Kaiserslautern
Digitalisierungsminister Schweitzer besucht Kaiserslauterer Forschungsinstitut
Das DFKI zählt zu den hochkarätigen Institutionen in Deutschland, wenn es um KI geht. Mit sechs Standorten, mehr als 1200 Mitarbeitern aus 60 Ländern und 300 laufenden Projekten weist das Forschungszentrum für 2020 eine Bilanzsumme von 171 Millionen und knapp 65 Millionen Euro Auftragsvolumen aus. Diese Eckdaten präsentierte Andreas Dengel, geschäftsführender Direktor des DFKI Kaiserslautern.
Besonderes Interesse zeigte der Arbeitsminister daran, wie Industriepartner auf das DFKI zugehen, um eine Transfer-Zusammenarbeit zu etablieren. Bei der Betrachtung individueller Ballungsräume stellte Dengel Klassifikationsverfahren anhand von Satellitendaten mit hochdimensionierten Analyseergebnissen vor. Als Beispiel präsentierte er die Hochwasserrisikosimulation eines afrikanischen Slums, wo man anhand solcher Verfahren berechnen könne, wie lang Straßen für die Rettungsfahrzeuge noch befahrbar sind.
Als weitere Projekte nannte Dengel etwa das Liegenschaftsmanagement für die EON-Tochter ENVIAM, die Verarbeitung von Gewerbesteuerbescheiden für große Partner wie Nvidia oder das sogenannte assoziative Unternehmensgedächtnis, das zu 90 Prozent Zeitersparnis bei Arbeitsprozessen führe.
Großes Interesse an der Digitalisierung der Verwaltung
Großes Interesse zeigte Schweitzer an der Digitalisierung von kommunalen Verwaltungsleistungen. „Da haben wir einen enormen Nachholbedarf. Dazu kommt noch die gestiegene Erwartung der Bürger.“ Mehrere Tausend Verwaltungsprozesse gebe es in den Kommunen, davon seien aber erst ganze sechs Verfahren digitalisiert worden. Es gebe noch einen Riesenanteil an händischen Leistungen. „Laut Bundesgesetz sollen alle Verwaltungsleistungen bis 2023 digitalisiert seien. Das ist nicht zu schaffen“, schätzte Schweitzer die Situation ein.
Martin Memmel, Leiter des SmartCity Living Lab am DFKI, zeigte in seiner Präsentation, wie das wachsende Aufkommen von Daten, wie etwa von Autos, Smartphone oder Tablet, in Städten für die Stadtentwicklung sinnvoll genutzt werden können. Bedarfe der Bevölkerung bezüglich Energie, Mobilität, Freizeitansprüchen oder Gesundheitsversorgung könnten so genauer erkannt und schneller in kommunale Angebote umgesetzt werden. „Über 60 Prozent der Bevölkerung werden 2030 in Siedlungsstrukturen leben“, ist Memmels Prognose für die Zukunft. Neben der Datenerfassung sollten gemeinsam mit der Bevölkerung Zukunftsansätze erarbeitet werden. Der Arbeitsminister lobte die Vorbereitung solch entscheidender Tools.
Daten miteinander verbinden und sinnvoll nutzen
Annette Spellerberg, Professorin und Leiterin des Fachgebiets Stadtsoziologie an der Technischen Universität (TU), schilderte am Beispiel des Projektes Aging Smart, wie Entscheidungen in der Regionalplanung mit Hilfe der Forschung verbessert werden könnten. Aging Smart untersucht die Generation der Baby-Boomer, die jetzt in Rente geht und welche Ansprüche dadurch in den Regionen entstehen. Dabei gehe es auch darum, „Schätze an Informationen zu heben“, die in den Kommunalverwaltungen schon vorhanden sind – und diese miteinander zu vernetzen. Schweitzer sieht als Problem, dass besonders die Planung der Pflegestruktur noch sehr analog aufgestellt sei. Investoren wollten jetzt Pflegeheime bauen, die in 20 Jahren möglicherweise nicht mehr gebraucht würden. Der Arbeitsminister zeigte sich begeistert davon, wie empirische Daten hier für die Politik verfügbar aufbereitet werden können.
Martin Verlage, Geschäftsführer von KL.digital, stellte das Projekt Stadt als Reallabor vor, das in Kaiserslautern schon umgesetzt werde. Hier könne man Forschungsansätze schnell in die Verwaltungspraxis bringen. Als Beispiele nannte er etwa die Einrichtung von Fernunterricht in 17 Schulen der Stadt, die 3G-Kontrolle bei Großveranstaltungen und die Übertragung von Kulturveranstaltungen aus der Fruchthalle während des Lockdowns. Auch das Seniorenprojekt der digitalen Botschafter laufe richtig gut. Schweitzer bestätigte, „Das fliegt richtiggehend.“
Silicon Valley in der Pfalz
Ingo Herbst stellte für die Technologie-Initiative SmartFactory-KL am Beispiel des Großdemonstrators vor, wie Produktion der Zukunft aussehen kann. Mit der digitalen Vernetzung von Produktionseinrichtungen könnten Ressourcen auch unter besonderen Produktionsanforderungen effizient genutzt werden. „Shared Production“ heißt das Stichwort, unter dem der Auftraggeber auf Ressourcen beliebig zugreifen könne. „Der Mensch bleibt Souverän der Prozesse“, betonte er. Schweitzer zeigte sich beeindruckt, welche Möglichkeiten sich daraus für die Wirtschaft und die Verbesserung von Lebensqualität ergeben. Das hohe wissenschaftliche Niveau und die ausgeprägte Anwendungsorientierung zeigten, wie wichtig die Forschung am DFKI sei. Als Pfälzer freue er sich, hier in Kaiserslautern ein Silicon Valley vorzufinden.