Kaiserslautern Der träumende Rebell

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Seit Jahrzehnten ist der Künstler Otfried H. Culmann aus Billigheim eine feste Größe in der Pfälzer Kunstszene und -politik. Ein zorniger Mann scheint es manchmal. Ein längst fälliger Besuch.

Es kann gar nicht sein, sich in der Pfalz für Kunst zu interessieren – und dann kennt man Otfried H. Culmann nicht. Geht nicht. Seinen Quäker-Hut, daraus Haare fusseln, seinen Siebzigerjahre-Schnäuzer, seine Bilder, auf denen langhalsige Engelsfrauen mit verhangenem Blick schlafwandeln. Seinen wilden, bunten Brunnen aus Kacheln, Porzellan und Einmachgläsern, der mitten in Billigheim in der Südpfalz wuchert, wo Otfried H. Culmann wohnt. Ein kurzes Klingeln und Culmann sprungfedert die Treppe des ehemaligen Pfarrhauses herunter, in dem er am 11. März 1949 geboren ist, und das ihm seit 1978 gehört. Man sieht ihn durch die Glasfenster der Haustür. Er macht auf. Ohne Hut. Er lacht. Der Schnäuzer, heftig. Die Koteletten. Ein tritt man in einen unwahrscheinlichen Ort. Ein wunderschönes altes, pfälzisches Haus. So reell, entrückt gleichzeitig. Er geht vor. Er schreitet. Ein Raum, noch einer. Noch einer. Und so weiter. Salon, Galerie. Speisesaal. Wohnraum. Die Treppe hoch, knarrende Stufen. Die Treppe runter. Unterm Dach zeichnet er und „hört“ dabei Fernsehen. Im Hof sieht es aus, als sei Salvador Dalí gerade ausgezogen. In mehreren Schuppen, im wild und schön wuchernden Garten, wo mehrere Brunnen gluckern. Überall ist und wird gelebt: Kunst. Raiffeisenstraße 3, mitten in der Aufgeräumtheit eines südpfälzischen Dorfes existiert unbemerkt ein labyrinthisches Universum, in dem Culmanns unbedingter Wille zur Metamorphose herrscht. Die totale Totalinstallation, in der Engel aus Stein einen Motorradhelm tragen und in einer Badewanne liegen, die mit Beton aufgefüllt ist. Im Keller dudelt ein Orchestrion mit grinsenden Sperrholzfiguren wie das Requisit eines David-Lynch-Films vor sich hin. Im Esszimmer sind die Wände bemalt, culmannesk, als würden hier etruskische und römische Geheimkulte tagen. Er kann sich eben nicht zurückhalten, künstlerisch. Auch nicht, wenn er glaubt, dass etwas schief läuft. Und schon gar nicht in seinen Texten, die toben. Manchmal, vor allem in Zeitungsredaktionen, erreicht einen einer dieser langen Briefe von ihm, Wutreden. Sie sind sehr toll, wenn man nicht gerade selbst beschimpft wird. Visier auf und los, so ungefähr klingen sie. Völlig ungeschützt. Wie von jemand, der sich ausgeklinkt hat aus einer scheinheiligen Kunst-Gesellschaft, in der man durchaus auf das Wohlwollen einiger Leute angewiesen ist. „APK-Mitgliederversammlung verkommt zum Schmierentheater“, wütet er in seinem neuesten Pamphlet, das oben auf liegt auf einem ganzen Stapel diesbezüglicher Korrespondenz, gegen die Arbeitsgemeinschaft Pfälzer Künstler. Er gehört ihr seit Jahrzenten an – und wie andere auch, die so lang dabei sind – liegt er mit ihr überkreuz. Was ihn zum Beispiel stört, ist, dass bei den Ausstellungen der APK, die nicht jeden aufnimmt, neuerdings, wie er sagt, nur noch die Kunst weniger Mitglieder ausgestellt werde. Immer mal wieder „drei bis vier“. Und das in Sparkassen. Er findet, wer Mitglied ist, solle bei APK-Ausstellungen auch ausstellen dürfen, ohne Jury. Er meint auch, dass der Vorstand die Satzung satzungswidrig geändert habe, nur um die neue Ausstellungspolitik durchzusetzen. Seine Einsprüche aber sind bisher immer abgelehnt worden – wegen angeblicher Formfehler. Seine E-Mails und Briefe bleiben fast immer völlig unbeantwortet. Im Spam-Filter hängengeblieben, heißt es dann leicht genervt. Der Vorstand sei doch „vollkommen heruntergekommen“, schreibt er wiederum und erscheint dann wie ein zorniger Mann. Dabei ist Otfried H. Culmann vielleicht nur nicht so der Typ, der Kompromisse eingeht. Phantastische Kunst, die Stilrichtung, die er bevorzugt, ist in der offiziellen Kunstszene ungefähr so beliebt wie Kernseife in der Parfümerie. Zumindest in einer etwas kleinlauten Auslegung, die zum Beispiel den Leipziger Malerstar Neo Rauch nicht dazuzählt. Otfried H, Culmann aber sieht sich selbst als einen der Hauptvertreter dieser Art von Malerei, die seit fast 60 Jahren weg ist vom Fenster und deren Bild von Figuren wie dem Wiener Ernst Fuchs bestimmt wird, die sich exzentrisch inszenieren. Oder düster, wie der Schweizer HR Giger, Oscarpreisträger, der die Alien-Film-Figur erfunden hat. Culmann dagegen wirkt mehr nach innen. „Das Internet ist mein Paris“, sagt er. Und hält den Kontakt nach überall. Um die überregional beachtete Ausstellung „Der Faden der Ariadne“ im Herrenhof 1998 zu organisieren, hat er wochenlang gearbeitet. Bis nachts telefoniert. Ehrenamtlich. Er ist Gründungsmitglied und Vorsitzender des Zentrums der phantastischen Künste, einer Vereinigung von Künstlern und Autoren, die in Rolandseck bei Bonn ihren Sitz hat. In der Pfalz ist mit seiner Kunst, na ja, allein. Sein Leitspruch: „Wenn ich es nicht mache, macht es jemand anderes falsch oder gar nicht.“ Also führt er selbst in seine Ausstellungen ein, die er bei sich Zuhause zeigt, schreibt Bücher wie jüngst das aus seinem Fotoalbum bebilderte autobiografische Erzählwerk „Culmanns Paris“, die im Eigenverlag erscheinen. Einzelkämpfer ist er, gleichzeitig als aktiv unbequemes Mitglied mehreren Künstlervereinigungen wie der APK eben, dem Berufsverband Bildender Künstler, der Pfälzischen Secession. Seit Wilhelm Weber nicht mehr amtiert, seit 1978 also, traktiert er jede amtierende Pfalzgalerie-Leiterin damit, dass er sie an den Namen ihrer Institution erinnert. Er will, dass Pfälzer Künstler in der Pfalzgalerie gezeigt werden, zum Beispiel bei Jahresausstellungen alle Mitglieder der APK, die dort in der Pfalzgalerie ihren Sitz hat. Er meint nicht einmal nur sich selbst, obwohl er als Präzedenzfall eines Pfälzer Künstlerlebens auch für eine Einzelausstellung infrage käme. Sein Publikum ist gar nicht so klein, sonst hätte er nicht von und für die Kunst leben können. Einige Prominente wie Ruth Maria Kubitschek zählen dazu und viele Sammler aus München. Er hat einige Galeristen, allerdings sind ein paar davon auch schon in Rente. Einer seiner Förderer, der berühmte Wieland Schmied, ist vor kurzem gestorben. Er habe allein 5000 Grafiken verkauft, schätzt Culmann. Bei ihm zuhause hängen überall die Gemälde, die sein Markenzeichen sind. Wie von einer Leiter herunter gemalte, fantastische Ideallandschaften mit Kentauren und unheiligen Madonnenfiguren. Lokomotiven queren eine mythische Art Toskana. Die Pariser Kathedrale Notre Dame ist in einen Dschungel platziert. Auf den Schränken stehen Glaskästen, in denen aus ihren Zusammenhängen gefallene, seltsame Flugkörper und Autos, ausgesägt aus Sperrholz, verkehren. Er hat auch „Musiqueautomatophone“, die Töne von sich geben. Frau Culmann serviert jetzt für den Gast einen Spargelauflauf. Sie heißt Gabriele. Sehr süß, die beiden. Wenn er mal nicht mehr weiter weiß beim Erzählen, springt sie ein. Vielleicht ist sie die einzige Mitbewohnerin seiner Welt. Als Privatmensch ist Culmann ein sanfter Mann ohne Attitüde, auch wenn er von außen betrachtet ganz anders wirkt. Seine Ausbildung hat der Pfarrerssohn Culmann mit 16 Jahren an der Kaiserslauterer Meister- und Werkkunstschule begonnen, bei dem von seinen Schüler bis heute mit heiligem Ernst verehrten Helmut Göring. Studierte in München und Stuttgart, war Meisterschüler bei Mac Zimmermann. Mit 28 wurde er Stipendiat an der Villa Massimo in Rom, ein nationaler Hauptpreis, wenn man so will. Aber dazugekommen sind dann nur noch der Purrmann-Preis der Stadt Speyer (1978), der Preis „Junge Pfälzer Künstler“ des Kultusministeriums Rheinland-Pfalz und das Casa-Baldi-Stipendium 1983. Dann Schluss. Otfried H. Culmann ist nicht einmal Pfalzpreisträger. Und er wird es vermutlich auch nicht mehr werden. Es ist, als sei er aus einer Welt gefallen. Er lebt in seiner eigenen. Er erzählt jetzt, dass er seine Bilder tagträume. An zehn Werken male er meist gleichzeitig. Immer wieder. 20 bis 40 Gemälde entstehen im Jahr. Eines davon heißt „Die Phantastische Welt des Otfried H. Culmann“. Auf ihm stehen stille Musterschüler in einem mit Pflanzen überwucherten Labyrinth. Max Ernst, Giorgio de Chirico, Dali, Ernst Fuchs, Edgar und Michael Ende, solche Größen, einige davon in der Sache ähnlich wutentbrannt wie der träumende Rebell aus Billigheim. Ganz links steht er, Otfried H. Culmann, ganz bescheiden. Aber er steht da. Am Rand eines untergegangenen Paralleluniversums. Aber es kann sein, dass er sich noch mitten drin fühlt.

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