Kaiserslautern Digitales Barfußlaufen
„In Zeiten abnehmenden Lichts“ – 2011 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet – war so etwas wie „Die Buddenbrooks“ in Rot: Über vier Generationen hinweg erzählte Eugen Ruge die Geschichte der DDR als Familienroman und seine eigene Familiengeschichte als Staatsroman. Fünf Jahre später hat Ruge seinen Familienroman in die Zukunft fortgeschrieben: „Follower. Vierzehn Sätze über einen fiktiven Enkel“.
Im Niedergang der Umnitzer-Sippe spiegelte sich die abnehmende Leuchtkraft der sozialistischen Utopie, und umgekehrt. Der Opa war ein unbeugsamer Kommunist, der Sohn hielt, obwohl selber ein Opfer des Stalinismus, der DDR trotz aller Zweifel und Krisen die Treue. Der Enkel ging, wie sein Alter Ego Eugen Ruge, kurz vor der Wende in den Westen, sein Urenkel versackte zeitweilig in der Punk- und Drogenszene und fand am Ende den Weg ins Freie. „In Zeiten abnehmenden Lichts“ war ein grandioser Erfolg: Eine halbe Million Mal verkaufte sich Eugen Ruges Debut. Leider hat das Licht fünf Jahre später in jeder Beziehung weiter abgenommen: „Follower“ ist kein kraftvolles Epos mehr, sondern nur noch eine wenig inspirierte Kreuzung aus Satire und Science-Fiction, „Matrix“ und „The Circle“. Wie Neo in „Matrix“ kämpft hier ein gewisser Nio gegen die virtuellen Scheinwelten und computergenerierten Träume, die die Menschen narren und versklaven; wie Dave Eggers „Circle“ prangert auch „Follower“ den Datenhunger von Google, Facebook und Co. als neuen Totalitarismus an. Nio Schulz, 2016 geboren, ist der Enkel von Alexander Umnitzer, aber denkbar weit entfernt von den Kommunistenvätern aus „Zeiten des abnehmenden Lichts“. Er verkauft als globaler Handlungsreisender sinnlosen Luxus und Bullshit; jetzt gerade, im Jahr 2055, ist er in Wu Cheng, um den Chinesen Apps für „True Barefoot Running“ anzudrehen: Fitnesstracker fürs gefühlsechte Barfußlaufen, ein typisches Produkt des Konsumkapitalismus im letzten Stadium. Man hätte nun daraus eine kleine Erzählung, eine gallige Satire machen können, aber Ruge hat die unglückliche Idee, so etwas wie einen Zukunftsroman um all das herum zu basteln, was ihm schon in der Gegenwart gegen den Strich und auf die Nerven geht: Smartphone-Kult und Internet, strohdumme Künstliche Intelligenzen, Geruchsmarketing, durchsichtige Designer-Burkas, ukrainische Leihmütter, Tofu-Eisbein für Vegetarier und ähnliche schreckliche Exzesse der schönen neuen Welt. Nio denkt nicht positiv, sondern negativ, extrem „negertief“, wie er gern provozierend höhnt, und damit eckt er natürlich nicht nur bei der feministischen Sprach- und Sittenpolizei an. Wenn Nio, einst „Anderdok“-Punk, jetzt bekennender Homo- und Technophober und Mitglied der Selbsthilfegruppe der „Anonymen kritischen weißen Heterosexuellen“, über politisch korrekte Sprachregelungen oder „fotoidentische Scheintitten“ lästert, klingt er manchmal wie ein Akif-Pirinçci-Blog. Der Kulturkritiker in ihm kann jedenfalls nicht länger mit an- und einsehen, wofür der Mensch Muskelimplantate, Brain-Tuner und essbare Zimmermädchenkostüme braucht. Warum man Atombomben gegen die Klimakatastrophe zünden, aber nicht mal mehr Frauen nachschauen darf. Warum man statt schwarz „stark Eumelamin-pigmentiert“ sagen soll und „Negerkuss“ besser gar nicht mehr, und warum jemand Selfies von seinem Kokoskuchen oder den Hundefrisörweltmeisterschaften in Peking postet. Das Bashing der Generation Facebook war schon in Ruges Reiseskizzen-Buch „Annäherungen“ ermüdend. Und auch diesmal wird man der Attitüden und Abneigungen des verfolgten „Followers“ bald überdrüssig. Der Handlungsfaden, der das Themenhopping verknüpft, ist eher dünn: In einem chinesischen Hotelzimmer aufgewacht, ohne sich und die Welt noch spüren zu können, zusätzlich verstört vom Tod seines Großvaters, findet Nio: Es reicht jetzt. Genug der Fakes und Avatare der globalen Virtualisierung, genug des Identitäts- und Realitätsverlusts, der bioelektronischen Stimmungsaufheller und Motivationspillen. Der Barfuß-Vertreter steigt aus, sagt alle Termine ab, schlägt den Sicherheitsbeamten nieder, der ihm den Ausweg aus einer gigantischen Shopping Mall verbaut, und verschwindet im echten Leben. Endlich wieder Gefühle, Gerüche und Geräusche wie zu Großvaters Zeiten. Zurück bleiben, mehr oder weniger verstört: Nios Beinahe-Freundin, ein perfektes Dessous-Model, seine bulgarische Vorgesetzte Laila, verhasste Kollegen, subversive Hacker, ratlose Therapeuten und die Terrorjäger vom BKA, die den flüchtigen Kulturkritiker hektisch zu orten und zu erfassen versuchen. Dossiers, Persönlichkeitsprofile und Datenanalysen werden übrigens im Original dokumentiert. Einer der Ermittler heißt „D. Scheck“, vielleicht eine kleine Rache für ein ungnädiges Urteil („literarisch unerheblich“) des Kritikers über Ruges ersten Romans. Eggers„ „Circle“ war eine Abrechnung mit den Heilsversprechen des Silicon Valley im etwas fadenscheinigen Gewand eines Unterhaltungsromans. „Follower“ ist nicht so originell, aber literarisch ehrgeiziger. Ruge erzählt Nios Verschwinden in 14 langen Sätzen, in einem atemlosen Stakkato von Genres, Perspektiven und Stilen, vom Werbe- und Marketingsprech bis zu Poesie und Wissenschaftlerprosa. In einem zentralen Kapitel erzählt er noch einmal die Geschichte der Umnitzers in einer einzigen großen Ausholbewegung vom Urknall vor Milliarden von Jahren bis in die nahe Zukunft. Die Menschheitsgeschichte in einer Nussschale: „Follower“ ist eine ebenso furiose wie konfuse Abfolge von Biografien, Bildern und Gedanken, die sich erst ganz am Ende in bukolischen Szenen und buddhistischer Stille beruhigen. Ruges „Follower“ drücken in solchen Fällen gern den Button „Entfolgen“. Lesezeichen Eugen Ruge: „Follower. Vierzehn Sätze über einen fiktiven Enkel“, Roman; Rowohlt Verlag, Hamburg 2016; 320 Seiten; 22,95 Euro.