Krickenbach RHEINPFALZ Plus Artikel Jan Jaworksi-Brach beim Symposium im Steinbruch Picard

Auf Augenhöhe mit dem Sehnerv: Jan Jaworski-Brach vor seiner Skulptur „Die Haut, in der ich bin“.
Auf Augenhöhe mit dem Sehnerv: Jan Jaworski-Brach vor seiner Skulptur »Die Haut, in der ich bin«.

Er ist der Vertreter einer jungen Künstlergeneration, die keine Berührungsängste mit moderner Technik hat: Jan Jaworksi-Brach.

Gerade noch kann er die Anzahl seiner Symposien an einer Hand abzählen: Fünf sind es mit dem aktuellen im Steinbruch Picard. Macht eins pro Jahr, seit Jan Jaworksi-Brach seine Ausbildung an der Kunstakademie in Warschau beendet hat. Der 27-Jährige arbeitet und lebt – mit Freundin und Hund – in der polnischen Hauptstadt, mit seinem Atelier hat es eine besondere Bewandtnis.

Es war beim allerersten Bildhauersymposium anno 1986, als der renommierte polnische Bildhauer Adolf Ryska seine Skulptur „Ruhiger Stein“ im Steinbruch fertigte. Sie steht heute am Ausgang des Schweinstals, am idyllischen Weiher gegenüber des Parkplatzes. Als vor wenigen Jahren in einem Gebäudekomplex im nördlichen, recht grünen Stadtteil Żoliborz eines der drei dort befindlichen Ateliers frei wurde, schlug Jan Jaworski-Brach zu. Und befand sich fortan in der Nachbarschaft von Barbara Ryska, der Witwe des inzwischen verstorbenen Bildhauers. Und nun wirke er an dem Symposium mit, dessen Premiere Adolf Ryska einst erlebt habe.

Eine neue Erfahrung

Vier intensive Wochen liegen nun bald hinter dem hochgewachsenen Bildhauer, für den die Arbeit an einem so großen Stein eine neue Erfahrung bedeutet. 2,75 Meter ist sie hoch, 1,20 breit und etwa ein Meter tief. Nur in seiner Zeit als Assistent in Carrara habe er einmal die Bearbeitung in dieser Dimension mitgemacht. Und das, obwohl die Vorlage zu seiner Skulptur nur wenige Millimeter groß ist. Der Titel „Die Haut, in der ich bin“ hilft bei der Dechiffrierung der Skulptur weiter.

Denn Jaworski-Brach bildet im Riesenformat jene Stelle der gewölbten Netzhaut ab, aus der der Sehnerv heraustritt. Was auch die mit feinsten bis groberen Spuren versehene Oberfläche erklärt. Zuerst ist er dabei mit der Flex ans Werk gegangen, um die konkave Form herauszuarbeiten. Danach kamen diverse Bohrhämmer zum Einsatz, um eben jene Binnenstruktur mit unzähligen Schraffuren zu erzeugen. In der oberen Hälfte wölbt sich beiderseits hügelähnlich jene Stelle aus der steinernen Netzhaut empor, in die der Sehnerv seinen Ursprung findet.

Gibt es die Realität?

Auf das Thema sei er vor Jahren auf einem anderen Wettbewerb gekommen, in dem es um Optik und das Auge ging. Fortan hätten ihn makroskopische Aufnahmen des Augeninneren fasziniert. Die Idee sei also schon länger in ihm gereift und das Symposium nun die ideale Gelegenheit, sie umzusetzen. Dass die Übertragung mikroskopischer Strukturen vor allem im Großformat funktioniere, fügt der junge Pole noch an.

Erreicht das Bild der Skulptur über den jeweiligen Sehnerv des Betrachters dessen Gehirn, so kann es dort die verschiedensten Assoziationen hervorrufen. Und dabei durchaus auch den Symposiumstitel „Unverbrüchlich“ hinterfragen. Denn gibt es wirklich eine unverbrüchliche, eine objektive Realität? Oder trifft es eher die konstruktivistische Theorie, nach der die Wahrnehmung subjektiv ist, da jeder Mensch aufgrund seiner individuellen Erfahrungen seine eigene Wirklichkeit konstruiert und also eine „objektive Realität“ gar nicht existiert? Oder geht es, wie Jaworski es andeutet, „um die unzerstörbare Barriere, die uns von unserer Umwelt trennt“?

Nur ein Werkzeug?

Wirft der Pole mit seiner Arbeit hintergründigen Fragen wie diese auf, so ist er andererseits auch neuen technischen Entwicklungen gegenüber offen. Vor kurzem etwa hat er die Skulptur eines Hundes gefertigt – mit Hilfe eines Roboters, der das Tier aus einem Granitblock meißelte. Vorlage sei allerdings eine Kunststoffplastik aus seiner Hand gewesen. Ob er nicht befürchte, eines Tages ganz überflüssig zu werden, wenn die KI eigenschöpferisch tätig werde? Jaworski-Brach verneint lachend: „Ich kann es ohne ihn, er nicht ohne mich!“ Der Roboter sei für ihn lediglich ein äußerst effizientes Werkzeug – eine Argumentation, die man öfters gerade auch von Fotokünstlern hört.

Noch eine andere Bewandtnis hatte es mit der Hundeskulptur. Sie war Teil eines großen Grabmals, die ein polnischer Millionär bereits zu Lebzeiten für sich und die seinen von Jaworski anfertigen ließ. Auf Auftragsarbeiten wie diesen beruhe ein Teil seines Einkommens, bekennt Jaworski, ein anderer, stetigerer auf seiner Lehrtätigkeit an einer privaten Kunstakademie. Dass der junge Bildhauer seinen Weg in der Kunstwelt finden und gehen wird, scheint angesichts seiner Tatkraft und seines Ideenreichtums sicher. Offen ist dagegen noch der Standort für seine Skulptur. Ingelheim ist derzeit im Gespräch – ob sich nicht doch noch ein näherer Standort finden lässt?

Info

Das 15. Bildhauersymposium des Vereins Skulpturen endet mit einer Finissage am 28. September, 15 Uhr, im Steinbruch Picard, inklusive Kunstrundgang und Musik. Auch stehen die drei Künstler, der 78-jährige Mexikaner Carlos Monge, der 47-jährige Deutsch-Österreicher Stefan Esterbauer und der 27-jährige Pole Jan Jaworski-Brach zu ihren Arbeiten Rede und Antwort.

Mit dem Bohrhammer entsteht die feine Binnenstruktur.
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Stillleben am Rande mit Werkzeug und Modell.
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