Kaiserslautern Der steinerne Himmel auf Erden

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Ihre Spitzen sollten den Himmel berühren und ihre reichen Ausstattungen den Gläubigen eine Pause von der Mühsal des irdischen Daseins gewähren: Die Bedeutung, die den großen gotischen Gotteshäusern seit dem 12. Jahrhundert beigemessen wurde, war nicht nur in kirchlichen Kreisen enorm. Wie stark die Kathedrale als Motiv das künstlerische Schaffen geprägt hat, zeigt zurzeit das Wallraf-Richartz-Museum in Köln.

Für Goethe war es Liebe auf den ersten Blick. Als der Dichter vor dem Straßburger Münster stand, schmolz er dahin. So viel Schönheit, so viel Reinheit, so viel Kunst auf einem Fleck inspirierten ihn zu einem Lobgesang auf die Gotik. In seinem Aufsatz „Von deutscher Baukunst“ vereinnahmte er den Baustil 1772 sofort als deutsche Erfindung. Was nicht stimmte. Es waren die Franzosen, die Anfang des 12. Jahrhunderts die ersten Kathedralen gen Himmel wachsen ließen. In bewusster Abkehr von der dunklen Bauweise der Romanik, die auf dicke Mauern und kleine Fenster setzte, sollten die neuen Gotteshäuser hell und licht erstrahlen und den Gläubigen ein Stück Himmel auf Erden vermitteln. Es dauerte nicht lange, bis sich der neue Baustil auch in anderen europäischen Ländern durchsetzte. Doch die Begeisterung hielt nicht an. Im 18. Jahrhundert war der gotische Stil verpönt – bis Goethe kam und kurz darauf die romantischen Maler von einem regelrechten Mittelalter-Fieber erfasst wurden. Plötzlich waren die alten Gotteshäuser ein beliebtes Motiv. Künstler wie Karl Friedrich Schinkel und Caspar David Friedrich setzten die steinernen Riesen gekonnt in Szene, häufig bei dramatischen Lichtverhältnissen und eingebettet in eine wilde Natur. In Frankreich waren es zwei Ereignisse, die die Rettung für die angeschlagenen Wahrzeichen brachte. Zum einen die Krönung Karls X. 1825 in Reims, zum anderen der Roman „Notre-Dame de Paris“ von Victor Hugo. Die Geschichte um die wunderschöne Esmeralda und Quasimodo, den Glöckner von Notre Dame, ließ 1831 in Frankreich eine neue Begeisterung für die mittelalterlichen Kirchen aufleben. Dank Victor Hugo und seinem Roman, dessen Originalmanuskript in Köln zu sehen ist, galten sie fortan als Denkmäler. Im ganzen Land wurden sie renoviert und restauriert – und immer häufiger gemalt. Wie häufig, zeigt ein Rundgang durch die Ausstellung. Die knapp 200 Exponate von über 100 Künstlern und aus den Händen von 90 Leihgebern bieten eine große Auswahl. So groß, wie das Renommee derer, die sich mit den imposanten Bauwerken auseinandergesetzt haben und deren Werke nun in Köln hängen. Caspar David Friedrich, Karl Friedrich Schinkel, Auguste Rodin, Claude Monet, Pablo Picasso, Lyonel Feininger, Ernst Ludwig Kirchner, Andy Warhol, Roy Lichtenstein und Andreas Gursky – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Seit Jahrhunderten arbeiten sich Künstler an den steinernen Reminiszenzen längst vergangener Zeiten ab. Manchmal nicht nur einmal. 33 Mal bannte Claude Monet die Kathedrale von Rouen auf die Leinwand, bei unterschiedlichen Witterungen und Tageszeiten: Bei Nebel, bei Sonne, in der Dämmerung, bei Regen, am Morgen. Die Serie, an der er zwischen 1892 und 1894 arbeitete, zählt heute zu den Höhepunkten seines Schaffens, vier Bilder sind in Köln zu sehen. Während die Ausstellung den sakralen Aspekt der Kathedralen als Gotteshäuser bewusst ausblendet, ist der historische allgegenwärtig. Vor allem in der deutsch-französischen Geschichte spielten die Bauten immer wieder eine zentrale Rolle – als Nationalsymbol. Als der Kölner Dom nach 600 Jahren Bauzeit 1880 endlich vollendet wurde, geschah das nicht mehr vorrangig auf kirchliches Betreiben – viel mehr diente der Dom als nationales Symbol des neu gegründeten Kaiserreiches. Das Herz der französischen Nation indes schlug in den Kathedralen von Paris und Reims. Als die deutsche Armee im Ersten Weltkrieg die Kathedrale von Reims beschoss, in der seit Jahrhunderten die französischen Könige gesalbt wurden, traf der Angriff die Grande Nation im Innersten. Der Wiederaufbau der Kathedrale nach dem Zweiten Weltkrieg wurde zum Meilenstein der deutsch-französischen Versöhnung. Die Glasfenster des deutschen Künstlers Imi Knoebel in der restaurierten Kathedrale zeugen davon. Heute gedenken die beiden Länder ihrer zum Teil leidvollen Geschichte gemeinsam. Die Ausstellung ist eine Gemeinschaftsproduktion des Wallraf-Museums und des „Musée des Beaux-Arts“ in Rouen. Entstanden ist ein facettenreicher Rundgang durch die Geschichte der Kathedrale als künstlerisches Motiv. Egal, ob romantisch-wild, zeichnerisch nüchtern, ob als Fotografie oder poppiger Kunstdruck – die mittelalterlichen Bauwerke haben ihre Faszination bewahrt. Bis heute.

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