Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Lasst uns freundlich sein: PEN Berlin lädt zum Diskutieren ein

Sprachen über Heimat und mehr Gemeinsinn (von links): Autor Christian Baron, Soziologe Harald Welzer und Journalistin Amelie Mar
Sprachen über Heimat und mehr Gemeinsinn (von links): Autor Christian Baron, Soziologe Harald Welzer und Journalistin Amelie Marie Weber.

Was ist Heimat? Und wo drückt uns gerade der Schuh? Eine Gesprächsrunde des PEN Berlin auf der Pfalztheater-Werkstattbühne drang tief ein in dringliche Fragen.

Ein jüngerer Mann in der dritten Reihe intoniert inbrünstig das „Palzlied“, zwei andere Besucher setzen sich für Bürgerenergiegenossenschaften ein, ungefähr ein Dutzend sorgt sich um die Jugend, einige auch um die Meinungsfreiheit: So bunt gemischt wie an diesem Nachmittag ist das – von Beginn an eingebundene – Werkstattbühnenpublikum selten.

Der Kaiserslauterer Autor Christian Baron („Ein Mann seiner Klasse“) sprach mit Soziologieprofessor und Autor Harald Welzer, moderiert von der aus Kaiserslautern stammenden „Tagesschau“-Journalistin Amelie Marie Weber unter dem Titel „Ist das noch/schon mein Land? Reden wir über Heimat“ über nichts weniger als die aktuelle gesellschaftliche Befindlichkeit. Und darüber, wie sich die allgemeine Unzufriedenheit mit nahezu allem überwinden lässt. Ein Grundgedanke von Welzer, der nie akademisch, sondern gern auch flapsig spricht, lautet: „Wir haben gerade ein politisches Problem, weil Menschen sich nicht genug beheimatet fühlen.“

Heimat ist da, wo man zusammen ist, wo man die gleiche Sprache spricht, sind sich Baron und Welzer durchaus einig – und meinen sowohl den Dialekt als auch das Sich-Verstanden-Fühlen, das Aufgehobensein. „Heimat sind die Menschen, mit denen wir ein tiefes Gefühl der Verbundenheit teilen“, sagt Welzer. Für Baron ist Heimat „ein Ort, an dem ich sein kann, wer ich sein will“, ohne dass darüber ein Urteil gefällt wird.

Der FCK und das Fan-Dasein können solche Gemeinschaft stiften – auch in der Ferne. So erzählt Christian Baron vom FCK-Schauen mit Exilpfälzern in einer Kneipe in Berlin-Kreuzberg. Doch gerade auf dem Land fehlen inzwischen solche Kneipen, in denen man sich auch abarbeiten kann an unterschiedlichen Standpunkten. Und wenn man sich dann mal einig ist, etwa beim Meckern über die Bahn, stiftet auch das Gemeinschaft.

Noch notwendiger seien allerdings offene, nicht konsumorientierte Räume, in denen etwa Jugendliche zusammenkommen können – damit sie eben nicht abends, bis der großen Einkaufsmarkt zumacht, an der Mall rumlungern müssen. Darüber sind sich Panel und Publikum einig, und so werden einige Anlaufstellen genannt, vom 42 bis zur Skaterbahn. Eine Initiative, die über solche „analoge Räume der Begegnung“ informiert, nennt sich „Wohnzimmer der Gesellschaft“. Allerdings listet die Plattform für Kaiserslautern bisher drei Orte auf, die nicht ganz zum Konzept eines kostenlosen Treffs passen: ein Café und das Kulturzentrum Kammgarn nämlich, neben der Pfalzbibliothek.

Welzer geht es insbesondere auch darum, die trübe Stimmung aufzubessern. Uns gehe es in Deutschland gut, sagt er. „Wir haben einen verzerrten Diskurs über das Land.“ Die Vorstellung, dass alles denn Bach runtergehe, dass alle nur hassen und hetzen, sei übertrieben. „Die meisten Leute sind schwer in Ordnung“, spricht er über all jene, die demokratische Parteien wählen oder für solche zurückzugewinnen seien. Eine Partei wie die AfD aber bewirtschafte negative Gefühle. Daher sei es wichtig, seitens der Politik, der Medien und des einzelnen, das Gefühl von Zusammenhalt und Gemeinschaft zu stärken, um so positive Gefühle zu bewirtschaften. Wir sollten darüber sprechen, was alles gut ist. Über Ehrenamtseinsatz etwa. Doch „verkaufen“ sich negative Botschaften einfacher als positive, weiß auch Moderatorin Weber.

Aber jeder kann schon mal bei sich anfangen. Und so ruft eine Besucherin – es gibt mehrere Runden für Wortmeldungen aus dem Publikum, für die auch PEN Berlin-Sprecher Deniz Yücel das Mikrofon umherreicht – schlicht, aber nachdenkenswert dazu auf, mit anderen einfach freundlich umzugehen.

Für Kaiserslautern, das er zum ersten Mal besucht, hat Yücel denn auch positive Worte: Er komme aus der Nähe von Rüsselsheim, der Opelstadt, und habe vielleicht auch daher in Kaiserslautern gleich das Gefühl gehabt, die Stadt irgendwie zu kennen.

Lesen Sie hier ein Interview, das Deniz Yücel vor Beginn der Gesprächsreihe der RHEINPFALZ gegeben hat.

„Heimat sind die Menschen, mit denen wir ein tiefes Gefühl der Verbundenheit teilen“, sagt Harald Welzer.
»Heimat sind die Menschen, mit denen wir ein tiefes Gefühl der Verbundenheit teilen«, sagt Harald Welzer.
Der gemeinsame Dialekt kann ein Gefühl von Heimat auch in der Ferne vermitteln, sagt Christian Baron. Der Autor aus Kaiserslaute
Der gemeinsame Dialekt kann ein Gefühl von Heimat auch in der Ferne vermitteln, sagt Christian Baron. Der Autor aus Kaiserslautern lebt seit Jahren in Berlin.
PEN-Berlin-Sprecher Deniz Yücel aus der Opelstadt Rüsselsheim war zum ersten Mal in der Opelstadt Kaiserslautern, die ihm gleich
PEN-Berlin-Sprecher Deniz Yücel aus der Opelstadt Rüsselsheim war zum ersten Mal in der Opelstadt Kaiserslautern, die ihm gleich gar nicht so unbekannt erschien.
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