Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Jüdische Gemeinde vor Einzug in ihr umgebautes Domizil

Die letzten Außenarbeiten an dem Gemeindehaus könnten sich wegen der Witterung noch ziehen.
Die letzten Außenarbeiten an dem Gemeindehaus könnten sich wegen der Witterung noch ziehen.

Vor über fünf Jahren musste die jüdische Kultusgemeinde in Kaiserslautern überraschend ihr Domizil verlassen: Aus Brandschutzgründen schloss die Stadt das Gemeindehaus in der Basteigasse. Die Umbauarbeiten gestalteten sich schwierig. Nun endlich steht der Einzug kurz bevor.

55 Jahre lang war das unscheinbare Gebäude in der Nebengasse der Eisenbahnstraße das Zentrum der jüdischen Gesellschaft in Kaiserslautern. Es diente als Synagoge und Gemeindehaus, für Gottesdienste ebenso wie für Verwaltung und Zusammenkünfte jeglicher Art. Am 26. November 2019 war damit plötzlich Schluss: Die Stadt machte das Gebäude von heute auf morgen dicht. Die geltenden Brandschutzbestimmungen waren nicht eingehalten.

Im Plan für die Baugenehmigung des Gebäudes aus den 1960er Jahren waren zwei Fenster im rückwärtigen Betsaal eingezeichnet. Bei einer Kontrolle im November 2019 stellte die Bauaufsicht jedoch fest, dass es diese Fenster nicht gab – und damit der nötige zweite Fluchtweg fehlte. Im Notfall bestehe Gefahr für Leib und Leben der Besucher, argumentierte die Stadtverwaltung und untersagte die Nutzung des gesamten Gebäudes. Überhaupt mangele es am technischen Brandschutz. Kurz zuvor, am 9. Oktober, waren bei einem Anschlag auf die Synagoge in Halle zwei Menschen getötet worden, ein geplanter Massenmord misslang.

Abrupte Schließung 2019 sorgte für Irritationen

In Kaiserslautern löste die abrupte Schließung damals Irritationen aus, nicht nur innerhalb der rund 350-köpfigen Gemeinde. Der damalige Oberbürgermeister Klaus Weichel entschuldigte sich rund einen Monat später für die Schließung ohne jegliche Ankündigung. Marina Nikiforova, Geschäftsführerin der jüdischen Kulturgemeinde, blickt fünf Jahre später schulterzuckend darauf zurück. „Es gibt sicher noch andere Gebäude in Kaiserslautern, in denen der Brandschutz nicht eingehalten wird“, sagt sie bei einem Ortstermin.

„Ich hatte einen zweiten Fluchtweg nach hinten angedacht“, erläutert Reinhold Reinhardt, Sicherheitsberater des Zentralrats der Juden in Deutschland und für zwölf Objekte in der Region zuständig. Er sei erst 2022 dazugekommen. Der direkt an das Gemeindehaus angrenzende Bau eines Investors, der zuvor Kaufinteresse an dem Gebäude der jüdischen Gemeinde geäußert habe, habe diese Pläne jedoch verhindert.

Inzwischen ist ein zweiter Fluchtweg nach vorne genehmigt und umgesetzt. „Die Auflagen des Ministeriums haben sich nach Halle stark verschärft“, betont Reinhardt. „Dadurch ist vieles schwer umzusetzen – und teuer.“ So sei beispielsweise Glas vorgeschrieben, das 200 Kilo pro Quadratmeter wiege. „Das ist von Hand nicht zu bedienen“, macht er klar. Erschwerend komme bei vielem hinzu, dass orthodoxe Juden am Schabbat keine Elektrizität nutzen dürfen.

Ein Wasserschaden sorgte zuletzt für Verzögerung

Die Sicherheitsbestimmungen gibt laut Reinhardt das Landeskriminalamt vor, für deren Umsetzung erhalten die Länder sowie der Zentralrat der Juden Geld vom Bund. „Ende 2021 hat sich eine Arbeitsgruppe für Deutschland gebildet, daraus hervorgegangen sind die Sicherheitsberater im Auftrag des Zentralrates.“

Neben den für den Brandschutz nötigen Umbauten wie Fluchtwege, Brandschutztüren und Rauchmelder hat die jüdische Gemeinde in dem Zug vieles andere erneuert. Im gesamten Gebäude wurden beispielsweise die Böden neu gemacht, Wände gestrichen, Sanitäranlagen und die Elektrik überholt sowie Fenster ausgetauscht. Der Einzug verzögerte sich jedoch immer wieder, zuletzt wegen eines Wasserschadens im Sommer. „Wir dachten, der würde uns zwei, drei Wochen kosten – jetzt sind es zwei Monate geworden“, berichtet Nikiforova.

Im Sommer hatte sie noch Hoffnung, dass der Einzug im Oktober stattfinden könne, inzwischen ist nicht einmal ein Einstellen erster Möbel vor Silvester sicher. „Hätten wir gewusst, dass es so lange dauert, hätten wir die Möbel nicht eingelagert, sondern jetzt neue gekauft...“, seufzt sie. „Im Januar oder Februar werden wir hoffentlich einziehen.“ Als offizielle Einweihung war der 23. Februar geplant, „doch dies durchkreuzen nun die Wahlen.“ Aus weiteren terminlichen Gründen stehe nun der 6. April für die offizielle Feier.

Ständig ein anderes Asyl für die Gemeinde

Die Gemeindemitglieder mussten in den nun fünf Jahren immer wieder woanders Asyl suchen. So erfuhren sie von katholischen und evangelischen Kirchen Unterstützung, dankt Nikiforova. „Seit zwei Jahren haben wir einen Mietvertrag mit einem ehemaligen portugiesischen Restaurant.“ Dauerhaft ein Gebäude mit Christen zu teilen, sei wegen der orthodoxen Ausrichtung der Lauterer Gemeinde jedoch nicht erlaubt. Der allergrößte Teil der hiesigen Mitglieder stamme aus der ehemaligen Sowjetunion. Für den Kantor mit seiner Frau müsse mangels Gemeindehaus für jeden Gottesdienst in Lautern ein Hotel bezahlt werden.

Die gesamtem Umbaukosten belaufen sich laut Nikiforova inzwischen auf über 2,5 Millionen Euro. Um dies zu finanzieren, wurde ein vermietetes Wohngebäude in Kaiserslautern für rund 160.000 Euro verkauft. „Über 630.000 Euro haben wir einen Kredit aufgenommen, vom Finanzministerium kamen gut 170.000 Euro, vom Zentralrat 326.000 Euro.“ Der Rest komme von der Stiftung der jüdischen Kultusgemeinde, und aus dem Erlös eines kürzlichen Verkaufs einer Berliner Immobilie.

Geschäftsführerin Marina Nikiforova im August vor dem Gebetssaal.
Geschäftsführerin Marina Nikiforova im August vor dem Gebetssaal.
Im Gebetssaal wird der Boden neu verlegt.
Im Gebetssaal wird der Boden neu verlegt.
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