Kaiserslautern Kleiner Vogel, atemlos

Vier Preise für Helene Fischer, zwei für eine bis dahin weitgehend Unbekannte mit Künstlernamen Oonagh, dazwischen viel Gähnen selbst im Saalpublikum und Gelegenheit zum Fremdschämen für die Fernsehzuschauer: Am Donnerstagabend sind Deutschlands wichtigste Musikpreise, die Echos, verliehen worden. Michael Jackson war nominiert, obwohl er tot ist. Ebenso Udo Jürgens, der dann doch nur in die schäbig wirkende „Echo Hall Of Fame“ aufgenommen wurde. Immerhin ohne Panne. Die musste Nana Mouskouri ertragen: Das Mikro von Laudator Till Brönner streikte zunächst, bevor er ihr leiernd auswendig gelernt den Lebenswerk-Echo andiente. Vorher hatte schon Laudatorin Lena kaum den eigenen Namen sagen können, die Scorpions mussten ihre Sätze ablesen. Und Moderatorin Barbara Schöneberger verstieg sich – offenbar fassungslos über die Banalität des Lieds „Ich lass für dich das Licht an“ – zu reichlich sexistischer Anmoderation des Auftritts von Revolverheld: Sie versprach der Bremer Band „500 Jungfrauen“. Revolverheld gewannen bei dieser Preisverleihung, die sich nach Verkaufszahlen richtet, nicht nach einer Juryentscheidung aufgrund künstlerischer Qualität, den Echo als beste Band Rock/Pop-Band. Ihre Zeile „Ich schaue mir Bands an, die ich nicht mag“, bejahte dennoch so mancher Zuschauer angesichts ihres Akustik-Liveauftritts. Nicht zu toppen aber: die Bühnenshow von Andreas Gabalier, den der zuletzt durch tümelnde Worte aufgefallenen Xavier Naidoo zuvor in der Sparte „volkstümliche Musik“ geehrt hatte. Gabalier trat in Vorhangmonster-Montur als Parodie seiner selbst auf (Textprobe aus „Mountain Man“: „Du schützt das Edelweiß, du bist hart wie Eis“) und erntete kaum Applaus vom irritierten Saalpublikum, das schon früh von Kameras beim Gähnen ertappt worden war. „Einen kleinen Vogel darf, ja muss man schon haben“, sagte Gabalier dann doch ganz passend über sich. Auch Helene Fischer gestand Erstaunliches: „Ich höre diesen Song selbst nicht“, sagte sie über ihren Hit „Atemlos“, den sie sonst nur „Das Lied“ nannte: Offenbar will sie sogar das Wort „Atemlos“ nicht mehr aussprechen. Beim vierten Preis geriet sie gar ins Stottern. Wodurch dann doch Til Schweigers in schlechtem Englisch vorgetragene Charakterisierung Fischers als „genuine“, also authentisch, nicht ganz so falsch wirkte. Zuvor aber war die Sängerin, die leichtes Missfallen über die Schlagerschublade äußerte, ganz Profi mit angeknipstem Charme. Strahlen konnte auch eine gewisse Senta-Sofia Delliponti, einst Darstellerin in „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, und offenbar auch ein Kassenschlager, obwohl kaum ein Zuschauer sie kannte. Auch ihrem Laudator Adel Tawil war sie fremd, zumindest die Aussprache ihres Künstlernamens Oonagh. Wie soll man auch ahnen, dass das Elbisch ist? Die „Herr der Ringe“-Gemeinde aber hat Gefallen an dem Gesäusel der 24-Jährigen gefunden, die als Newcomerin und beste Popkünstlerin geehrt wurde. Sich aber doch nicht auf Elbisch bedankte. Unser Mann aus Winnweiler dagegen ging leer aus: Mark Forster unterlag in der Kategorie Radio-Echo dem nun tatsächlich allbekannten Andreas Bourani. Diese Zuschauerentscheidung immerhin ist in Ordnung, wie auch der Kritiker-Echo für Deichkind, die bei ihrem Liveauftritt eine wichtige Botschaft am Leib trugen: „Refugees Welcome“, Flüchtlinge willkommen, stand auf ihren weißen Hemden – eine schöne Geste inmitten des reichlich absurden Fernsehabends.

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