Kaiserslautern Ein wahres Märchen
Der australische Film „Lion“ von Garth Davis ist sechs Mal für einen Oscar nominiert (die Verleihung ist am Sonntag), und das kommt nicht von ungefähr: Die Nominierungen haben mit unseren Vorurteilen zu tun, die bedient und zugleich enttäuscht werden. Und mit einer Geschichte, geprägt von durchdringenden Kinderaugen und dem Forschergeist von Erwachsenen, die zu Tränen rührt.
Es ist erst ein paar Jahre her, da war die Aufregung groß, als die Fahrzeuge von Google durch unsere Städte fuhren, um die Straßen, Gebäude und Parks zu filmen und daraus eine bildhafte Landkarte (für Google Maps) zu erstellen. Etliche wollten nicht, dass man ihr Haus im Internet sieht. Datenschutz und der Verlust der Intimsphäre wurden genannt. Doch die nun adaptierte wahre Geschichte eines jungen Mannes, der mittels Google Earth über Kontinente hinweg seinen Geburtsort und damit seine Mutter wiederfindet, von der er 25 Jahre getrennt war, relativiert manche Bedenken. Dass „Lion“ trotzdem kein Google-Earth-Werbefilm wurde, sondern quasi ein anrührender Zweiteiler, liegt an dem serienerprobten australischen Regisseur Garth Davis („Top Of The Lake“). Seinem Kameramann Greig Fraser (er drehte auch „Star Wars: Rogue One“), der atemberaubende Landschaftsbilder findet. An guten Darstellern. Und den Produzentenbrüdern Bob und Harvey Weinstein, die noch jeden ihrer Filme auf Oscar-Kurs getrimmt haben: Sie wissen, wie man die Zuschauer emotional packt, also so manipuliert, dass sie es nicht merken. Der ersten der zwei Stunden würde man den Oscar für den besten Film sofort geben, denn sie kommt mit wenigen Worten aus und erzählt von dem fünfjährigen Jungen Saroo (Sunny Pawar). Seine Geschichte ist ein wahres Märchen aus der Gegenwart. Er wurde 1981 geboren und lebte in einem kleinen Dorf. Die Familie ist arm. Saroo ist mit seinem älteren Bruder unterwegs, um Geld zu verdienen. Als der Bruder nicht kommt, legt sich Saroo in einen leeren Zug auf einem Abstellgleis. Als er 14 Stunden später aufwacht, ist er 1600 Kilometer gefahren und befindet sich am anderen Ende Indiens, in der Großstadt Kalkutta. Dort ist er im Prinzip ein Flüchtlingskind in einem fremden Land, denn er spricht nur Hindi, während in Kalkutta Bengali angesagt ist. So kann er nur seinen Namen sagen, aber nicht, wo er herkommt. Seine entsetzten Augen rühren die Zuschauer zu Tränen, nicht unähnlich dem kleinen Apu aus der „Apu“-Trilogie (1955-1959) des indischen Meisterregisseurs Satyajit Ray. Saroo versucht, sich allein durchzuschlagen, er bettelt, und er schafft es auch, Kinderfängern davonzulaufen – bis er aufgegriffen wird. Doch er hat Glück und kommt in ein Waisenhaus, wo ihn die Australierin Sue Brierley (Nicole Kidman, für den Oscar nominiert) und ihr Mann adoptieren und in ihre Heimat mitnehmen. Dann kommt der Schnitt. 25 Jahre später in Melbourne ist Saroo Brierley (nun Dev Patel aus „Slumdog Millionär“, für einen Nebendarsteller-Oscar nominiert) erwachsen, hat im Beruf Fuß gefasst und will heiraten. Aber da gibt es diese Bilder aus der Kindheit, die ihn nicht loslassen: die Mutter, der Bruder, der markante Wasserturm bei seiner Hütte. Er beginnt, nach Anleitung von Freunden, ganz Indien mit Google Earth nach dem Turm abzusuchen. Man ahnt schon, wie es ausgeht – und man wünscht ihm auch, dass er sein Dorf wiederfindet. Die Suche nach der Heimat ist leider nicht so spannend, wortkarg und bildstark inszeniert wie die Odyssee des kleinen Saroo zuvor. Aber da sich die Computerszenen in Grenzen halten und man Saroo meist im Kreise von Freunden und Familie sieht (Drehbuchautor Luke Davies, der Saroo Brierleys Autobiografie fürs Kino adaptierte, bekam auch eine Oscar-Nominierung), behält der Film noch viel vom epischen Charakter des ersten Teils bei, der in den Köpfen der Zuschauer immer noch nachwirkt. Denn das ist vielleicht die beste Idee des Films: Dass die Kindheit nicht, wie sonst üblich, in Rückblicken und in Häppchen erzählt wird, sondern am Stück als Vorgeschichte, die keinen kalt lässt. Die vielen Gegensätze des Films – junger und gereifter Saroo, Indien und Australien, arm und reich, Stadt und Land – tun ein Übriges, um das Publikum zum Nachdenken zu bringen.