Kaiserslautern Die Karriere kennt nur hundert Prozent

Wetten, dass bei der „Echo“-Verleihung morgen in Berlin die Gastgeberin selbst mindestens einen Preis absahnt? Nominiert ist sie gleich dreifach. Auch sonst könnte es für Helene Fischer, die in einem ihrer Schlager singt: „Ich will alles oder gar nichts“, derzeit kaum besser laufen. Im nächsten Jahr greift sie endgültig nach den Sternen.

Wir schreiben den 4. Juli 2015: Zum großen Finale von Helene Fischers erster Stadiontournee durch zwölf deutsche Städte pilgern sagenhafte 70.000 Fans ins Berliner Olympiastadion. Damit schreibt die dann 30-Jährige Musikgeschichte: als erste einheimische Sängerin, die Deutschlands größte Arena ausverkauft – das ist zuvor nur Frauen wie Tina Turner, Madonna und Pink gelungen.

Eine gewagte Vorhersage? Eher nicht, zumal laut Veranstalter schon jetzt 200.000 Eintrittskarten für die Stadiontour verkauft sind. Fischers Beliebtheit lässt sie zurzeit in ihrer eigenen Liga spielen. So war ihr im Oktober veröffentlichtes sechstes Studioalbum „Farbenspiel“ das erfolgreichste des vergangenen Jahres. Es stand bis diese Woche auf Platz eins der Charts. In Österreich, der Schweiz, Belgien, Dänemark und den Niederlanden verkauft es sich ebenfalls gut.

Schon jetzt, Monate im Voraus, ist Fischers Herbst-Tournee ausverkauft – zwei Termine in der Mannheimer SAP-Arena eingeschlossen. Und als TV-Moderatorin fährt die Blondine selbst bei langatmigen Preisverleihungen hohe Einschaltquoten ein. Kein Wunder also, dass Helene Fischer die „Echos“ morgen zum zweiten Mal präsentieren darf.

Bisher hat die Musikerin in ihrer Laufbahn weitaus mehr richtig als falsch gemacht. Gleich ihr erstes Demotape landete bei einem erfahrenen Schlagerproduzenten, der seit 2005 seinen Schützling Schritt für Schritt zum Superstar aufbaut. Dafür bringt die ausgebildete Musicaldarstellerin neben einem attraktiven Äußeren sowohl gesanglich wie auch tänzerisch mehr Rüstzeug mit als viele andere. Damit lässt sich arbeiten: Zunächst eroberte die junge Sängerin als Dauergast in Volksmusik-Shows der ARD das traditionelle Schlagerpublikum – mit Heile-Welt-Liedern wie „Und morgen früh küss’ ich dich wach“. Seit 2008 ist sie zudem die Frau an der Seite des Moderators Florian Silbereisen – begleitet von allerlei Spekulationen über die Echtheit dieser Beziehung. Beruflichen Nutzen hatten beide schon davon: zunächst sie, da sie sich einem Millionenpublikum zeigen konnte, inzwischen eher er, wenn sie auf der Gästeliste seiner Show steht.

Schon bald hatte die frisch gekrönte Schlagerprinzessin eine solide Fanbasis, die nicht nur aus älteren Semestern bestand. Auch in der jüngeren Altersgruppe gewann Helene Fischer zunehmend Anhänger: durch Tourneen, auf denen sie ihre Lieder wie „Hundert Prozent“ oder „Phänomen“ als Spektakel mit Artistik, Spezialeffekten und Choreografien präsentierte – ganz wie große internationale Entertainerinnen.

Fischer sang außerdem Pop-Hits wie „Let Me Entertain You“ von Robbie Williams oder „Tage wie diese“ von den Toten Hosen in glattgebügelten Versionen. Damit griff sie geschickt die Entwicklung auf, dass Popmusik von Abba über Queen bis Lindenberg inzwischen vielfach als Rohmasse für Musicals dient – vom Publikum durchaus geschätzt. Die Botschaft an ihre Zuschauer: Schlager im 21. Jahrhundert muss nicht bieder sein – und peinlich wie am Ballermann schon gar nicht.

Vereinfacht gesagt, fehlten nun nur noch die Jungen, und hier erwies sich der aus „Farbenspiel“ ausgekoppelte Song „Atemlos durch die Nacht“ als großer Türöffner: Ursprünglich als nicht sonderlich spannender Technofox im Viervierteltakt arrangiert, veröffentlichte die Plattenfirma „The Radio Mixes“ mit sechs verschiedenen Versionen des Liedes. Die hatten mehrere Remixer mit satten Beats und frischen Sounds aufgebrezelt. Das Ergebnis: Nicht nur, aber auch während der Fasnachtszeit tanzte jugendliches Partypublikum mit Vorliebe zu Helene Fischers Hit.

Spätestens seitdem kann die Tochter russlanddeutscher Eltern behaupten, Publikumsgruppen von unter 30 bis über 60 gewonnen zu haben – ein seltenes Kunststück in einer Zeit, in der Milieus immer wichtiger zu werden scheinen. Fischers offenkundig von der Pike auf antrainierte Vielseitigkeit gestattet ihr, verschiedene Sparten von Schlager über Musical bis zu Dance-Pop glaubwürdiger zu vereinen als die Konkurrenz. Dabei präsentiert sie zuerst vor allem sich selbst – dynamisch zwar, doch stets als Romantikerin. Luder-Akrobatik wie bei Rihanna bleibt außen vor.

Bei so viel Vollkommenheit stellt sich die Frage nach Ecken und Kanten oder Schwächen. Die Ausbeute ist mager: Allein Fischers Moderationsstil wirkt weitgehend humorfrei. Versucht sie sich doch mal im komischen Fach, kommt sie eher bemüht daher. Ganz allgemein erweckt die 29-Jährige zuweilen einen etwas angestrengten Eindruck, als wolle sie um jeden Preis allen beweisen, was sie kann und wie hart sie arbeitet.

Offensichtlich hat jedoch ein großes Publikum geradezu sehnsüchtig auf eine nette junge Frau von nebenan gewartet, die Unterhaltung für die ganze Familie bietet – eine vom alten Schlag einer Caterina Valente oder eines Peter Alexander, wenn auch mit modernen Mitteln. Helene Fischer, so scheint es, hat diese Rolle verinnerlicht – mit Haut und Haaren, um in der Schlagersprache zu bleiben.

Wie sehr, zeigt eine Umfrage des Zentralorgans für innere Werte, des „Playboy“: Demnach sehen 20 Prozent der deutschen Männer in der Sängerin die ideale Frau – wohl weil sie Eigenschaften wie Ehrlichkeit, Treue und Humor verkörpert. Oder, wie die Zweitplatzierte der Umfrage, Barbara Schöneberger, über ihre Kollegin sagt: „Oh Mann, die ist wirklich perfekt.“

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