Kaiserslautern
Klaus Weichel wird 70: Ex-OB zwischen Bezirksverband, Hörsaal und heimischem Garten
16 Jahre lenkte Klaus Weichel als Oberbürgermeister die Geschicke der Stadt. Im Sommer 2023 war Schluss. Zum 1. September wurde er in den Ruhestand versetzt. „Wir sind dann erstmal 14 Tage in Urlaub gefahren“, erinnert sich Weichel bei einer Tasse Kaffee. Die Zeit nach der Rückkehr sei schwierig gewesen, erzählt er. „Ich kam von einer Betriebstemperatur, die bei 150 lag“, verdeutlicht der Sozialdemokrat, der vor seiner OB-Zeit Präsident der Struktur- und Genehmigungsdirektion Süd war. Die Tage waren durchgetaktet. Plötzlich fehlte die Struktur.
Biologe zurück in der Biologie-Vorlesung
Weichel griff zu Büchern und es zog ihn in die Hörsäle der RPTU Kaiserslautern-Landau zu Biologie-Vorlesungen. Der promovierte Biologe sah, wie sich der Wissensstand seit seinem Studium an der TU verändert hatte. „Da liegen Welten dazwischen. Dinge, zu denen damals in den Fachbüchern stand, ,ist noch nicht erforscht’, das lernen die Studenten heute im zweiten Semester“, sagt Weichel.
Nach Jahrzehnten in der Politik zog es ihn auch zu Veranstaltungen der Politikwissenschaft. Marcus Höreth, Professor für Innenpolitik und Vergleichende Regierungslehre an der RPTU, erkannte den prominenten Gasthörer und fragte gleich, ob sie nicht zusammen ein Seminar anbieten sollten. „Das habe ich mit Freude angenommen“, sagt Weichel. Seit vier Semestern gibt er Studierenden nun Einblicke in die Kommunalpolitik, kann mit Beispielen aus der Praxis aufwarten – „selbstverständlich anonymisiert“, sagt Weichel lachend.
Im Bezirksverband für Biosphärenreservat zuständig
Die Seminare, das Lesen, seine Ehrenämter – Weichel ist nach wie vor Präsident des DRK-Kreisverbandes und Aufsichtsratsvorsitzender der Rettungsdienst GmbH – haben seinem Alltag eine neue Struktur gegeben. Großen Anteil daran habe seine Arbeit im Bezirksverband Pfalz. 20 Stunden pro Woche widme er seinem Amt im Schnitt: Weichel und Neustadts Oberbürgermeister Marc Weigel sind die Stellvertreter des Bezirkstagsvorsitzenden Landrat Hans-Ulrich Ihlenfeld. Zusammen bilden sie den Bezirksvorstand. „Wir haben dort ein Dezernatsmodell eingeführt, um die Arbeit besser zu verteilen“, sagt Weichel. Lauterns Ex-OB verantwortet die Themen Naturschutz, Biologie, Chemie und Energie, kümmert sich beispielsweise um das Biosphärenreservat Pfälzerwald-Nordvogesen. „Das Pfalztheater betreuen wir wegen der Komplexität gemeinsam“, sagt Weichel und ergänzt. „Das macht mir immer mehr Spaß“, und das, obwohl das Haus zuletzt wegen der Entlassung des künstlerischen Direktors Johannes Beckmann in die Negativschlagzeilen geriet. „Es ist eine ganz andere Stimmung als noch vor einem Jahr. Die Abozahlen steigen wieder, die Vorstellungen sind sehr gut besucht“, sieht er das Theater auf dem richtigen Weg.
Weg vom Nimbus der AfD-Hochburg
Ansonsten hat sich Weichel politisch zurückgezogen. „Zeit lässt steigen dich und stürzen“, zitiert er ein Buch über Friedrich II. und die letzten Staufer, „Da ist was Wahres dran“. Nur selten werde er noch um Rat gefragt – „das sage ich aber ohne Vorwurf und Häme“, versichert er glaubhaft. Zur Stadtpolitik hat er sich aus dem Ruhestand nie öffentlich geäußert. Eines treibt ihn aber doch um: „Überall, wo ich hinkomme, wird Kaiserslautern als AfD-Hochburg thematisiert. Diese Schelle, die uns da um den Hals gehängt wurde, hat Auswirkungen auf ansiedlungswillige Unternehmen und die Anzahl der Studierenden. Von diesem Nimbus müssen wir weg. Das hat diese Stadt nicht verdient“, sagt er.
Dann ist wieder Schluss mit Politik. Sie hat Jahrzehnte seines Lebens geprägt. Vieles musste hintanstehen – beispielsweise der heimische Garten. Natürlich habe er einen grünen Daumen, sagt Weichel mit Nachdruck: „Ich verfolge das Prinzip der gesteuerten Wildnis“. Alles, was sich von selbst anpflanze, lasse er erst mal wachsen, um zu schauen, welches Potenzial die Pflanze an dem Standort entwickle. Dann nehme er es zurück oder lasse es durchwachsen. Schmunzelnd fügt er an: „Das ist nicht der klassische Garten, wie ihn sich meine Frau vorstellt.“ In diesem Jahr habe der Garten unglaublich viele Äpfel und Nüsse hergegeben. In Säckchen habe er die am Zaun des Kreuzhofes in Erzhütten/Wiesenthalerhof verschenkt. „So lernt man die Nachbarn kennen“, sagt Weichel, dessen Elternhaus in der Zollamtstraße steht. Noch heute gehöre es ihm und seinem Bruder.
Gefeiert wird mit Weihnachtsmarkt
Nun also: 70. Wie fühlt sich das an? „Diese Frage wurde mir schon zum 60. gestellt. Die Antwort bleibt die gleiche. Das ist ein Lebensabschnitt. Da ist jetzt die Sieben davor, aber ich glaube nicht, dass sich das auf mein körperliches Wohlbefinden negativ auswirkt“, sagt Weichel. Feiern wird er mit Familie, Freunden und Weggefährten zuhause auf dem Kreuzhof mit einem kleinen Weihnachtsmarkt. Glühwein und Gulaschsuppe wird es geben. Anfang und Ende der Veranstaltung seien klar definiert. „Ich mache das wie die Amerikaner“, sagt Weichel lachend. Jetzt müssen sich die Gäste nur noch daran halten.