RHEINPFALZ-Sprechstunde Hilfe bei Depression: Betroffene müssen entscheidenden Schritt machen und „Ja“ sagen

Georg Altmeyer vom Pfalzklinikum Kaiserslautern hatte ein offenes Ohr für die Fragen der Leserinnen – und immer eine Antwort par
Georg Altmeyer vom Pfalzklinikum Kaiserslautern hatte ein offenes Ohr für die Fragen der Leserinnen – und immer eine Antwort parat.

Wie kann man einer Depression entkommen – und was können Angehörige tun, um jemandem mit der Erkrankung zu helfen? Psychiater Georg Altmeyer hat eine Stunde lang Fragen beantwortet. Und mehrere sehr bewegende Telefonate geführt.

Fast ein Dutzend Frauen haben am Mittwochvormittag die Gelegenheit genutzt, um mit dem Oberarzt des Pfalzklinikums in Kaiserslautern über das Thema Depression zu sprechen. Gleich mehrfach ging’s darum, wie sich möglicherweise depressive Angehörige dazu motivieren lassen, sich helfen zu lassen. Erster Ansprechpartner ist laut Altmeyer der Hausarzt, der weitere Hilfe vermitteln könne. Das müsse nicht immer gleich ein stationärer Aufenthalt sein, winkt Altmeyer ab, im Gegenteil: „Das ist die letzte Option, wenn ambulant nichts mehr geht.“

In den meisten Fällen helfe bei einer Depression eine Behandlung bei Psychiatern, die Medikamente verschreiben können, oder bei Psychotherapeuten, die mit Gesprächen arbeiten. Altmeyer: „Manchen Menschen hilft es auch, in einer Selbsthilfegruppe auf Leute zu treffen, denen es ähnlich geht. Jeder sollte seinen Weg finden.“ Eine erste Anlaufstelle könne das Bündnis gegen Depression sein (einfach online danach googeln).

Sozialpsychiatrischer Dienst kommt ins Haus

Was aber, wenn der Sohn keine Hilfe annehmen will, wie bei einer Anruferin der Fall? Der Mann mittleren Alters lebe zurückgezogen und allein, pflege keine sozialen Kontakte. Hilfsangebote der Mutter schlage er immer wieder aus. Die Frau wollte wissen, ob nicht mal jemand bei ihr vorbeikommen kann. Altmeyer verwies sie an den Sozialpsychiatrischen Dienst des Gesundheitsamtes: „Die kommen bei Ihnen vorbei und schlagen Lösungen vor, nachdem sie sich ein Bild gemacht haben.“ Allerdings müsse der Betroffene immer den entscheidenden Schritt machen: „Er muss ,Ja’ sagen.“

Altmeyer warnte davor, allen alleinstehenden Menschen eine Depression zu unterstellen: „Nicht jeder, der alleine ist, ist psychisch krank. Es gibt Menschen, die sind allein und mit ihrem Leben sehr zufrieden.“ Gleichwohl seien gerade ältere, alleinstehende Männer die gefährdetste Gruppe, was Selbstmorde angeht. „Die holen zu selten Hilfe“, bedauerte Altmeyer. Bei Frauen sei das oft anders, wie die Telefonaktion zeigte.

Ehepartner nimmt die Krankheit nicht ernst

Eine Anruferin berichtete, dass sie sehr unter ihrer Depression leide, „in der Beziehung gibt es nur noch Streit“. Sie beginne den Tag oft lustlos und weinerlich, ihr Partner nehme die Krankheit nicht ernst: „Das ist das Wetter.“ Altmeyer riet der Frau, einen Facharzt für Psychiatrie oder einen Psychotherapeuten aufzusuchen: „Was Sie schildern, zeigt, dass Sie belastet sind.“

Eine andere Anruferin berichtete von Atemnot und Panikattacken. Da sie bereits in Behandlung ist, soll sie sich noch einmal mit ihrem Arzt austauschen, der könne die Therapie dann anpassen, so Altmeyer.

„Weihnachten 2023 ist besonders hart“

„Ich bin gut versorgt“, sagte eine Anruferin, die unter einer Depression leidet. Wer keine Familie habe und sich für den Weihnachtsrummel nicht interessiere, für den werde dieses Jahr – Heiligabend fällt auf einen Sonntag – besonders hart: „Da ist drei Tage lang nichts. Wer auf dem Land wohnt, kommt nicht mal mit dem ÖPNV da weg.“ Gerade an den Feiertagen säßen viele Menschen „allein und einsam da“. Sie selbst bereite diese Tage vor, stelle sich ein kleines Programm zusammen, „vielleicht hilft das ja auch anderen“, sagte die Frau am RHEINPFALZ-Telefon. Sie wünschte sich mehr Angebote von Gemeinden an Feiertagen.

Die letzte Anruferin der Sprechstunde hatte sich wegen ihres Lebenspartners gemeldet. Der habe vor wenigen Wochen seine Tochter verloren. Die fast 30-Jährige habe sich selbst umgebracht – „das war vorher nicht zu erkennen“. Der Vater leide sehr unter dem Verlust. „Vielleicht kann eine Trauergruppe helfen“, sagte Altmeyer. Beispielhaft nannte er die Gruppe der Pfarrei Heiliger Martin in Kaiserslautern. Laut der Anruferin habe ihr Lebenspartner nun viele Fragen zur Erkrankung Depression, als Anlaufstelle nannte Altmeyer auch hier die Onlineseite des „Bündnisses gegen Depression“. Dort seien viele Informationen und Hilfsangebote zu finden.

Hinweis der Redaktion

Sollten Sie sich selbst in einer Krisensituation befinden: Es gibt Organisationen, die Hilfe und Auswege anbieten. Bitte holen Sie sich Hilfe. Rufen Sie zum Beispiel bei der Telefonseelsorge an (0800-1110111). Für Kinder- und Jugendliche gibt es außerdem die „Nummer gegen Kummer“ (116111).
Gemäß Pressekodex verhält sich unsere Redaktion bei Suizidfällen zurückhaltend. Wir berichten in der Regel nicht über sie, um gefährdete Personen nicht zum Nachahmen zu animieren. Wir machen eine Ausnahme in Fällen von besonderem öffentlichem Interesse, etwa wenn eine breite Öffentlichkeit betroffen ist.

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