich gegen Rassismus, Diffamierung und Fremdenhass zu äußern“. Hier gehe es um Menschen, „die auf unseren Schutz vertrauen“. 145 Nationen lebten in Kaiserslautern, in der Stadt werde eine Willkommenskultur gepflegt, und „wir tun alles, damit sich die Menschen hier wohlfühlen“. Sein Appell: „Bleibt standhaft.“ Walfried Weber (CDU) ermunterte dazu, „auf der Basis unserer Demokratie als Bunte gegen die Braunen zusammenzustehen“. Nachdenklich wollte Tobias Wiesemann (Grüne) machen. Der Westen habe es mit seiner Lebensweise zu verantworten, dass den Menschen, die fliehen müssten, die Lebensgrundlage genommen worden sei. „Nicht die Menschen, die zu uns kommen, machen uns arm, sondern wir haben sie arm gemacht.“ Deshalb „haben wir Verantwortung“ zu übernehmen. An die braune deutsche Vergangenheit erinnerte Gabriele Wollenweber (FWG): „Vor über 70 Jahren war Kaiserslautern braun. Heute haben wir die Verpflichtung zu zeigen, dass Kaiserslautern bunt ist.“ Michael Detjen (DGB) stellte angesichts der Teilnehmer an der Anti-Nazi-Kundgebung fest: „Wir können stolz sein auf Kaiserslautern. Das breite Bündnis funktioniert.“ Unter Applaus sprach ein Asylbewerber für alle 150 Neu-Kaiserslauterer im Asternweg: „Wir bedanken uns für die Anteilnahme.“ Wenige von ihnen waren auf dem Platz gekommen, doch etliche lagen in den Fenstern, verfolgten die Kundgebung von oben. Die Kundgebung für eine demokratische Gesellschaft wurde zwischen den Redebeiträgen mit Musik aufgelockert. Zwei Sänger, Pauline Ngoc und Stephan Flesch, die gestern Abend nach der Demo noch in der Kammgarn in der Revue „Killing me softly“ auftraten, machten den Anfang. Die Chansonsängerin Pauline Ngoc sang das Piaf-Lied „L’Étranger“ (Der Fremde) und das Knef-Chanson „In dieser Stadt“. Pfarrer Besier stellte das Leben der Sängerin in den Kontext der Demo gegen rechts: Als Tochter eines Franzosen und einer Vietnamesin sei sie vor dem Kommunismus aus Saigon nach Marseille geflohen, von dort nach Paris gezogen, wo sie sich für die Boat-People einsetzte, und schließlich nach Kaiserslautern gekommen. Der Sänger Stephan Flesch und der Gitarrist Wolfgang Sing erhoben ebenfalls ihre Stimme gegen rechts. Kurz nach 19 Uhr endete die Kundgebung, anschließend zogen noch etliche Parteienvertreter und Bürgermeisterin Susanne Wimmer-Leonhardt eine Ecke weiter in die Wirtschaft „Zum Ilse“. Die Wirtin, die auch auf dem Kundgebungsplatz grillte und für Getränke sorgte, hatte ihr Lokal zur „geschlossenen Gesellschaft“ erklärt. Detlev Besier wertete die Handlungsweise als „großartiges Zeichen“, denn die Neo-Nazis wollten dort, wie zu hören war, zu Freibier einladen. Die Rechtsradikalen hatten ihren Lautsprecherwagen wie schon am 1. Mai an der Ecke Frieden-/Mennonitenstraße aufgebaut. Sie begannen um 18 Uhr. Rund 100 Polizeibeamten sorgten im gesamten Viertel, das für Fahrzeuge gesperrt war, dafür, dass es nur bei lautstarken Reden blieb und nicht zu Krawall kam. Gegen 21 Uhr war der Einsatz beendet. Die Bilanz der Polizei: Alles verlief ruhig, keine besonderen Vorkommnisse.

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