Kusel / Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Die ungewöhnliche Karriere des Geigers Christian Kim Sitzmann

Christian Kim Sitzmann ist in den USA geboren und in Kaiserslautern aufgewachsen.
Christian Kim Sitzmann ist in den USA geboren und in Kaiserslautern aufgewachsen.

Zum Weihnachtskonzert in der Protestantischen Stadtkirche in Kusel ist der Violinist Christian Kim Sitzmann wieder in die alte Heimat gekommen.

Geiger Christian Kim Sitzmann ist ein Weltbürger: Er wurde in Boston geboren, ist aber in Kaiserslautern aufgewachsen und hat nach seinem Studium in Karlsruhe in den USA und Südkorea gelebt, im Sommer 2023 ist er nach Deutschland zurückgekehrt. „Ich bin zwar 1986 in Boston in den USA geboren worden, weil meine Eltern damals dort studiert haben, aber ich bin als Baby 1987 nach Kaiserslautern gekommen, wo mein Vater als Professor für Chemie an der TU tätig war“, erzählte der junge Geiger.

Er stammt aus einer musikalischen Familie. „Meine Mutter ist Konzertpianistin und Organistin aus Südkorea, sie war zum Konzertexamen nach Deutschland gekommen. Hier hat sie meinen Vater kennen gelernt, der Mitglied einer Jugendkantorei war. Es war ein musikalisches Umfeld, durch meine Mutter war immer viel Musik zu Hause.“

Geige kam mit acht Jahren

Prominente Geiger hat er in seiner Kindheit im Fernsehen gesehen. „Anne-Sophie Mutter hat mich sehr beeindruckt, ich fand das sehr spannend“, erinnerte er sich. So wurde sein Interesse an der Geige wach. „Ich hab’ Geige erst recht spät angefangen, mit acht Jahren; oft fangen Kinder ja schon mit drei, vier oder fünf Jahren an.“

Mit zehn Jahren wurde Christian Kim Sitzmann Schüler am Burg-Gymnasium in Kaiserslautern, wo er auch sein Abitur ablegte, und kam als Jungstudent an die Musikhochschule Saar zu Valery Klimov. „Er war mein erster wichtiger Mentor. Für mich war klar: Ich möchte gern so werden wie er.“

Sowjetische Geigenschule

Durch Professor Klimov lernte Sitzmann die sowjetrussische Geigenschule kennen, sein Lehrer hatte noch bei dem legendären David Oistrach studiert. „In seinem Unterricht habe ich die Geige lieben gelernt und erst so richtig verstanden, was dieses Instrument besonders macht. Er war phänomenal und inspirierend. Vorher war ich da sehr unbeschwert, ich fand die Geige einfach nur charmant und spannend.“

Im Alter von 15 Jahren wechselte Sitzmann als Jungstudent an die Musikhochschule Karlsruhe zu Josef Rissin, nachdem sein Lehrer Klimov in den Ruhestand ging. Nach seinem Diplom in Karlsruhe wollte Sitzmann etwas ganz anderes ausprobieren. „Nachdem ich zwölf Jahre in der Tradition des Moskauer Tschaikowsky-Konservatoriums ausgebildet worden war, wollte ich andere Unterrichts- und Spieltechniken kennen lernen. Daher wollte ich bei Professor Hyo Kang studieren.“

Mit Stipendium in Yale

Hyo Kang war damals als Professor an zwei US-amerikanischen Universitäten tätig, an der Juilliard School in New York und an der Yale University. „Ich habe ihn ausgewählt, weil er phänomenale Absolventen hat, die aber komplett unterschiedliche Künstlerpersönlichkeiten und individuell spannend sind“, begründete Sitzmann seine Entscheidung. Er bestand die anspruchsvolle Aufnahmeprüfung der Yale-University und absolvierte dort von 2011 bis 2013 seinen Master in Musik mit einem Vollstipendium. „Ich hatte eine tolle Zeit dort“, schwärmte Sitzmann. „Und ich konnte einige meiner Credit Points auch in außermusikalischen Kursen machen. Ich habe damals diese Ivy-League Kultur kennen gelernt.“

Danach lebte er ein Jahr lang in New York. „Ich war im Unisystem seit meinem zehnten Lebensjahr. Ich wollte verschiedene Sachen ausprobieren und auch mal sehen, wie es ist, in New York als Musiker seine Miete verdienen zu müssen.“ Er trat in Konzerten auf, aber tourte auch mal mit Freunden mit einer Hip Hop Band oder in der U-Bahn am Time Square und unterrichtete als Assistent seines Professors.

Als Musikprofessor in Seoul

„Ich war spieltechnisch sehr fit und ich hatte bei Professor Kang viel mehr freie Hand, Dinge auszuprobieren. Ich habe aber während meiner Zeit in New York schnell gemerkt, dass es mich weiter ziehen wird“, zog er sein Fazit über diese Zeit.

Er ging 2015 an die Seoul National University in Südkorea, um seinen PhD (Doktor der Philosophie) in Musik zu erwerben, und wurde 2017 in Seoul an der Kangnam University zum Professor für Geige, dann auch für Viola ernannt. Bis 2023 unterrichtete er dort und entfaltete auch eine rege Konzerttätigkeit, er gewann viele internationale Preise.

Rückkehr nach Deutschland

Nach den Erfahrungen der Corona-Zeit mit ihren Reisebeschränkungen, in denen er seine Familie kaum sehen konnte, zog es ihn wieder nach Deutschland. „2023 erhielt ich ein Angebot von der Firma Tonebase in Los Angeles, einer Art 'Netflix für Musik', der größten Bibliothek für Klassik im Musikbereich. Ich wurde angefragt, ob ich dort die Geigenabteilung leiten möchte. Als ich gehört hatte, dass sie ein Studio in Düsseldorf eröffnen, habe ich gefragt, ob ich nicht auch in Deutschland arbeiten könnte“, erzählte Sitzmann.

Das war möglich. „Diese Abteilung habe ich strategisch bis vor kurzem geleitet und mit den Künstlerkoryphäen, die die Kurse leiten, Curricula erstellt und Kurse geplant.“ Zusätzlich zu dieser Vollzeitstelle unterrichtete er seit Oktober 2024 als Lehrbeauftragter an der Universität Münster.

Fotografien und reisen

Auf die Frage nach seinen musikalischen Schwerpunkten und Zukunftsplänen lächelte Sitzmann. „Seit einem Monat bin ich nur noch in beratender Funktion für Tonebase tätig, möchte wieder viel mehr spielen und mich meinen Studenten widmen. Meine künstlerischen Schwerpunkte? Wir haben ein reiches Geigenrepertoire. Die Werke, die es geschafft haben, über die Jahrhunderte gespielt zu werden, sind phänomenal. Mein Lieblingswerk ist das, das ich gerade spiele. Von Musikern wird erwartet, dass sie Allzweckwerkzeuge sind. Sie sollen stilistisch ein gutes Verständnis über alle Epochen hinweg haben. Auch historische Aufführungspraxis gehört dazu, nicht nur im Barock, sondern zunehmend auch in der Klassik; ein technisch hohes Niveau ist selbstverständlich.“

Trotz dieser vielseitigen Aktivitäten hat Sitzmann auch noch Zeit für Hobbys. „Es macht mir sehr viel Spaß, neue Sachen zu lernen und dabei an dem festzuhalten, was zu mir passt. Ich reise beruflich viel und Fotografie ist dabei ganz nett. Außerdem versuche ich, mich fit zu halten, das ist für Geiger wichtig.“

Jenseits der Metropolen

Ein Herzensanliegen ist ihm auch die Pflege des lebendigen Musiklebens abseits der Metropolen. „Ich finde es ganz toll, was Tobias Markutzik hier macht. Solche Keimzellen sind wichtig und das Publikum, das die Angebote wahrnimmt. Wir sollten hier in Deutschland viel stolzer auf unsere kulturellen Werke sein, die in den USA und in Asien gefeiert werden, als wir es tatsächlich sind.“

Geiger Christian Kim Sitzmann mit der evangelischen Kantorei Kusel und Kammerorchester
Geiger Christian Kim Sitzmann mit der evangelischen Kantorei Kusel und Kammerorchester
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