Fußball
Es gibt sie noch, die heile Fußballwelt
Man könnte fast meinen, dass rüpelhaftes Verhalten auf den Fußballplätzen längst als gegeben hingenommen wird. Fest steht: Die Grundstimmung wird seit Jahren aggressiver, die Hemmschwelle, diese auch tätlich umzusetzen, sinkt zusehends. Das will Jürgen Clemens, den eigentlich alle nur „Chui“ nennen, so nicht hinnehmen. Macht die bedenkliche Entwicklung um Mölschbach tatsächlich einen großen Bogen, herrscht im Lauterer Stadtteil inmitten des Pfälzerwaldes tatsächlich noch so etwas wie heile Fußballwelt?
Ein inneres Bedürfnis
Das könnte man meinen, liest man den Sonderbericht von Schiedsrichter Jonas Scholl (SSV Dreisen) nach einem Spiel der zweiten Mannschaften des SV Mölschbach und des FC Erlenbach am 8. März. Der 20-jährige Jurastudent wusste erst gar nicht wohin mit all seiner Freude über das, was er gerade erlebt hatte. Die ersten Zeilen des Sonderberichtes zeugen davon, dass es ihm ein inneres Bedürfnis war, einen wahren Sportsmann zu würdigen: „Das, was jetzt kommt, ist wahrscheinlich nicht so typisch für einen Bericht über Fair Play einer Person. Denn Jürgen Clemens hat weder durch eine bestimmte Situation auf sich aufmerksam gemacht, noch hat er gegnerische Spieler mit einem Arm vom Platz getragen.“ Vielmehr habe Jürgen Clemens ganz anders auf sich aufmerksam gemacht, so der junge Schiedsrichter: „Er hat sich während des gesamten Spieltags mit größter Bemühung und stets einem Lachen im Gesicht um Heimmannschaft, Auswärtsmannschaft und Schiedsrichter gekümmert.“
Dem Gegner und Schiedsrichter zugewandt
Nicht nur das gewissenhafte Handling im Vorfeld der Partie hat bei Scholl Eindruck hinterlassen: „Direkt vor, während und nach dem Spiel hat der super freundliche Mannschaftsverantwortliche dann Spieler der Heim- und Auswärtsmannschaft und auch mich immer wieder mit positiven Worten gestärkt und aufgebaut. Mit ein paar Witzen hat er zudem die Stimmung insgesamt noch weiter verbessert. Mit seiner offenen Art ist er jedem mit einem Riesenrespekt entgegen gekommen und hat sich außerordentlich um eine tolle Stimmung auf dem Sportplatz bemüht.“
Ein solches Verhalten verdiene es einfach, geehrt zu werden, „da er mitverantwortlich dafür war, dass das Spiel so ruhig und die Stimmung so ausgelassen war. Er wird vielen Personen, und nicht nur mir, im Kopf bleiben. Er hat dafür gesorgt, dass jeder einen schönen Tag hatte. Trotz Niederlage seiner Mölschbacher. Ein so tolles Verhalten auch gegenüber der Auswärtsmannschaft zu zeigen, ist für mich eine ganz eigene Fair Play-Größe“, so Jonas Scholl tief beeindruckt. „Mich hat er nach dem Spiel sogar noch mal angeschrieben, um sich bei mir für die Spielleitung zu bedanken und um mir zwei Bilder vom Spiel zu schicken.“
Ein echter Sportsmann
Der eher ungewöhnliche Sonderbericht endete mit einem flammenden Appell: „So ein Verhalten eines echten Sportmanns macht unseren Sport zu dem, was wir daran lieben. Ich wünsche mir, dass wir uns alle an ihm eine Scheibe abschneiden würden und hoffentlich in seinem erfahrenen Alter immer noch genauso für unseren Fußball und unsere Mannschaft brennen wie Jürgen Clemens.“
Nur wenige Tage, nachdem Scholl seinen Sonderbericht abgesetzt hatte, erhielt Jürgen Clemens Post vom DFB. „Großer Sport lebt von kleinen Gesten“, ist die Urkunde treffend überschrieben. „Wow, das gibt es nicht alle Tage, dass ein Spielleiter eine Urkunde vom DFB erhält. Das ist eine besondere Ehre für mich und es hat mich überrascht und natürlich sehr gefreut“, äußerte sich der 73-Jährige via Facebook. Der Urkunde folgt demnächst auch die offizielle Verleihung der „Fair Play-Medaille“ an Clemens. Der DFB zeichnet damit seit 1997 die fairsten Gesten einer Saison aus. Auch der SV Mölschbach freut sich mit seinem Spielleiter: „Fairness, Respekt und Einsatz – genau dafür steht diese Auszeichnung. Für das leben wir als Verein jeden Tag.“
Return to sender auf pfälzisch
Jürgen Clemens wäre aber nicht Jürgen Clemens, wenn er die wohlwollenden Worte nicht postwendend an den Sender zurückschicken würde: „Ein besonderer Dank geht an Schiedsrichter Jonas Scholl, der dies in die Wege geleitet hat. Diesem jungen Schiedsrichter, der selbst Woche für Woche herausragende Leistungen erbringt, hätte diese Ehrung besonders zugestanden. Den werden wir 100 Pro bald in höheren Klassen pfeifen sehen.“ Return to sender auf pfälzisch. Ein kleines Stück heile Fußballwelt. Immerhin.