Kaiserslautern
DRP-Mittagskonzert: Solistische Höhenflüge
Bei der DRP stehen bekanntlich Stellenkürzungen im Raum. Ein Schelm, wer bei einem reduzierten Orchester (ohne Dirigent) und anderer Stilausrichtung auf solche (abwegigen?) Gedanken kommt.
Moderatorin Sabine Fallenstein wagte dagegen eher den Brückenschlag zwischen dem britschen Archipel und dem Festland nach Böhmen, also biographisch und programmatisch von Henry Purcells Suite nach einer seiner vielen Bühnenmusiken („Abdelazer“) hin zu dem Konzertzyklus von Jan Zelenka. Damit erklang mit dem Zeitalter des Generalbasses oder nach Musikwissenschaftler Jacques Handschin das des „konzertierenden Stils“ eine Ära des Barock, die ohnehin in den bisherigen Konzertprogrammen der DRP unterrepräsentiert war und jetzt zu erstaunlichen Entdeckungen verleitete.
Anknüpfen an eine Tradition
Damit knüpfte die DRP an die begonnene Traditionslinie an, dass herausragende oder ausgewählte Persönlichkeiten der DRP selbst Programme erarbeiten und leiten. Dieses Mal in dialogischer Verbundenheit und mit ständigem Blickkontakt zwischen der Konzertmeisterin der DRP, Margarete Adorf, und Solokontrabassistin Ilka Emmert, was reibungslos und vorzüglich in genauester Synchronisation und Koordination aller Einsätze und Abläufe gelang. Beide wiesen eindringlich und nachhaltig nach, dass sie in historischer Aufführungspraxis fundierte Kenntnisse und Erfahrungen (Emmert beim renommierten Ensemble Musica Antiqua Köln) haben und ihre Lesart auch nachhaltig vermitteln konnten: In fein ziselierten, plastisch artikulierten melodischen Linien, in kleingliedriger Motivik und nuancierter Bogenführung, die sich deutlich vom heutigen romantischen opulenten Klangideal unterschied: Mehr Durchsichtigkeit, Klarheit und Detailarbeit bei kunstvollen Umspielungen und Solopartien (Adorfs Solopart) und dies bei reduzierter Besetzung.
Wobei bei Purcell die drei Celli im Verhältnis zu Emmerts einzigem Kontrabass historisch und klanglich als Balance zu viel waren. Auch ist von dem damaligen Kontrabass-Virtuosen und Komponisten Domenico Dragonetti (1763-1846) überliefert, dass er Cello-Solostellen übernahm, was hier nicht in dieser Konsequenz der Bassistin Emmert übertragen wurde und sie daher hauptsächlich bei Solostellen in der nachfolgenden Haydn-Sinfonie ihre Stärken ausspielen konnte. Ein noch deutlicherer Akzent auf noch mehr Kontrabass-Solostellen hätte der herausragenden Persönlichkeit der Musikerin noch besser entsprochen.
Solistische Höhenflüge
Die DRP kann mit „ihren Pfunden wuchern“; will sagen: Da steckt viel drin an Potenzial bei solistischen Höhenflügen und klanglicher Homogenität sowie an Akribie und Esprit im Erfassen und Darstellen von Stilmerkmalen und Feinheiten. In diesem Sinn war bei den Kompositionen des Barock-Zeitalters Margarete Adorfs Solopart eine Offenbarung an spielerischer Reinkultur und Werktreue.
Das klangmalerische Entwickeln von Natur- und Tagesstimmungen in der Sinfonie Nr. 6 (mit dem Beinamen „Le matin“) von Joseph Haydn erinnert etwas an die spätere sinfonische Dichtung von Richard Strauss’ „Also sprach Zarathustra“; beide stellen anfangs einen Sonnenaufgang dar, in dem durch sukzessive Steigerung und durch Beleben eines verhaltenen Beginns durch Soloinstrumente eine Brillanz, ein Lichtstrahl das verhangene Dunkel des Streicherklangs aufhellt und sich bei Haydn vorrangig in virtuosen Kapriolen der Soloflöte kundtut. Deren tadelloses und an klanglichen Schattierungen so reiches Spiel hätte man ebenfalls (etwa in der Moderation und im Programmheft) noch mehr würdigen können. Auch hätte man solche Orchesterprojekte in der Moderation hinsichtlich Probenarbeit (immerhin ohne üblichen Dirigenten) näher erläutern können, schließlich gelang ja ein erstaunlicher Konsens in allen Stil- und Klangfragen – und das kommt ja nicht von ungefähr. So spürte man bei der Sinfonie eine deutliche Abkehr von der Lesart mancher Dirigenten, die allerletzte Klangreserven mobilisieren wollen, wo es eigentlich um Schattierungen und Feinarbeit im Zusammenwirken aller Stimmen geht. Das gelang hier exemplarisch und war richtungsweisend.