Kaiserslautern Der scheue Exzentriker

Er war der erste Darsteller, den man in derselben Rolle über 20 Jahre hinweg altern sah: Heute wird Jean-Pierre Léaud, der mit 14 Jahren von François Truffaut fürs Kino entdeckt, zum Gesicht der französischen Nouvelle Vague wurde, 70 Jahre alt und kultiviert den Mythos des Exzentrikers, den er sich peu à peu aufgebaut hat.
Léaud, 1944 in Paris geboren, der schüchterne Teenager von 14 Jahren, der so schön unschuldig dreinschaut, erobert als Antoine Doinel in „Sie küssten und sie schlugen ihn“ 1959 das Festival von Cannes. Regisseur Truffaut projektiert seine eigenen Ängste und Erlebnisse in diese Figur, die der junge Léaud so perfekt verkörpert. Er widerspricht den Eltern, lebt in seiner eigenen Welt, ist nett, wenn es sein muss, und wütend, wenn es nicht gut läuft. Niemand kann so schön schmollen und mit sich selbst schimpfen wie Léaud. Und zwischendurch streicht er sich immer wieder den langen Pony aus dem Gesicht. Später, in „Geraubte Küsse“ (1968), versucht er sich zu verlieben, kann sich aber nicht entscheiden und klaut heimlich ein Plakat seines Lieblingsfilms aus dem Kino. 1970, in „Tisch und Bett“ ist er ein bisschen reifer, heiratet, wird Vater und hat natürlich eine Affäre, die alles durcheinanderwirbelt. 1979, im letzten Antoine-Doinel-Film „Liebe auf der Flucht“ ist er 34 und immer noch nicht erwachsen und angepasst. Er lässt sich scheiden und bleibt ein unberechenbarer Liebhaber. In den fünf Doinel-Filmen (der Kurzfilm „Liebe mit 20“ gehört auch dazu) durchlebt jedoch nicht nur Léaud ein für seine Generation typisches Leben zwischen den ewigen Gegenpolen Spontaneität/Freiheit und Anpassung, sondern alle Zuschauer können sich in ihm wiederentdecken. Das macht ihn zu Ikone. In den weiteren drei Filmen mit Truffaut – und vor allem in den Filmen, die er zwischendurch für Jean-Luc-Godard drehte, wie „Masculin, feminin“, „Made in USA“ (1966, Goldener Bär als bester Darsteller) und „La chinoise“ (1969) – war Léaud in seinen Rollen immer auf der Suche – als ewiger Jugendlicher im Film und als zerstreuter Mann im Leben, der in Interviews meist genauso unverständliches Zeug von sich gibt wie der Theoretiker Godard. Léaud taucht auch in Rollen auf, die man nicht erwartete: In Pier Paolo Pasolinis „Der Schweinestall“ (1969) ist er ein Mann, der lieber mit Schweinen als mit Menschen zu tun hat, in „Der letzte Tango in Paris“ (1972) der junge Liebhaber, dem Marlon Brando die Frau wegschnappt (bei den Dreharbeiten hat der Autodidakt Léaud so viel Angst, sich vor Brando zu blamieren, dass er nur dreht, wenn Brando nicht zusieht). Er ist der Pedant im Bett in „Die Mama und die Hure“ (1973) von Jean Eustache, der Mann, der den Amateurdetektivinnen in „Out 1“ (1974) von Jacques Rivette den letzten Nerv nimmt. Doch das Antoine-Doinel-Image wird er nie los. In den 80er-Jahren, als die Frische der Nouvelle Vague zum Allgemeingut im Kino wurde, bekam Léaud keine Rollen mehr. Da musste erst ein anderer Eigenbrötler kommen, um ihm zum Comeback zu verhelfen: Der Finne Aki Kaurismäki macht Léaud mit „I Hired a Contract Killer“ (1990) als Auftragskiller, der in sich ruht und trotzdem exaltiert ist, vollends zur Kultfigur. Für Kaurismäki war er noch der romantisch-gehemmte Franzose („Das Leben der Bohème“ 1992) und der geniale Lebenslügner („Le Havre“ 2011), herrlich übertrieben, scheu, skurril. Dass man ihn heute fast nur noch für kurze Gastauftritte engagiert, weil man damit automatisch die Nouvelle Vague verklärt, deren Bild Léaud wie kein anderer Darsteller in sich trägt, stört ihn nicht. Léaud, der in fast 90 Filmen mitspielte, leugnet auch nicht mehr, dass es gar nicht Truffaut war, der ihm die erste Rolle gab – das war sein Vater, der Drehbuchautor Pierre Léaud, der ihn in dem Mantel-und-Degen-Film „Des Königs bester Mann“ (1958) unterbrachte – aber wie Doinel wischt er alles, was ihm nicht wichtig ist, mit einer kurzen Handbewegung einfach weg.