Kaiserslautern Intensive Auseinandersetzung mit der Trauerkultur

„Der Preis ist ein riesiges Geschenk für uns junge Filmemacher“: Britta Schwem beim Abstecher auf dem Martinsplatz.
»Der Preis ist ein riesiges Geschenk für uns junge Filmemacher«: Britta Schwem beim Abstecher auf dem Martinsplatz.

Ein Film über die südkoreanische Trauerkultur, zivilen Ungehorsam und den Kampf um Wahrheit und Gerechtigkeit: Darum geht es in dem Dokumentarfilm „Sewol – Die gelbe Zeit“, der in diesem Jahr mit dem 54. Grimme-Preis ausgezeichnet wurde. Zum Film-Team gehört auch die Kaiserslauterer Drehbuchautorin Britta Schwem, die sich mit RHEINPFALZ-Mitarbeiterin Katharina Kovalkov zu einem Kaffee-Plausch am Martinsplatz traf. Eine Begegnung.

Mit wildem kastanienrotem Haar und zunächst auch einem dicken Schal um den Hals sitzt die gebürtige Kaiserslauterin Britta Schwem vor dem laut rauschendem Brunnen auf dem St. Martinsplatz. Noch leicht erkältet, nippt sie am Milchkaffee. Die Grippewelle hat auch vor der 37-Jährigen, die heute in München lebt, nicht Halt gemacht. In den Osterferien war sie zu Besuch bei der Familie in Kaiserslautern. Und zu feiern hatte sie auch etwas. Vor kurzem wurde die Drehbuchautorin mit dem 54. Grimme-Preis ausgezeichnet für ihre Arbeit an dem Dokumentarfilm „Sewol – Die gelbe Zeit“ (2017), für das sie (zusammen mit Gregor Koppenburg) das Drehbuch schrieb. Der Film – unter der Regie von Minzu Park – zeigt die Hintergründe und Konsequenzen des Unglücks der südkoreanischen Fähre „Sewol“, die am 16. April 2014 mit 476 Passagieren unterging. Der Großteil waren Kinder, die sich auf einer Klassenfahrt befanden und teilweise mit dem Handy die Katastrophe filmten und sich von ihren Eltern verabschiedeten. „Es sind Szenen schmerzhaftester Intensität, die für den so leisen wie eindringlichen Film ,Sewol — Die gelbe Zeit’ einnehmen, der trotz aller Intensität nie ins Voyeurhafte kippt“: So lautete die Begründung der Grimme-Preis-Jury. „Diese Aufmerksamkeit zu bekommen, ist großartig. Damit hat niemand von uns gerechnet“, so Schwem selbst. Die Autorin arbeitete lange Zeit am Theater und studierte Angewandte Theaterwissenschaft (Diplom) in Gießen und Rennes. Schon kurze Zeit später drängte es sie zum Journalismus. Noch während ihrer Ausbildung zur Kulturkritikerin merkte sie, dass ihr das Szenische Schreiben viel mehr liegt, und sie begann ihr Studium in Drehbuch an der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) München. Seit 2013 schreibt sie nun dokumentarische und fiktionale Formate – mit großem Interesse für „Geschichten über echte Menschen und starke Figuren, die damit ringen, das Beste aus ihrer Situation zu machen und versuchen, ihr Schicksal zu prägen.“ Als ebensolche Menschen beschreibt die Filmemacherin die Angehörigen der „Sewol“-Opfer, die bis heute für unabhängige und transparente Untersuchungen demonstrieren und sich damit gegen die restriktive südkoreanische Regierung stellen. Der Dokumentarfilm sollte aber nicht nur aufzeigen, was passiert ist und wer Schuld an der Katastrophe hat, sondern wie Angehörige mit ihrem Verlust umgehen. Der südkoreanische Regisseur Minzu Park, der als Schüler selbst mit der Sewol-Fähre seine Abschlussfahrt gemacht hat, war direkt nach der Katastrophe in seiner Heimat und begann mit den Dreharbeiten. Über Monate hatte Park die Protagonisten des Films – eine junge Schülerin, einen gebrochenen Vater und zwei Mütter – in ihrem Trauerprozess begleitet und hält bis heute den persönlichen Kontakt zu den vier Hinterbliebenen. Schwem selbst war nicht in Korea. „Es ist ein wahnsinnig spannendes Land. Aber ich zögere ein bisschen, weil es auch ein Land ist, das man in Sprache und Kultur verstehen muss, um das Vertrauen und die Nähe zu den Menschen herstellen zu können.“ Für die Drehbuchautorin war es jedoch wichtig, die Botschaft und Vision Parks „in eine Form zu übertragen, die auch vom Westen verstanden wird. Denn Trauer ist universell verständlich“. Der Kampf der Eltern und Angehörigen um die Wahrheit „sind Szenen, die wir in Europa so von Südkorea noch nicht hatten. Die Eltern kämpfen gegen ihre eigene Natur und Erziehung, riskieren ihre Identität, um ihren Kindern Gerechtigkeit zu verschaffen“. Denn die koreanische Kultur gründet auf Respekt, Höflichkeit und Gehorsam. Umso herausfordernder sei die Realisierung des Films gewesen. „Wir stellten uns die Frage: Wie viel Trauerkultur darf man zeigen? Minzu war immer sehr angespannt – vor allem, als der Film in Fernsehen gezeigt wurde und auch bei der Premiere auf dem Dokumentarfilmfestival in München. Es ist natürlich schwierig, in einem Land, in dem Gesichtsverlust das Schlimmste ist, den Finger in die Wunde zu legen“, erinnert sich Schwem. Zumal der Dokumentarfilm es heutzutage sehr schwer habe, „Aufmerksamkeit und finanzielle Unterstützung zu finden“, weiß die Autorin. Glücklicherweise haben jedoch Petra Felber und Fatima Abdollahyan vom Bayerischen Rundfunk das Potenzial und die Dringlichkeit des Films erkannt und in Kooperation mit der Hochschule das Projekt unterstützt. Die Produzenten des Films Christine Ajayi (Dreamlead Pictures) und Maximilian Plettau (Nominal Film) haben sich für die Nominierung des Films für den Grimme-Preis eingesetzt. Mit Erfolg. „Ich bin wahnsinnig glücklich und stolz, dass die Anstrengung, Leidenschaft und Energie, die in dieses Projekt geflossen sind, honoriert wurden. Wir sind junge Filmemacher, und es ist für uns ein riesiges Geschenk.“ Bevor sie ihren Milchkaffee beendet, antwortet Britta Schwem noch schnell auf die Frage, wie es für sie weitergeht. Sie möchte sich auch in Zukunft unorthodoxen und provokanten Themen widmen. Derzeit schreibt sie an ihrer eigenen Abschlussarbeit für die HFF München – ein Drehbuch zu einem Thriller, in dem es um einen Serienmörder geht, der ein Kind erzieht. Grundsätzlich wolle sie aber „engagierte Filme“ unterstützen, die „Partei ergreifen für eine Seite, die Unterstützung durch Filmemacher braucht“, sagt die Filmemacherin und eilt zum Zug zurück nach München.

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