Kaiserslautern Dickes Lob, schmaler Beutel für die Kultur

Kulturaktivistin Hannah Schumacher (stehend links) moderierte im Januar 2023 eine Podiumsdiskussion im Lauterer Café Krümmer. Di
Kulturaktivistin Hannah Schumacher (stehend links) moderierte im Januar 2023 eine Podiumsdiskussion im Lauterer Café Krümmer. Die damalige OB-Kandidatin und heutige Amtsinhaberin Beate Kimmel (rechts) − nach eigenen Angaben eine »leidenschaftliche Unterstützerin der Kulturszene« − zeigte sich »enttäuscht über den Unmut« der freien Szene.

Das kulturelle Erscheinungsbild der Universitäts- und IT-Stadt Kaiserslautern steht derzeit im Mittelpunkt einer Ausstellung der Pfalzgalerie. Das weite Feld der Kulturpolitik, -förderung und -finanzierung wäre eine eigene Darstellung wert. Eine Ahnung davon gibt ein Brief ans Kulturwerk Pfaff, den das Museum ebenfalls zeigt.

„Briefe leben, atmen warm und sagen/ Mutig, was das bange Herz gebeut./ Was Lippen kaum zu stammeln wagen,/ Das gesteh’n sie ohne Schüchternheit.“ (Gottfried August Bürger)

Das Kulturwerk ist die soeben wiederbelebte Dachorganisation der sogenannten freien Szene in Kaiserslautern, deren Unterstützung durch Politik und Kommune vorrangig aus ermunternden bis enthusiastischen Lippenbekenntnissen besteht. Immerhin darf das Bündnis für zwei Jahre das momentan (und wohl noch länger) brachliegende Firmengelände der ehemaligen Nähmaschinenfabrik nutzen. Geld gibt’s nicht, denn die traditionell klamme Stadt ist ärmer denn je.

Brief Nr. 1

Das zeigt ein sechs Jahre alter Brief, der jetzt in der Pfalzgalerie nachzulesen ist. Im Jahr 2018 schrieb der damalige SPD-Oberbürgermeister Klaus Weichel an die „sehr geehrten Mitglieder des Vereins Kulturwerk Pfaff e.V.“ Der OB begrüßte den „Zusammenschluss (…) unserer freien Kulturszene als neues Netzwerk und Bündelung von Kräften in diesem Bereich“. Das Aktionsbündnis „bereichert seit langem die kulturelle Szene unserer Stadt ungemein“. Auch die Nutzung des Pfaff-Geländes „findet meine nachhaltige Unterstützung“, versichert Weichel oder sein fachkompetenter Ghostwriter. Wie die Nachhaltigkeit aussieht, wird im nächsten (Bandwurm-) Satz dargelegt. Er lautet:

„Vor dem Hintergrund der Teilnahme unserer Stadt am kommunalen Entschuldungsfonds sowie der Deckelung unserer freiwilligen Leistungen kann dieses Projekt sowohl von der Investition her als auch im laufenden Betrieb nur privat mit Dritt- und Fördermitteln finanziert werden, es darf auch zukünftig nicht den freiwilligen Leistungsbereich der Stadt belasten.“

Zu Deutsch und knapper: Der OB findet die Arbeit des Kulturwerks zwar ganz gut, aber Geld dafür hat und gibt er nicht. Mit freundlichen Grüßen, Klaus Weichel, Doktortitel, Oberbürgermeister. Wie die Stadt „Dritt- und Fördermittel“ nutzt, zeigte sie dann 2021 und ’22 mit der jeweils kurzfristigen Absage des beide Male mit großem Trara angekündigten „Barbarockstar“-Festivals.

Brief Nr. 2

Auch die städtische „Kulturentwicklungsplanung“ und ihr eigens ins Leben gerufener „Leitungskreis“ wurden ebenso hochtrabend wie weihevoll aufs Gleis gesetzt. Im vergangenen Juli dann ging ein ernüchternder Brief an die Stadtratsfraktionen und „Beteiligten unserer Kulturentwicklungsplanung“. Er kam nicht von der zwischenzeitlich bestallten, gleichfalls sozialdemokratischen Oberbürgermeisterin Beate Kimmel, sondern von ihrem Kulturreferenten Christoph Dammann.

Er stellt seinen Ausführungen gleichfalls eine Art Präambel voran, in der es um „viel Arbeit“ und die „Implementierung der digitalen Formate“ geht. Es seien „viele Ziele formuliert, Maßnahmen diskutiert und Daten zusammengetragen“ worden. „Bereits unsere Treffen“ seien „bereichernd und ein Gewinn“ gewesen. Es folgt das Aber.

„Wie Sie alle verfolgt haben, hat sich kurz nach der Kommunalwahl (…) herausgestellt, dass „der (…) genehmigte, ausgeglichen eingereichte Haushalt 2024 ein erhebliches Defizit von etwa zehn Millionen Euro aufweist“. Das führe zu gleichfalls „erheblichen Auswirkungen auf (…) die Kultur“.

Dann kommt’s: „Daher haben wir uns entschlossen, den Prozess unserer Kulturentwicklungsplanung erst mal zu stoppen.“ Die Begründung, es sollten „keine falschen Erwartungen geweckt werden“, wäre kaum notwendig gewesen. Kulturakteure in Kaiserslautern wissen längst, dass sie der Stadt nur sehr gedämpfte Erwartungen entgegenbringen können.

Brief Nr. 3

Fast zeitgleich mit der brieflichen Hiobsbotschaft, die wie stets mit Geldnot begründet wird, erschien im Internet auf der Seite „KLmitwirkung.de“ ein verblüffender Aufruf. Überschrift: „Was würdest du in Lautern machen, wenn Dir eine Spende von einer Million Euro für kulturelle Zwecke zur Verfügung stehen?“

Gute Idee. Wer kein Geld hat, darf zumindest davon träumen, was er oder sie täte, wenn ein paar mehr Kröten verfügbar wären. Tatsächlich wurde ein Reihe von Vorschlägen gepostet: öffentlich finanzierte Konzerte auf dem Betzenberg, eine Poolparty in der Waschmühle, ein „Rave“ am Gelterswoog, Kleinkunst auf der Gartenschau.

Die Anregungen reichen von mehr Freilichtveranstaltungen über die Kopplung von Tourismus- und Kulturangeboten bis zu Auftritten regionaler Interpreten in der City (die es ja durchaus gibt). Vorgeschlagen werden außerdem unentgeltliche Proberäume für lokale Bands und freier Eintritt in die Kammgarn. Nicht im Netz, sondern nur hinter vorgehaltener Hand wurde allerdings auch massive Kritik laut.

„Ist das ,Greenwashing’ oder Dummheit, solche Fragen öffentlich zu machen?“ fragt ein Lauterer Kunstschaffender in seiner E-Mail an die RHEINPFALZ. „Warum fragt man nicht, was man tun kann, wenn mal 5000 Euro genehmigt werden, um etwas an der Realität zu bleiben?“ Der kritische Geist raunt sogar, er würde mit einer Million „einen neuen Kulturdezernenten kaufen“.

Damit ist Bürgermeister Manfred Schulz von der CDU gemeint, der allerdings erst seit dem Vorjahr im Amt ist, nachdem Beate Kimmel zur OBin gewählt wurde. An sie geht jetzt ein Brief, den das Kulturwerk Pfaff am 11. September auf den Weg gebracht hat.

Brief Nr. 4

Die Aktivisten haben im Sommer auf dem ehemaligen Betriebsgelände vier bunte Thementage veranstaltet. Kurz zuvor war eine ausgelobte Finanzspritze von 20.000 Euro für die freie Szene von der Stadt gedeckelt worden: 8500 Euro gehen nicht raus. Vorerst?

Vor diesem Hintergrund beschwören die Kulturwerker die „Dringlichkeit der finanziellen Unterstützung der freien Kulturszene“. Im Namen aller angeschlossenen Vereine schreibt Aktivistin Hannah Schumacher, die Fördergelder seien „für uns von großer Bedeutung“: „Mit diesen Mitteln realisieren wir Projekte, schaffen Begegnungsräume, ermöglichen kulturelle Teilhabe und bieten gerade in schwierigen Zeiten einen unverzichtbaren Mehrwert für die Bürgerinnen der Stadt.“

Schumacher kennt offenbar die euphemistisch-blumige Rhetorik der OBin, deren bukettreiches Vokabular sich aus Poesiealbum und Courths-Mahler-Roman speist. Deshalb schreibt sie: „Wir sind dankbar für Ihre vielen Bekenntnisse zur Kultur in unserer Stadt und zur freien Kulturszene.“ Und: „Wir begrüßen den Versuch, die Haushaltssperre differenzierter zu betrachten.“

Deshalb bitte das Kulturwerk „eindringlich, gemeinsam nach einer Lösung zu suchen, um den verbleibenden Betrag von 8500 Euro für dieses Jahr doch noch zugänglich zu machen“. Die Nachfrage und der Bedarf in der Szene seien groß.

Die OBin mit ihrem Kulturreferenten Christoph Damann.
Die OBin mit ihrem Kulturreferenten Christoph Damann.
Kimmel folgte 2023 ihrem SPD-Genossen Klaus Weichel.
Kimmel folgte 2023 ihrem SPD-Genossen Klaus Weichel.
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