Kaiserslautern „Ist nicht mehr die Flaniermeile“

91-83192313.jpg

Seit gut einem Jahr sind mit dem Bekleidungsunternehmen C&A und dem Lebensmitteldiscounter Aldi zwei einst zuverlässige Magnete aus der Eisenbahnstraße in die Einkaufsmall verzogen. Wie wirkt sich dieser Einschnitt auf die Kundenfrequenz in der Eisenbahnstraße und die dort ansässigen inhabergeführten Geschäfte aus? Die RHEINPFALZ hat gestern nachgefragt.

„So eine Straße ist immer im Wandel“, konstatiert Andreas Scherrer, Inhaber des gleichnamigen Blumenladens in zweiter Generation. Klagen nütze nicht, sei auch nicht seine Art. Durch den Wegzug von Aldi und C&A sei die Frequenz in der Straße etwas zurückgegangen, dafür gebe es jetzt mehr freie Parkfläche, was den Geschäften ja auch zugutekomme, findet Scherrer. Verändert hat sich nach seiner Einschätzung das Kundenverhalten hin zu mehr Qualität statt Quantität; die Leute kämen gezielter, um zu kaufen. Langfristig setzt der Blumenfachmann auf Kundenbindung: „Die ist auch ein zartes Pflänzchen, das gepflegt sein will.“ Silvia Rapp, Geschäftsführerin des Reisebüros „Die ReiseExperten“, kann nach dem Wegzug der beiden Kundenmagneten keinerlei Auswirkung auf ihr Alltagsgeschäft feststellen. Das Reisebüro habe sich nach knapp vier Jahren in der oberen Eisenbahnstraße etabliert und sei nicht von Laufkundschaft abhängig: „Als Dienstleister spüren wir die Veränderung in der Straße nicht. In der Regel werden wir gezielt aufgesucht.“ „Man muss sich was einfallen lassen, man kann nicht nur abwarten und sich auf die Stadt verlassen“, ist die Meinung von Patrick Kirch, Inhaber des Fachhandels für Büro- und technische Zeichenartikel samt Modellbau. Sein Geschäft habe viele Stammkunden unter Studenten und Schülern und biete eine Vielfalt von Artikeln. Kirch hat außerdem sein Geschäft schon vor der Eröffnung der Mall auf 350 Quadratmeter und zwei Ebenen erweitert, Kundenkarten mit Preisrabatt für Stammkunden eingeführt und wartet jetzt ab, was das Citymanagement bewirken kann. Die Leerstände findet er für diese Einkaufsmeile noch vertretbar, würde aber die dazu gehörigen Schaufenster gerne verschönern – warum nicht mit Bildern von Kindergartenkindern? Für die älteren Leute fehle eindeutig ein Supermarkt in der Straße und die Parkplatzsituation sei katastrophal. „Die Eisenbahnstraße ist seit Jahr und Tag nicht mehr die Flaniermeile, die sie einmal war“, stellt Daniel Kraus, Inhaber des „540 Fiveforty“, fest. Kunden, die bei ihm Livestyle- Produkte kaufen, steuern das Geschäft gezielt an. Dass C&A weggezogen ist, interessiere ihn eher nicht. Aldi sei da schon eher ein Magnet gewesen. „Wenn man sich Mühe gibt, nach außen einladend zu wirken, hat man es in der Eisenbahnstraße sicher nicht schwerer als an einem anderen Standort“, so Kraus. Er ist Ende 2013 mit seinem Geschäft aus der Richard-Wagner-Straße hierher gezogen. Positiv erkennt er, dass die Stadt aus der Not heraus mit dem Citymanagement Ideen suche und Lösungen anstrebe, die den Immobilienbesitzern wie den Händlern gerecht werden. „Wir sind ein bisschen abgehängt“, hat Stephanie Weinmann-Paul festgestellt. Die Besitzerin der Lutrina-Apotheke hat diese von ihren Eltern übernommen und ist voll motiviert, sich nicht unterkriegen zu lassen. Keinesfalls möchte sie, dass es der Eisenbahnstraße so ergeht wie der Rudolf-Breitscheid- und der Richard-Wagner-Straße. Diese Verödung möchte Weinmann-Paul nicht haben: „Wir können ja nicht weg, aber wir möchten natürlich Unterstützung.“ Für sie erhebt sich daher die Frage: „Was macht die Stadt?“ Heidi Kowalski ist 1986 mit ihrem Handarbeits- und Wollladen in die Eisenbahnstraße gezogen. Sie hat das einzige Geschäft in der Stadt in dieser Branche. Zu ihr kommen die Leute nach wie vor gezielt. Wenn sie aus dem Schaufenster schaut, ist sie trotzdem traurig: „Die Eisenbahnstraße ist tot; wenn Leute vom Bahnhof kommen, ist sie ein einziger toter Winkel.“ Glück gehabt haben die Einzelhändler ihrer Ansicht nach, dass wenigstens der Drogeriemarkt Müller und Strauß Innovation als Anziehungspunkte geblieben sind. (krh)

Mehr zum Thema
x