Kaiserslautern
Knickerbocker und Bubikopf: So lief die Eröffnung des Kultursommers (mit Bildergalerie)
Bei der Vielzahl kleinerer und größerer Veranstaltungen anlässlich der 750-Jahr-Feier der Stadt verliert man schnell mal den Überblick. Eine Bühne auf dem Schillerplatz, mit dem plakativen Jubiläumslogo gebrandete Liegestühle, die gottlob nicht mit Handtüchern reserviert wurden, die Marching-Band von Franz Wosnitza, vollbesetzte Cafés, Kneipen und Lokale und eine leicht beschwingte Stimmung, die durch die Gassen und über die Plätze wehte. Eigentlich wie immer, wenn die Stadt die Menschen nach Kaiserslautern lockt.
Und doch war einiges anders an diesem Wochenende in der City. Der Lauterer an sich ist schließlich äußerst anpassungsfähig, schätzt die renommierten Kultureinrichtungen der Stadt und belebt die freie Szene. So formierten sich viele kleine Mosaiksteine zu einem Festival, das den Kulturbegriff ganz bewusst etwas weiter fassen wollte. Und das beileibe nicht nur wegen des örtlichen Fußballklubs, den viele wie selbstverständlich als Kulturgut und das Stadion als Musentempel ansehen. Mindestens.
Musik, Theater, Tanz, Literatur und Lichtspiele: Kaiserslautern feiert sich und seine Kultur
Am Wochenende spielte der FCK allerdings höchstens eine Nebenrolle. Fast hatte es den Anschein, als ob die gefrusteten Anhänger in den Altstadtkneipen – räumlich durch die Baustelle in der Spittelstraße vom Geschehen etwas abgeschnitten – den Freunden der Kultur nicht die gute Stimmung vermiesen wollten. Fußball und Kunst vereint schließlich die universelle Weisheit, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt.
Wer tatsächlich das Risiko eingehen wollte, seinen hart erkämpften Sitzplatz mit einem Glas Aperol in der Hand freiwillig und ohne Not zu verlassen, wurde durch viele kleine und größere Entdeckungen, aber auch spannende Begegnungen belohnt. Es zeigte sich das oft wiederholte Credo von Oberbürgermeisterin Beate Kimmel, durchaus auch stolz auf Kaiserslautern sein zu dürfen. Die Kulturmeile, die sich bis zur Pfalzgalerie erstreckte, bot Musik, Theater, Tanz, Lichtinstallationen, Literatur und jede Menge Mitmachangebote, manche in dunklen Gemäuern versteckt, andere auf offener Bühne unter der Kultursommersonne, die sich zuweilen wie eine flauschige Decke anfühlte.
Der Dresscode war eher leger, locker, luftig. Auch die Hochkultur gestattet inzwischen Jeans und T-Shirt. Doch immer wieder konnte man in der sommerlich gekleideten Besucherschar auch Menschen entdecken, die mit ihrem Outfit an das Kultursommer-Motto „Die Goldenen Zwanziger“ erinnern wollten: Bürgermeister Manfred Schulz präsentierte sich mit stilechten Knickerbockern und Schirmmütze, an seiner Seite im knielangen Flapperkleid mit burschikosem und paillettenverziertem Bubikopf die städtische Beigeordnete Anja Pfeiffer. Avantgarde im Stadtvorstand.
In 84 Metern Höhe wird es akrobatisch: Atemberaubender Auftritt des Bencha-Theaters
Ausgerechnet dort, wo die Stadtspitze gemeinsam mit ihren Bediensteten residiert, ereignete sich am Samstag Außergewöhnliches. Nicht aus Frust über einen abgelehnten Antrag, sondern völlig freiwillig seilten sich drei Artisten des niederländischen Bencha-Theaters teils kopfüber an der Ostfassade des 84 Meter hohen Rathauses ab. Tänzerisch, grazil, ausdrucksstark. Mehrere hundert Menschen verfolgten begeistert die spektakuläre und atemberaubende Show, die selbst das Artisten-Trio vor eine besondere Herausforderung gestellt hat: „So hoch waren wir noch nie.“
Beim offiziellen Festakt zur Kultursommer-Eröffnung in der Fruchthalle erinnerte Ministerpräsident Alexander Schweitzer auch an die „nostalgische Verklärung“ der 1920er Jahre. Einige Parallelen zwischen damals und heute bescherten ihm eine Gänsehaut, so Schweitzer. Für ihn ist klar: „Kultur ist der Schlüssel für eine offene und demokratische Gesellschaft.“ Sie brauche deshalb auch Platz, sich zu entfalten – und dürfe nicht zu einem Anhängsel verkommen. Der Kultursommer, 1992 aus der Taufe gehoben, habe sich aus einer Graswurzelbewegung zu einem Gemeinschaftswerk entwickelt, so Schweitzer, dem besonders die freie Szene am Herzen liege, wie er mehrmals betonte.
Rose Götte und Jürgen Hardeck für immer mit dem Kultursommer verbunden
Die rheinland-pfälzische Kulturministerin Katharina Binz lobte das überzeugende Konzept Kaiserslauterns für die Kultursommer-Eröffnung. „Zahlreiche großartige Kulturschaffende – darunter auch viele Künstlerinnen und Künstler aus Kaiserslautern und der Region – bringen sich ein.“ So auch mehrere Mitglieder des Pfalztheater-Ensembles, die sowohl schaurig-melancholisch als auch heiter-beschwingt die Widersprüche der „Goldenen Zwanziger“ aufdeckten.
Die dritte Kultursommer-Eröffnung in Kaiserslautern nach 1992 und 2006 war für Binz die passende Gelegenheit, die „Geburtshelfer“ des Kultursommers zu würdigen: Die Namen von Rose Götte, zwischen 1991 und 2001 Kulturministerin, und Jürgen Hardeck, langjähriger ehemaliger Geschäftsführer des Kultursommers und seit 2021 Kulturstaatssekretär, werden wohl immer in einem Atemzug mit dem rheinland-pfälzischen Kultursommer genannt werden. Kultur durchschreitet Epochen, aber sie ist heute mindestens so lebendig wie vor 35 Jahren. In diesem Urteil waren sich am Ende alle einig.


