Kaiserslautern „Herzliche Grüße, Asli Erdogan“

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An Frankfurts Künstlerhaus Mousonturm prangt jetzt in Leuchtschrift das Spielzeit-Motto, auf Englisch: „The future will be confusing“. Die Zukunft wird verwirrend sein. Ein Stück weiter weg, bei der Buchmesse, gilt das natürlich schon jetzt. Gestern Abend ist sie mit königlichen Gästen eröffnet worden. Morgens war die Pressekonferenz. Die Messe geht bis einschließlich Sonntag. 7100 Verlage aus 100 Ländern machen mit.

Bin ich hier richtig? Offenbar hat der Taschen-Verlag den Raum Illusion (!) im Congress Centrum gemietet, um einem dieselbe zu rauben. Also den Ort der Buchmessen-Eröffnungspressekonferenz. Kostümierte Verlagsdamen sind aufmarschiert. Die Kameras postiert, als käme Justin Bieber. Irgendwie soll das alles mit einem neuen Messeschwerpunkt zu tun haben, der sich „The Arch+“ nennt und 45 Aussteller umfasst. Bisher fand man in Halle 4.1. Kunstverlage wie Hatje Cantz und Kehrer. Jetzt aber, gesponsert von der laut Pressetext „Medien-Investorin und Kunstsammlerin“ Christiane zu Salm, haben sich dort das MoMa, New York, Google und das Amsterdamer Anne Frank Haus zum „Handelsplatz für kreativen Inhalt“ gruppiert. Im Raum Illusion blättert ein weiß behandschuhtes Model „A Bigger Book“ auf. So steht’s drauf. „Bitte noch mal!“, sagt jemand. Das Model lächelt haifischig. Die Spannweite des Kloppers vor ihr beträgt eineinhalb Meter. Ein Kunstband der „Sumo“-Reihe im Taschen Verlag, ein reines Bilderbuch mit einer Seite handschriftlichem Text zu Beginn. Es liegt auf einem Stativ mit drei unterschiedlichen Farben. Der Designer des Sockels ist Australier und ein Star, er heißt Marc Newson, wie in einem Verlagsprospekt zu lesen ist. Das Buch indes behandelt das Lebenswerk eines Künstlers, der noch ein paar Nummern größer ist als der Ständerschreiner, sorry: bigger. David Hockney, Malerdandy oder Dandymaler, ein neuer Matisse was auch immer, der Typ, der mit Batschkapp und dicker Uhubrille auf der Nase in unserem kulturellen Gedächtnis längst als sein eigenes knuffiges Klischee fungiert. 79 Jahre alt ist der Nordengländer jetzt, wohnt nach Jahrzehnten in den USA wieder zuhause in Brexit-Land, schwul ist er immer gewesen. Auf seinen weltberühmtesten Bildern scheint seit den Neunzehnhundertsechzigerjahren die ewige kalifornische Sonne auf Pool und Poolboys, Splish Splash und L.A.-Heititeiti. „Bitte mal anheben das Buch!“, ruft es aus einem Kameraassistenten heraus. Ein ziemlich großer Mann mit irritierend geschientem Bein humpelt jetzt zur Tat. Das „Bigger Book“-Ding wiegt 35 Kilo. Auflage 10.000, steht im Prospekt. Und, dass die ersten 1000 Exemplare, inklusive Ausdruck einer Hockney-Ipad-Malerei und dem Newson-Sockel 4000 Euro kosten. Die nächsten 9000 Exemplare mit Stativ, ohne Ausdruck 2000. Ein „Abteilungsleiter Kultur“ vom Hörfunk hinter mir checkt die Likes auf seinen jüngsten Tweets. Im Raum Illusion wird weiter auf Hockney gewartet, himself!, als mitten in die Verkaufsveranstaltung doch noch die Eröffnungspressekonferenz der Buchmesse platzt. Ach, denkt man sich. Fünf Minuten dürfe nachher fotografiert werden. Bitte, kein Gerempel, keine Fragen, keine Selfies, sagt eine Dame von der Messe. Ein Bodyguard steht breitbeinig vor der Tür. Er bewacht keineswegs Heinrich Riethmüller, Brille randlos, einen unscheinbaren Mann ohne Hut. Hockney kommt gleich, Riethmüller muss sich beeilen. „Nie waren Kulturschaffende wichtiger“, sagt der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels dann. Syrien sagt er. Und Türkei. Und sinngemäß: schlimm. „Die Politik schaut zu und schweigt“, sagt Riethmüller. Schon 80.000 Menschen hätten die Petition #FreeWordsTurkey unterschrieben. Eine geschmuggelte Botschaft von Asli Erdogan, einer kurdisch-türkische Schriftstellerin und Journalistin, die „hinter Steinen, Beton und Stacheldraht“ in einem Istanbuler Gefängnis sitzt, verliest er erst abends bei der Eröffnung. Die Umsätze der Buchbranche in Deutschland sind laut Riethmüller aber stabil. Im Saal beginnen die Fotografen, Probefotos zu schießen. Juergen Boos, der Buchmessen-Direktor ohne Umlaut, der jetzt ans Mikro tritt, hatte als Student ein Hockney-Poster an Wand. Sechs Aussteller kämen aus Syrien, erwähnt er. Aus Kuwait oder Saudi-Arabien keine. „Literatur kann helfen, die Welt zu sortieren“, sagt Boos. Der Anteil der nicht traditionellen Produkte auf der Messe wüchse. Boos sagt, er sei sehr aufgeregt. Wegen Hockney. Der watschelt dann auch bald ins Bild. Weiße Batschkapp, weißes Hemd, rote Krawatte, grüne Weste, Bundfalthosen in beige. Süßer Opa. Blitzlichtgewitter. Er setzt sich. Er male ja seit einiger Zeit schon mit dem Ipad, sagt er. Manchmal sogar vor dem Aufstehen morgens. Mit dem Finder oder einem Stift. Ein Riesenbildschirm im Ipad-Format wird hochgeladen. Hockney fängt an, zu erzählen. Auf dem Bildschirm vervollständigen sich Linien zum fertigen Bild. Ein Glas-Aschenbecher, der in Brenners Park-Hotel in Baden-Baden stand. Der Eiffelturm, wie er doch so schön leuchtet. Ein Freund mit ungeordnetem Haar am Frühstückstisch. Ein Kaktus auf der Fensterbank zuhause in Bridlington, im Hintergrund geht die Sonne auf. So geht das hin. Ipad-Linien auf dem Ipad-Riesenbildschirm. Hockney im Sessel. Lange Sprechpausen. Warten. Jemand sagt: „Ich bin in jedes einzelne Bild verliebt“. Dann trottet Hockney grußlos aus dem Saal. „Ich bewundere Sie“, ruft Juergen Boos ihm hinterher. Im Hintergrund hält sich der Taschenverleger. Noch Fragen an Herrn Riethmüller oder Herrn Boos, sagt die Pressedame in die konfuse Aufbruchsstimmung. Es gibt keine. P.S. Die aus dem Gefängnis geschmuggelte Botschaft von Asli Erdogan lautet: „Auch wenn ich nicht weiß wie, aber die Literatur hat es immer geschafft, Diktatoren zu überwinden. Die Literatur, die wir mit unserem eigenen Blut schreiben, denn diese ist für mich die Wahrheit. Herzliche Grüße, Asli Erdogan“. Informationen —Schwerpunktland: Flandern und die Niederlande (lesen Sie dazu morgen auf dieser Seite einen Text von Susanne Schütz). —Öffnungszeiten für Privatbesucher: Am Samstag, 22. Oktober, 9 bis 18.30 Uhr. Sonntag 9 bis 17.30 Uhr. Tageskarte: 19 Euro. —Internet: buchmesse.de. — Türkei-Petition: www.freewordturkey.de/petition.

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