Kaiserslautern
Heinz Leopold Sulanke: Kapellmeister hält Pfalztheater über Jahrzehnte die Treue
Der Vollblutmusiker Heinz Leopold Sulanke kam am 14. Januar 1914 als Sohn eines Ballettmeisters in Dortmund zur Welt, wo er auch das Musikkonservatorium besuchte. In Wien war Franz Lehár sein Lehrmeister. Bereits 1932 wurde er ans Stadttheater Oberhausen engagiert. Vier Jahre später folgte er einem Ruf nach Kaiserslautern, wo gerade der 29-jährige Erich Schumacher als jüngster Intendant Deutschlands die Leitung des „Landestheaters für Pfalz und Saargebiet“ übernommen hatte.
Dieser war überzeugter Parteigänger der Nazis. Die Lauterer Musiker hatten sich allerdings bereits vorher geschlossen der NS-Idee zur Verfügung gestellt – als eines der ersten Orchester im neuen Regime. Sie marschierten sogar als „Gau-Musikzug“ bei den Reichsparteitagen in Nürnberg mit.
Für jüdische Ensemblemitglieder – etwa die Sopranistin Hilde Mattauch und den jungen Kapellmeister Kurt Herbert Adler – hatte der Musentempel dagegen keine Verwendung mehr. Immerhin überstanden sie die NS-Zeit lebend im Exil. Die Periode als „braunen Spuk“ zu bagatellisieren, ist gleichwohl unangebracht. Sie führte in eine Weltkatastrophe mit Abermillionen Toten. 1941 musste auch Heinz Leopold Sulanke ins Feld ziehen.
Fürs Lauterer Theater kam das Ende mit der Bombennacht zum 14. August 1944 – zwei Wochen vor der von Goebbels im Angesicht des „totalen Kriegs“ befohlenen Schließung sämtlicher Bühnenhäuser. Noch Anfang September tönte das Nazi-Parteiblatt „NSZ Westmark“: „Es ist kein Abschied. Nichts geht uns verloren. Weder der Geist der Dichtung noch die Schauspielkunst, die ihn farbig erfüllt. (…) Wenn die Vorhänge an unseren Theatern wieder aufrauschen, werden der Schauspieler (…) und die Sängerin vor Zuschauern erscheinen, die sich (…) ihre eigene Freiheit und ihr eigenes Leben Tag um Tag bitter erkämpft haben.“
Die Freiheit brachten andere, nach dem Zusammenbruch war von rauschenden Vorhängen vorerst keine Rede. Als Sulanke 1945 aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft nach Kaiserslautern zurückkehrte, war das Theatergebäude in Schutt und Asche gesunken, das Ensemble in alle Winde zerstreut. Die wenigen Verbliebenen, die bis zuletzt am Pfalztheater engagiert waren, wagten erst im Spätsommer 1945 eine Wiederbelebung des Kulturgeschehens.
Einer von ihnen war der 35-jährige Bassbariton Adolf Götting, der 1938 ans Pfalztheater gekommen war. Der jetzt 31 Jahre alte Heinz Leopold Sulanke sprang ihm zur Seite, um im Auftrag der Stadt den geretteten Fundus zusammenzutragen. Mit Billigung, aber ohne Zuschuss sowohl der Kommune als auch der französischen Militärbesatzung riefen sie vier Monate nach Kriegsende die „Städtischen Bühnen“ ins Leben.
Erster Nachkriegs-Opernabend findet im Kino statt
Unter Leitung von Sulanke fand am 2. September 1945 ein Kammerkonzert statt – die erste Kulturveranstaltung der Nachkriegszeit im gesamten Verwaltungsgebiet Hessen-Pfalz. Für den 23. September luden Sulanke und das Orchester der „Städtischen Bühnen“ zum Opern-Abend ins Capitol-Kino in der heutigen Rudolf-Breitscheid-Straße ein.
Auf dem Programm standen Werke von Weber, Rossini, Mozart und Nicolai. Die Gesangssolisten waren alte Bekannte: Elsa Rohjan und Antonie Dietscher (beide Sopran), Karl Rumpf und Emil Heinrich (beide Tenor), Ernst Gabelmann (Bariton) und Irene Koch (Alt).
Der umtriebige und verlässliche Adolf Götting wurde schließlich zum kommissarischen Intendanten berufen, ehe kurzzeitig der frühere Schauspieldirektor Karl Gaebler den Posten übernahm. Derweil dirigierte Heinz Leopold Sulanke am 4. November mit „Madame Butterfly“ die erste Opernaufführung; vier Wochen später folgte die Operette vom „Schwarzwaldmädel“.
Als die „Städtischen Bühnen“ im Frühjahr 1946 in „Pfälzisches Landestheater“ umbenannt wurden, amtierte Sulanke kurzzeitig als kommissarischer Leiter. Es folgte ein kurzes Intermezzo als freier Komponist in München. Nachdem er in zweiter Ehe eine Lautererin geheiratet hatte, ließ er sich endgültig in Kaiserslautern nieder.
Ein Förderer Fritz-Wunderlichs
Der blutjunge Fritz Wunderlich, dem seine strahlende Karriere als Star-Tenor noch bevorstand, wurde von Sulanke sowie dessen beiden Lauterer Kollegen Emmerich Smola und Josef Müller-Blattau entdeckt. In einer von Sulanke dirigierten Aufführung der Märchenoper „Hänsel und Gretel“ war Wunderlich Ende 1948 auch im Kinosaal seiner Heimatstadt Kusel zu erleben. Seine Partnerin war Helgard Müller, die wie er tragisch früh sterben musste.
Maestro Sulanke blieb Erster Kapellmeister am Pfalztheater, als anno 1950 der Schwabe Paul Landenberger als Korrepetitor verpflichtet wurde. Als dieser 41 Jahre später in den Ruhestand trat, wurde er als der „am längsten beschäftigte Dirigent“ zum Ehrenmitglied des Ensembles ernannt. Die Dienstzeit von Heinz Leopold Sulanke war nur unwesentlich kürzer, doch mochte er sich nicht mehr fest ans Haus binden.
Mit Hingabe dem Laienchorwesen gewidmet
Für die Generalmusikdirektoren war Kaiserslautern meist nur eine kurze Zwischenstation. Nach Sulankes Interim hießen die Orchesterchefs Paulmüller, Habermehl, Riede, Bodart und Reinhardt, ehe 1959 der aus Siebenbürgen gebürtige Carl Gorvin kam und immerhin fast zehn Jahre blieb.
Heinz Leopold Sulanke wirkte indes nicht nur am Pfalztheater, sondern widmete sich – unter anderem im Pfälzischen Sängerbund – mit großer Hingabe dem Laienchorwesen. Er war Kreischorleiter und zudem Dirigent zahlreicher Chöre und Gesangvereine, unter anderem in Mehlingen, Enkenbach sowie den Lauterer Stadtteilen Erlenbach und Wiesenthalerhof. Ferner gründete er Vokalensembles für Kinder und übernahm 1955 die Leitung des Städtischen Chors, der später mit dem Volkschor verschmolz.
Auch als Komponist dem Chorgesang verbunden
Vom Arrangeur zum Komponisten ist es nur ein kleiner Schritt. Als Tonsetzer schrieb Heinz Leopold Sulanke zwar für Blas- und Akkordeonorchester, frönte aber vor allem seiner besonderen Liebe zum Chorgesang. Sätze wie „Pfälzer Weinlied“, „Einmal muss Schluss sein“, „Die Musik spielt auf“, „Pfälzer Musikanten“ und „Schönes Pfälzerland“ waren lange Bestandteil der Chorliteratur.
Ferner vertonte er den Gedichtzyklus „An nächtlichen Ufern“ des Lauterer Poeten, Feuilletonisten und RHEINPFALZ-Redakteurs Gert Friderich. Das Opus wurde 1979 von der Saarländischen Singgemeinschaft unter Leitung von Kurt Kihm in dessen Heimatstadt Blieskastel uraufgeführt.
Pfalztheater und Stadt keinerlei Ehrung wert
Vier Jahre später wurde er mit der Peter-Cornelius-Plakette ausgezeichnet, die das Land Rheinland-Pfalz für „besondere Verdienste auf dem Gebiet der Musikpflege“ vergibt. In der Begründung hieß es weiter, Sulanke habe „zusammen mit (dem 1980 verstorbenen, Anm.) Adolf Götting das Theater- und Musikleben in Kaiserslautern und der Pfalz mehr als vier Jahrzehnte mitgeprägt“.
Der Musiker aus Dortmund blieb als Ruheständler weiterhin in Kaiserslautern. Nach längerem Leiden, aber dennoch unerwartet starb er am 16. Juli 1983 mit 69 Jahren in Salzburg. Eine Ehrung des Pfalztheaters, seines Fördervereins oder der Stadt ist ihm nicht zuteil geworden. Sein Publikum behält ihn in dankbarer Erinnerung.