Kaiserslautern German Gemütlichkeit

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Noch bis Sonntag läuft in Köln die Möbelmesse. Ein Fest für Hobbysoziologen. Was gibt es zu sehen?

Bescheuerter Begriff, German Gemütlichkeit, die Richtungsangabe der Möbeltrendpolizei für die Saison 2015. Sie erlaubt sogar Hirschgeweihgarderoben und rosafarbene Hofbräuhaushocker, Deko-Hunde mit Strickfell. Unübersetzt klingt die Losung vielleicht zu sehr nach Fettwanst mit Achselschlusshemd im Couchkoma. Die teutonische Weltflucht aufs Biedermeier-Kanapee stellt aber, wenn man zweimal nachdenkt, schon eine Bewegung der Stunde dar. Kurzzeitige Je-suis-Seligkeit und Pegida-Anti-Pegida-Aufwallung werden daran nichts ändern. Die Angst vor irgendwas ist schließlich der letzte Konsensfixpunkt der lebensideologisch „schwarz-grünen“ Gegenwartsgesellschaft zwischen Patchworkfamilie, Dutt und Dreitagebart, schicker Wohnung und Bio-Essen. Dagegen hilft nur – wie immer –, zu Hause zu bleiben, auf dem Sofa mit Schallschutzwänden, in der guten Stube, die abgeschwächt auch wieder im Kommen ist. Wie sehr dieser Rückzug ins Private schon bei denjenigen verfängt, die im Internet groß geworden sind, ist uns zum Beispiel erst vor Kurzem wieder klar geworden. Bei der Absage eines Jungjournalisten. Leider, nein. Es ginge nicht. Hingehen zu dem Termin sei unmöglich. Er müsse abends für seine Freundin kochen. Sagte er und checkte die Mails auf dem Smartphone. Uns schießt sowas noch ins proletarische Pietisten-Herz. Die Möbelbranche hat sich schon länger ganz auf diesen Typus mit Kochambitionen eingestellt, der Vorruhestand und Berufsleben kurzschließt und das Ego in einem intelligenten Haus intensiv bewirtschaftet, Stichwort neues Biedermeier. Mit Edelküchen, die Raumschifftechnologie intus haben und den Paradigmenstreit zwischen Dampfgarpuristen und Mikrowellenfreaks auflösen, indem sie beides anbieten. In naher Zukunft werden Sensoren die Kochfeld-Temperaturen selbstständig absenken, damit nichts mehr anbrennt, und der Wasserhahn schaltet ab, bevor etwas überläuft. Jetzt schon gibt es Schränke, in denen sich Gemüse anbauen lässt, wie auf dem riesigen „Living Kitchen“-Areal der Kölner Möbelmesse zu sehen ist. Und schwarz sind die Küchen wieder. Allerdings sind viele der Feuerstellen 3.0 auch fast zu schön, um sie zu benutzen. Zu groß für einen Singlehaushalt, der ja in Großstädten fast schon überwiegt. So teuer, dass man sie mit dem 20-Stunden-Job unseres leider verhinderten Pulitzerpreisträgers nie wird bezahlen können. Oder umgekehrt, weil man so viel arbeiten muss, um dieses Freizeitmobiliar zu finanzieren, kommt man nicht dazu, es zu genießen. Oft ist das, was die Möbelbranche so anbietet, nichts sonst als das Interieur der Illusionen, die man von sich hat. Oder Mobiliar für Selbstinszenierungen, die sich auf Facebook posten lassen. Angesichts der Tafelrundenritter-großen Küchentische, die es gibt, wunderbaren Objekten aus Was-weiß-ich-für-einem-Holz, müsste es ja auch ständig Einladungen hageln. Gesellige Runden müssten sich um die Garküchenaufsätze versammeln und sich zuprosten, statt jeder für sich in sein Mobiltelefon zu starren. Man müsste tatsächlich seinen Malt-Whiskey auf mit alten Persianer-Pelzmänteln bezogenen Sesseln vor dem Kaminofen „Ghost“ der Firma EcoSmart Fire trinken. Er wird mit Bio-Ethanol betrieben, das nur so viel Kohlendioxid freisetzt, wie die verarbeiteten Pflanzen beim Wachstum aufgenommen haben. Aber ist das so? Nicht jeder, der ein Heimbüro mit Artemide-Lampe, Aufklappsekretär und dem neuen ergonomischen Freischwinger „oyo“ mit Sattelsitz vorzeigen kann, ist für seinen Boss so unverzichtbar, wie er tut. Außerdem würde jetzt gerade, um auf der neuesten Welle mitzureiten, die Anschaffung eines neuen Sofas anstehen, weniger groß und kantig als das alte, zum aufrechter sitzen, wenn schon nicht sein. Und gerne auch in Blau. Dabei dürften die 384 Euro, die die Deutschen pro Kopf und Jahr für Möbel ausgeben – Europarekord im Übrigen – nicht reichen. So wie im wahren Leben, öffnet sich die Schere zwischen Arm und Reich beim Möbelkauf auch immer mehr. Allerdings setzt sich das, was bei den liquiden Erstkäufern heute etabliert ist, bestimmt bald auch im Sortiment der Möbeldiscounter durch, wie das bei Boxspringbetten ja auch der Fall war. Bei Schramm aus Winnweiler – Chef Axel Schramm ist neuer Präsident des Verbands der Deutschen Möbelindustrie – kann eine handgemachte Schlafstatt dieser Art, die zuerst in der Hotellerie populär war, schon mal 50.000 Euro kosten. Man schläft darin wie im Siebensternehaus. Die Nachfrage ist groß. Mittlerweile kann Hinz und Kunz deshalb auch Billig-Varianten, Ausgaben fürs Hostel sozusagen, für ein Vielfaches günstiger kaufen. Immer wieder zu sehen sind Neuinterpretationen von Klassikern, die erst für das solvente Publikum angeboten werden, wie Joop Couwenbergs Aufstockung des Bauhaus-Kragstuhls zum Kraghocker (bei Tecta), den es unter anderem mit einem Sitz aus recycelten Weinkorken gibt. Ein Befund für Hobbysoziologen auf der Möbelmesse: Wer einen ökologischen Daumenabdruck wie King Kong hinterlässt, der kann gleichwohl darauf achten, dass seine Möbel aus „grünen“ Materialien wie Baumwolle, Leinen oder Wollfilz bestehen. Hipster schreiben plötzlich wieder mit der Schreibmaschine. Aus dem Dorf will man weg, um in der Stadt auf dem Balkon Kohlköpfe großzuziehen und mit Kisten-Trolleys (www.everythings.ch) einen Gemüseverkauf aufzumachen. Urban Gardening ist ein Großtrend auch in Köln. So erzählt uns der Produktentwickler Michael Hilgers, dass seine Balkon-Pflanzbehälter bei ihrer ersten Präsentation auf der Messe 2006 völlig unverstanden blieben. Jetzt sind Kopien davon überall zu kaufen. Möbel sind Zeitdiagnosen, das Wohnen ist politisch. Zum Beispiel erfährt man in Köln wie nebenbei, dass in Neubauten immer öfter begehbare Schränke installiert werden. Die Kinderzimmergrößen aber schrumpfen. Zum Beispiel gibt es den Schaukelstuhl „indi“ (www.borisandfabio.com), der sich auch horizontal leicht bewegt. Wie hippelig sind wir eigentlich? Sehr. Kein Wunder, dass unser ganz privates Lieblingsmöbel auf der Messe ein zusammenfaltbares, schallgedämmtes Sitzmöbel ist, das auch an die Wand der Einraumwohnung montiert werden kann. Die Soulbox des Designers Jakob sieht aus wie eine Rikscha ohne Räder. Man setzt sich rein. Stille ist. Very gemütlich.

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