Kaiserslautern Koloss gegen die Giganten

Der US-amerikanische Informatiker, Musiker und Schriftsteller Jaron Lanier hat gestern in der Frankfurter Paulskirche den mit 25.000 Euro dotierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommen. 1000 Gäste waren da. Wie war es?

Jaron Lanier ist eine kolossale Erscheinung. Ein großer, dicker Mann mit Rasta-Locken, die ihm bis ins Kreuz fallen. Er ist Musiker, ein Computerfreak, der Bücher schreibt, Microsoft-Angestellter mit Brass aufs Internet. 1960 in New York geboren. Die Mutter, Jüdin aus Wien, KZ-Überlebende. Sie ging in die USA, wurde Künstlerin, starb, da war Jaron Lanier noch Kind. Die Schule brach er ab. Dafür studierte er mit 13 Mathematik. Jahrelang lebte er mit seinem Vater, einem russischen Juden, im Zelt. Er war arm, liebte Kunstbücher. Musik. Später hat er das Computerspiel „Moondust“ programmiert und ist Hebamme(r) gewesen. Für Mattel erfand er einen Datenhandschuh für virtuelle Boxkämpfe. Er besitzt über 100 seltene Instrumente. Probt mit Philipp Glass in der „virtuellen Realität“, den Begriff hat Lanier angeblich erfunden. Er ist ein Pionier des digitalen Zeitalters. Idealist geblieben, fast ein Wunder. Ein Hoffnungsträger dafür, dass die Zukunft human wird trotz Facebook, und dass die Politik und die Gesellschaft dafür sorgen können. Als solchen hat ihn am Sonntagmorgen der deutsche Buchhandel mit dem Friedenspreis geehrt. Die ARD sendete live. Lanier saß erst da wie ein Buddha, dann redete er schneller als andere denken Tabula rasa über den verwirrenden Zustand der Welt. Dass „Spionage- und Überwachungsunternehmen“ die neuen Machthaber seien. Und er spielte auf der Khaen, einer Bambusflöte mit 16 Röhren, die für ihn den „Ursprung des Computers“ darstellt. Ok. Die gute Frankfurter Festgesellschaft jedenfalls war baff über ihn wie er über sie. Jaron Lanier steht jetzt neben Preisträgern wie Albert Schweitzer (1951), Ernesto Cardenal (1980) oder Jürgen Habermas (2001). Sein Laudator, Martin Schulz, Fast-Fußball-Profi, Buchhändler und Präsident des Europäischen Parlaments, nannte Lanier einen „loyalen Oppositionellen“ und „Humanisten“, knapp zusammengefasst hob er ihn als jemand in den Himmel, dem Moral wichtiger sei als Effizienz und der die digitale Welt kennt statt verteufelt. Die Entscheidung, ausgerechnet ihn, Lanier, mit dem Friedenspreis auszuzeichnen nannte er, Schulz, „eminent politisch“. Auch Lanier war sehr freundlich zu seinen Gastgebern vom Börsenverein. Er schreibe Bücher, „wenn es Zeit ist, einen Blick auf das große Ganze zu werfen“, sagte er mit überraschend hoher Stimme. Aber auch in seiner Fundamentalkritik an Applegooglefacebook holte er weiter aus. „Hegel wurde enthauptet“, sagte er in seiner Dankesrede einmal zwischendurch. Manches, was Lanier schnell aussprach, war manchen auch schon mal zu hoch. Seine Sätze aber, dass der Mensch immer über dem Computer stehen müsse und aus der „sehr mutigen Idee Internet“ eine „sehr langweilige Idee“ geworden sei, die sich ausschließlich um Macht, Geld und Kontrolle drehe, unmissverständlich. Nicht alle geben ihm immer Recht. Lanier hat heftige Kritiker wie den Philosophen Byung-Chul Han, der ihm noch in der Buchmessenwoche vorwarf, er fördere gerade die „totale Ökonomisierung des Lebens“ im Digitalen, die er Firmen wie Google kritisiere. Aber auf eine seiner Lieblingsideen, auf die der koreanische Denker anspielt, ging Lanier in Frankfurt gar nicht länger ein. Ihm schwebt nämlich vor, dass Internetnutzer an den Werten, die sie schaffen, auch beteiligt werden. Im Endeffekt fordert er Geld, Cent-Beträge, für jede Google-Anfrage und jeden Facebook-Eintrag, die kommerziell verwertet werden. Jede und jeden also, um ganz genau zu sein. In Frankfurt sprach der „mitdenkende Praktiker“ (O-Ton Lanier) also von seiner Liebe zu Computerspielen und lieber davon, wie er sich einen Humanismus für die digitale Gesellschaft vorstellt. Dass er künstliche Intelligenz ablehnt. Und der „posthumanen Bewegung“, die an die Unsterblichkeit durch Technik glaube, kritisch gegenüberstehe. Er nannte Google eine Organisation, die das Ziel finanziere, „den Tod zu überwinden“. Er sagte sinngemäß, dass er fürchte, die vom Internet forcierte Sharing-Kultur werde wieder nur einigen Wenigen mehr Geld einbringen. Fast allen anderen aber auf die Dauer Unsicherheit und – nichts. Lanier sprach von den Schweigespiralen, die von sozialen Netzwerken angetrieben würden, von teuflischen „Rudelbildung“. Er krittelte an der Schwarmintelligenz herum. Irgendwann in diesen Zusammenhängen kam er auf die Nazis und deren Machttechnologien zu sprechen. Und dann redete er wie zu sich selbst von seiner Mutter, KZ-Überlebende. Da stockte selbst er ganz kurz.

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