Vorgehört RHEINPFALZ Plus Artikel Die aktuellen Platten der Künstler des Kammgarn-Jazzfestivals

Zuletzt vor zehn Jahren mit seiner Group in Kaiserslautern: Weltklassesaxophonist Jan Garbarek.
Zuletzt vor zehn Jahren mit seiner Group in Kaiserslautern: Weltklassesaxophonist Jan Garbarek.

Acht Formationen präsentieren sich bei der 31. Ausgabe des Kammgarn-Jazzfestivals ab 8. April. Die RHEINPFALZ hat sich ihre aktuellen CDs vorab angehört.

Über den Starsaxophonisten Jan Garbarek muss man eigentlich nicht viel sagen. Dass er den europäischen Jazz wesentlich geprägt und insbesondere auch den skandinavischen Jazz weltberühmt gemacht hat, ist bekannt. Nächstes Jahr wird Jan Garbarek 80 Jahre alt, was man dem stets asketisch auftretenden Klangmagier nicht anmerkt. Bleibende Eindrücke hinterließen in Kaiserslautern etwa seine Auftritte mit dem Hilliard Ensemble 2001 in der Apostelkirche und 2008 in der Stiftskirche sowie 2004, 2016 und 2018 mit seiner Group in der Kammgarn, wobei er 2016 sogar seine Tour nach einer mehrtägigen Probenphase in Kaiserslautern startete. Mit dabei seinerzeit Pianist Rainer Brüninghaus, der brasilianische Bassist Juri Daniel und der indische Schlagwerker Trilok Gurtu.

Zehn Jahre später kommt Garbarek erneut mit diesen Mitstreitern in die Barbarossastadt. Nur noch wenige Karten gibt es für das Konzert, das im Pfalztheater stattfindet. Wer nicht dabei sein kann, sei auf das Live-Album eben jener Besetzung verwiesen, das 2007 im Alten Schlachthof Dresden aufgenommen wurde. Die Doppel-CD, 2009 erschienen, vereint auf 16 Titeln die kühnen Klangreisen der Garbarek Group zwischen den Genres Jazz, Klassik und Folklore. Feinnervig, in gewohnt kühlem Ton und weiten Kantilenen – wobei neben dem prägenden Saxophonspiel des Norwegers auch seine Mitstreiter gebührenden solistischen Raum bekommen – entfalten sich die Titel. Neben den ganz großen, verdichteten, mitunter dramatischen Geschichten stehen feine, liebevolle Miniaturen. Geschrieben haben sie vor allem Garbarek und daneben die Mitglieder seiner Group. Wie der Großteil der Einspielungen des Saxophonisten ist auch dieses wegweisende Album beim Münchner Wohlklang-Label ECM erschienen.

Dies trifft auch auf die bislang jüngste CD „Remember Me, My Dear“ von 2019 zu, die allerdings wieder an die sakralen Projekte des Grenzgängers anknüpft. Zusammen mit dem Hilliard Ensemble wurde es 2014 auf der Abschiedstour des gemeinsamen „Officium“-Projekts aufgenommen, mit dem Garbarek und die vier britischen Sänger geraume Zeit beschäftigt waren. Das Vokalquartett wartet dabei mit dem überirdisch reinen Zusammenklang auf, die Stimmen verschmelzen in Perfektion in den unterschiedlichen Titeln und treten dem Saxophonisten quasi wie ein vielstimmiges Instrument gegenüber. Mal bilden sie ein akkordisches Fundament für die Garbarekschen Höhenflüge, mal steuern sie die Melodielinien bei. Die überwiegenden Sakralwerke, die die 14 Titel des Silberlings bilden, stammen aus den unterschiedlichsten Epochen. Hildegard von Bingen (1098-1179) findet sich neben dem wohl bedeutendsten Komponisten der Notre-Dame-Schule Perotin (1155-1230) wieder, neben dem Franko-Flamen Antoine Brumel (1460-1512) oder dem russischen Sänger und Komponisten Nikolai N. Kedrov, dem berühmten Esten Arvo Pärt, der im vergangenen Jahr 90 wurde, und nicht zuletzt einigen anonymen Tonsetzern, die mit liturgischen Stücken vertreten sind. Geeint werden sie von der Innigkeit und der Konzentration, mit der Sänger und Instrumentalist sie angehen. Es entsteht eine kontemplative Innerlichkeit, die den Hörer bis zur letzten Note fesselt.

Die CDs: Jan Garbarek Group: „Dresden“, ECM 2009; und Jan Garbarek und das Hilliard Ensemble: „Remember Me, My Dear“, ECM 2019.

Das Konzert: Jan Garbarek Group feat. Trilok Gurtu am 8. April, 20 Uhr, im Pfalztheater; Karten über pfalztheater.de.

Ebenfalls ein „Wiederholungstäter“, allerdings der jüngeren Generation, ist Omer Klein beim Kammgarn-Jazzfestival. So begeisterte der israelische Pianist, der seit dem Wintersemester als Jazzpiano-Professor an der Münchner Hochschule für Musik und Theater wirkt, zum Auftakt der 2018er Festivalausgabe und dann gleich nochmal im Jahr darauf mit seiner CD „Radio Mediteran“ das Pfälzer Publikum. Trat der heute 43-Jährige damals mit seinem Trio an, so hat er inzwischen die Besetzung erweitert. Als Artist in Residence an der Alten Oper Frankfurt stellte er in der Saison 2024/25 sein neues Sextett Omer Klein & The Poetics vor, mit dem er aktuell tourt und auch die erst vor wenigen Tagen erschienene Platte „The Poetics“ eingespielt hat.

Auf acht Tracks entfaltet Klein eine weitaus buntere Klangwelt, als ihm dies vormals mit seinem Trio möglich war. Geprägt ist diese durch Latin-Rhythmen und dazu passende, sich gerne arabesk windende Melodielinien. Intoniert werden sie von feinen Bläsersätzen, oft auch unisono mit den verschiedenen Tasteninstrumenten, derer sich der Frontmann bedient. Höchst unterschiedlich sind dabei die Nummern, deren Titel wie „Plat Tunisien“, „Among Lions“ oder „Samba Of My Own“ die Richtung verraten. Unterm Strich kommt eine lebendige, farbenfrohe Mischung voller Groove heraus, die auch live ihre Wirkung sicherlich entfalten wird.

Die CD: Omer Klein: The Poetics; XJazz!-Label, März 2026.

Das Konzert: Omer Klein & The Poetics am 9. April, 20 Uhr, im Cotton Club.

Auch die beiden Künstler, die den dritten Festivaltag eröffnen, sind dem Kammgarn-Publikum bekannt – allerdings in verschiedenen Formationen und nicht zusammen. So war Michael Wollny mit der All-Star-Truppe 4 Wheel Drive zu erleben und Emile Parisien mit dem Akkordeonisten Vincent Peirani. Diesmal kommen Wollny und Parisien also zusammen, was eine kleine Besonderheit darstellen dürfte. Denn zunächst einmal wollten da zwei musikalische Individualisten zusammenfinden. Den fränkischen Pianisten Wollny und den französischen Sopransaxophonisten Parisien eint dabei die stilistische Offenheit. Beide integrieren verschiedene musikalische Einflüsse von Jazz, Klassik, über Pop bis zur Neuen Musik. Die beiden kennen sich allerdings schon länger von Formationen wie dem Quartett Out of Land oder dem elektro-akustischen Projekt XXXX. Im Duo feiern sie jedoch eine Premiere, eine entsprechende CD dazu gibt es freilich noch nicht.

Deswegen sei hier in Kürze auf zwei andere, spannende Neuproduktionen hingewiesen, die die beiden getrennt realisierten: 2025 brachte Wollny sein Live-Album „Living Ghosts“ raus, das er mit Tim Lefebvre (Bass) und Eric Schaefer (Schlagzeug) in der „Illipse“ im Saarländischen Illingen einspielte. Es integriert in Wollnys Klangwelt Kompositionen von Alban Berg, Duke Ellington, Nick Cave und Guillaume de Machault. Und das in vier langen Sets, die Einlassung und Konzentration voraussetzen. Ein Jahr früher brachte Parisien ebenfalls bei act sein Album „Let Them Cook“ raus. Dabei spielte der Saxophonist neun Tracks mit seinem Quartett zu dessen 20-jährigem Bestehen ein, deutlich beeinflusst von Wayne Shorter und ebenfalls keine allzu eingängige Kost.

Das Konzert: 10. April, 20 Uhr, im Kasino.

Jetzt aber: In Sachen Klaviertrio auf der Höhe der Zeit ist die britische Formation Mammal Hands. Deswegen stand sie wohl auch auf dem Programm der 2022er Ausgabe des Festivals. Aufgrund eines Corona-Befundes musste das Ensemble damals jedoch kurzfristig passen. Doch nun ist es (hoffentlich) so weit, und Pianist Nick Smart, Saxophonist Jordan Smart und Schlagzeuger Rob Turner können ihre klingende Visitenkarte in der Kammgarn abgegeben. Bekannt ist die Gruppe seit ihrer Gründung 2012 für einen Mix aus Fusionjazz, minimal music und folkloristischen Einsprengseln. Und genau diese Ingredienzien finden sich auch auf der brandneuen Einspielung „Circadia“.

Veröffentlicht erst im vergangenen Monat beim Berliner Label act, umfasst der Silberling neun konzentrierte Titel des Trios, das als Kollektiv für die Kompositionen zeichnet. Die nichtalltägliche Besetzung bringt mit zwei melodieführenden Instrumenten klangliche Varianz. Mal führt das Saxophon die treibenden Linien, mal prescht das Klavier vor, das ansonsten ein dichtes harmonisches Fundament strickt. Ein bisweilen Drum’n’Bass-mäßig nervös züngelndes und hochvirtuoses Schlagzeug bringt Tempo. Die minimalistischen Elemente erzeugen dabei den typischen hypnotischen Klangsog, dem man sich nicht entziehen kann. Elektronische Gimmicks kommen hinzu. Das Gros der Nummern lebt von enormen dynamischen Steigerungen und großen Spannungsbögen, es kommen aber auch immer wieder Phasen der Entspannung und klangschöne Momente. Zwischen jazzigen Klaviertriotraditionen und trendigen Stilvarianten, wie sie zuletzt auch die Düsseldorfer Grandbrothers im Kasino zelebrierten, bewegt sich das klangliche Ergebnis. Live steht dabei voraussichtlich eine Klangseance der besonderen Art auf dem Programm.

Die CD: „Mammal Hands“: Circadia, act 2026.

Das Konzert: 10. April, 22 Uhr, Cotton Club.

Dass es das Kammgarn-Jazzfestival nicht bei einem Klaviertrio belassen kann, hat manche vorherige Ausgabe bereits bewiesen. Und auch diesmal macht sich die Vorliebe des Festivalimpressarios Richard Müller für die Besetzung bemerkbar. Denn der vierte und letzte Festivaltag eröffnet mit einem Klaviertrio und zwar dem von Emil Brandqvist, der übrigens wie Wollny und Peirani bereits bei der 2019er Ausgabe des Festivals dabei war. Neben dem Namensgeber, dem schwedischen Schlagzeuger Emil Brandqvist, sind dessen Landsmann Max Thornberg am Bass sowie der finnische Pianist Tuomas A. Turunen in der rein skandinavischen Besetzung zugange. Bereits das Debütalbum der Gruppe, erschienen 2013 beim Hamburger Label Skip Records, war dabei ein starkes Statement. Acht Alben sollten folgen, das jüngste mit dem Titel „Poems For Travellers“ kam im vergangenen Jahr bei der hanseatischen Plattenfirma raus.

Brandqvist & Co. setzen in den 13 Titeln dabei eher auf klassische Klaviertriostrukturen, binden neben Jazz jedoch auch klassische Anleihen und nordische Folklore ein. Oft liebevoll ausformuliert sind die Themen der Nummern, die zumeist aus der Feder des Leaders stammen und gerne deskriptive Titel haben. „Endless Like The Sea“ heißt es da etwa oder „Up In The Sky“. Und tatsächlich sind die bildkräftigen Motive und Improvisationen dazu angetan, den Hörer auf eine Klangreise zu entführen in die feinen, poetischen Gefilde des Genres. Elegant perlen dazu die Klavierlinien, dezent und doch treibend agiert der Bass, ein feinnerviges Rhythmusgeflecht spinnt der Namensgeber der Formation. Aber auch zu den typischen dynamischen Verdichtungen, wie sie vor allem auch ihre skandinavischen Kollegen von Esbjörn Svensson bis Tord Gustavsen zelebrier(t)en, sind die Nordlichter fähig. Ein atmosphärisches Liveerlebnis steht also zu erwarten.

Die CD: Emil Brandqvist Trio: „Poems For Travellers“, Skip Records 2025.

Das Konzert: 11. April, 20 Uhr, Kasino.

Eine völlig andere jazzige Ausdruckswelt begegnet dem Hörer mit der südkoreanischen Singer/Songwriterin Youn Sun Nah. Wenn man überhaupt von Jazz sprechen will, so eigen wie die Melange der 56-jährigen Künstlerin ist. Betrachtet man sich ihren Werdegang, wird diese enorme stilistische Offenheit verständlich, die ihr 2004 in Südkorea die Auszeichnung Best Artist in der Kategorie Crossover einbrachte. Groß geworden im Musicalfach, wendete sie sich nach erfolgreichen Jahren dem französischen Chanson und dem Jazz zu. Und eben diese Sphären kennzeichnen ihre Musik, etwa auf ihrem erst im Februar 2026 erschienen Album „Lost Pieces“.

Auf elf Tracks lebt die Sängerin im Verein mit ebenfalls elf Musikern ihre schier grenzenlose Kreativität aus, die der Extravaganz einer Björk kaum nachsteht. Ständig wechseln Klangbild und Atmosphäre, was auch in der reichen Instrumentation von Bläsern über Streicher bis zur Elektronik begründet ist. Die Melodien sind dabei so abwechslungsreich, wie die Harmoniefolgen oftmals schwer voraussagbar sind. Es entstehen ebenso wiegende Balladen wie große Klangepen, wobei die jeweiligen Stimmungen die textliche Aussage tragen. Theatralische Momente, klangliche Überraschungen und die warme, aber auch energische Stimme der Frontfrau ergeben eine Mischung, die im Konzert Aufmerksamkeit und Konzentration fordert, dafür aber mit magischen Momenten belohnt.

Die CD: Youn Sun Nah: „Lost Pieces“, Warner 2026.

Das Konzert: 11. April, 21.30 Uhr, Kasino.

Ebenfalls dem Genre Singer/Songwriter und einem ausgefallenen Sound verpflichtet ist die Gruppe ELSA, die damit gut in das Lineup des letzten Festivaltages passt. 2022 gegründet, besteht die junge Band aus Sängerin Elsa Steixner, Keyboarder Julian Bazzanella, Bassist und Gitarrist Jakob Lang sowie Schlagzeuger Daniel Louis, die beim Musikstudium in Wien und den Niederlanden zusammenfanden. Sie verschmelzen das Singer/Songwriter-Genre mit Folk, Jazz sowie einer Prise Soul und Country. Nachzuhören ist diese wilde Mischung mittlerweile auf zwei Alben, das neuere „Jump!“ stammt von 2025.

Grenzenlose Phantasie und kreativer Mutwillen prägen die zehn höchst unterschiedlichen Titel aus der Feder der Band, wobei die Frontfrau schon den Löwenanteil an Kompositionen und englischsprachigen Texten einbringt. Entsprechend bunt sind auch die Arrangements sowie die Instrumentation inklusive Harmonium und diverser Bläser. Hauptprinzip ist das Unerwartbare in den dennoch gefällig-harmonischen, gern auch mal poppig frischen Titeln. Feel-Good-Music steht also zu erwarten zum Ausklang des 31. Kammgarn International Jazzfestivals.

Die CD: ELSA: „Jump!“, Jazzhaus Records 2025.

Das Konzert: 11. April, 22.30 Uhr, Cotton Club.

Info

Karten für die Festivalabende Donnerstag bis Samstag gibt es noch unter www.kammgarn.de, Restkarten fürs Garbarek-Konzert am Mittwoch nur noch unter www.pfalztheater.de.

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