Karate RHEINPFALZ Plus Artikel Die Wahl-Pfälzerin Reem Khamis und ihr harter Weg zurück an die Weltspitze

Strahlt und genießt die Atmosphäre: Reem Khamis, Zweite von rechts.
Strahlt und genießt die Atmosphäre: Reem Khamis, Zweite von rechts.

Karatekämpferin Reem Khamis weiß, wie es sich anfühlt, ganz oben zu sein und ist plötzlich unten. Nach einem Kreuzbandriss kämpft sie – auch gegen die Blockade im Kopf.

Der Kampf, nach dem plötzlich alles anders ist, hat sich in ihr Gedächtnis eingebrannt: Reem Khamis steht beim Weltcup in China im Finale. Zuvor hatte sie eine Knieverletzung eine Zeit lang außer Gefecht gesetzt. Und jetzt lief es endlich wieder. „Ich hatte Stück für Stück das Gefühl, es geht in die richtige Richtung. Ich bin wieder da.“ Dann kam das Finale. Sie führte. Und in der letzten Minute passierte es. Eine hohe Bewegung mit dem Bein, und der Schmerz fuhr ihr ins Knie. „Ich dachte erst, es ist der Meniskus, ich bin dann halt drei Monate raus.“ Es sollte anders kommen. Einen Tag später ging sie zum MRT, schickte ihrem Arzt die Bilder. „Der hat erst mal nicht geantwortet. Da wusste ich, es muss was Schlimmeres sein.“ Es war schlimm: Das Kreuzband war gerissen.

Die 23-Jährige überlegte und haderte. Operieren war erst mal nicht möglich, weil das Knie zu dick angeschwollen war. Sie wartete vier Wochen, dachte nach und entschied letztlich zusammen mit ihrem Trainer, dem Lauterer Jonathan Horne, in die Physiotherapiepraxis von Mike Steverding nach Landau zu fahren, der sich das Ganze ansehen sollte. Die Sportsoldatin, die in Landau studiert, entschied sich schließlich für eine konservative Behandlung, Reha statt Operation und einen langen, nicht immer einfachen Weg.

„Es war zermürbend“

Sieben Monate dauerte die Reha. „Ich wollte schon nach einer Woche abbrechen, habe mich gefragt, was ich hier mache“, gibt sie zu. Khamis, die aus Ägypten stammt, war 2013 nach Hamburg gekommen, wo ihre Familie jetzt noch lebt. Vor einem Jahr entschied sie sich für einen Umzug nach Kaiserslautern, zu Jonathan Horne, der sie seit drei Jahren trainiert. Und für die Kombination mit einem Lehramtsstudium in Landau. Mit dem Ziel, an der Weltspitze anzudocken.

Sie hat inzwischen die deutsche Staatsbürgerschaft, trägt das Nationaltrikot. Und jetzt lag sie da auf dieser Liege und brauchte das, was sie als ehrgeizige Sportlerin so gar nicht hat: Geduld. „Es war mental zermürbend“, blickt sie auf die Zeit zurück, in der sie immer wieder daran denken musste, dass sie auch davor ein halbes Jahr raus war wegen einer kleinen Knieverletzung, „irgendwas mit dem Meniskus“. Sie hatte pausiert, Wettkämpfe verpasst, sich endlich wieder rangekämpft und dann das. Und das auch noch vor den World Games, die nur alle vier Jahre stattfinden. Sie hatte sich qualifiziert als eine der besten Acht in der Kategorie und konnte nicht starten. „Es war einfach nur scheiße“, gibt sie ehrlich zu. Und fügt schnell an, dass sie im Nachhinein für diese Phase „unfassbar dankbar“ sei. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich so viel draus ziehen kann. Ich konnte an Schwachstellen arbeiten und konnte unitechnisch vorankommen.“ Die Wahl-Pfälzerin hat gelernt, Geduld zu haben, und ist ihrem Trainer und ihrem Physiotherapeuten „unfassbar dankbar“, dass sie sie auf dem Weg begleitet „und den ganzen Scheiß mitgemacht haben“.

Täglich acht Stunden Reha

Reem Khamis Alltag bestand zwischenzeitlich aus acht Stunden Reha am Tag. Sie wohnte sieben Monate in Landau, übernachtete in Räumen, die Sportlern der Praxis zur Verfügung stehen, lernte für die Uni und besuchte Vorlesungen. Und startete im August erstmals wieder mit dem Karatetraining. Mit der Hoffnung, dass es vielleicht doch für die World Games reichen könnte. Doch dann übertrieb sie es im Training, das Knie wurde wieder dick und sie musste absagen.

Nach sieben Monaten Reha stand im Oktober der erste Wettkampf in Malaysia an. Sie sicherte sich den dritten Platz. Dann kam die Weltmeisterschaft, die sie, wie sie rückblickend sagt, „mental noch nicht gepackt hat“. Reem Khamis war zu beeindruckt von der Kulisse, verunsichert, weil die Vorbereitung nicht so möglich war, wie sie sein sollte. „Ich habe noch mit mir zu kämpfen gehabt und mit der Verletzung“, analysiert sie nüchtern. „Es war eine Erfahrung wert, aber die möchte ich in dieser Form nicht noch mal machen.“

Ausgerechnet in Kairo – dort, wo alles begann

Die 23-Jährige schied aus, weil sie sich wegen der Verletzung zu wenig traute. Dabei war das die WM, auf die sie hingefiebert hatte, in dem Land, der Stadt, in der sie mit Karate begonnen hatte, in Kairo. Ihre Mutter war dort und zwei ihrer besten Freundinnen, ihr Physiotherapeut war dabei. „Es war wirklich schön. Ich hätte mir natürlich gewünscht, dass da mehr dringewesen wäre.“

Heute sieht sie das alles als Teil ihres Entwicklungsprozesses, der sie da hinführt, wo sie (wieder) hin will. Zuletzt war sie in Istanbul für die Nationalmannschaft im Einsatz, kämpft mit ihr um die Qualifikation für die Heim-EM in Frankfurt. Ein Punkt fehlte ihr in der Türkei, um ins Viertelfinale zu kommen. „Das war ärgerlich. An dem Wochenende war auf jeden Fall eine Medaille drin“, sagt sie. Aber sie kennt die Stellschrauben, an denen sie drehen will, „damit es für so ein Niveau reicht und kontinuierlich weitergeht.“

Gelernt, alles anders einzuordnen

Mike Steverding habe eine große Rolle auf ihrem Weg zurück gespielt. Seine Art und Weise, sein Auftreten, seine Ruhe und Geduld sei ein Gegenpol zu ihrer aufgedrehten, emotionalen Welt gewesen. „Ich habe oft überlegt, ob ich das wirklich möchte, ob es mir das wert ist, so viel Zeit, so viel Kraft und Energie zu investieren. Ich bin weit weg von meiner Familie, kann aber nicht das machen, was mich erfüllt. Ich kann nur jeden Tag hart an meinem Körper arbeiten für die Möglichkeit, eventuell bei der Weltmeisterschaft zu starten.“ Und dann musste sie zusehen, wie andere Athleten in ihrer Gewichtsklasse kämpften, sie überholten. „Es sind viele Themen, die im Kopf laufen, die man aber nicht kontrollieren kann.“

Inzwischen hat sie gelernt, alles anders einzuordnen. Sie weiß jetzt, dass es nicht nur um Erfolg geht und den Zwang, sich beweisen zu müssen, sondern auch darum, „die Kleinigkeiten zu genießen, die man oft nicht sieht. Dass man einen gesunden Körper hat, dass man jeden Tag trainieren könnte und das ausleben kann, was man wertschätzt, die Möglichkeit zu haben, durch die ganze Welt zu reisen und das als Beruf zu haben, das ist unglaublich.“ All das sei ihr erst jetzt so richtig bewusst geworden, als der Leistungsdruck weg war.

Die Blockade im Kopf

Woran sie länger zu kämpfen hatte, war die Blockade im Kopf, die sie hatte, wenn es darum ging, ihr Knie wieder so zu belasten wie in jenem Kampf, der sie so zurückwarf. Die Tests und Untersuchungen hätten ihr zwar auf dem Papier gezeigt, dass ihr Knie wieder in Ordnung ist und hält. „Das Ganze auf die Kampffläche zu bringen oder sich im Training zu trauen, bestimmte Bewegungsmuster wieder zu machen, das ging nicht. Wir standen ein paar Trainingseinheiten da, und ich schaffte es nicht, mein Bein hochzunehmen, obwohl ich wusste, es kann nichts passieren. Wie vorsichtig man ist und wie der Kopf so tickt, ist unglaublich“, sagt die Karatekämpferin, die weiter kämpfte, jetzt weniger mit den körperlichen Problemen, sondern viel mehr mit den Blockaden im Kopf. „Ich habe das unterschätzt“, erklärt sie ehrlich und gibt zu, dass dieser Prozess viel Zeit und Routine gebraucht habe. Stück für Stück kommt die Sicherheit wieder und das Vertrauen in den Körper. Aber es ist immer noch mit einer angezogener Handbremse verbunden. Um die zu lösen, braucht sie die Wettkämpfe, die ihr bestätigen, dass sie Punkte erzielen, Kämpfe gewinnen kann und dass das Knie hält.

In sechs Wochen startet sie beim Weltcup in Rom, eine Woche später bei der deutschen Meisterschaft, und ihr nächstes Ziel ist klar: Reem Khamis will sich für die Europameisterschaft in Frankfurt qualifizieren und möglichst bald mal „mit einer Medaille nach Hause kommen“.

„Man lernt seinen Körper anders kennen“

Bis dahin sitzt sie viel im Zug, pendelt zwischen ihrer Wohnung in Kaiserslautern, ihrem Studienort Landau, Rehaeinheiten in Landau, den Trainingsstätten, an denen sie mit Uwe Schwehm und Jonathan Horne im Dojo des Teikyo-Karate-Teams in Kaiserslautern und mit anderen Spitzensportlern der Bundeswehr, die wie sie zum Nationalteam gehören, in Haßloch arbeitet.

Eines hat sie jedenfalls gelernt: „Ich habe niemals gedacht, dass ich mal sagen würde, dass man nach einer Verletzung stärker zurückkommt, aber es stimmt tatsächlich. Man lernt seinen Körper anders kennen, man findet für sich andere Routinen und Möglichkeiten, das Bestmögliche rauszuholen, ohne den Körper komplett zu zerstören, und hat eine ganz andere Wahrnehmung. Das versteht nur jemand, der mal komplett raus war. Ich war tatsächlich ganz oben und dann ganz unten.“

Sie kämpft und verliert.
Sie kämpft und verliert.
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