Kaiserslautern Der Mainzer Finnlandexperte und künftige Edenkoben-Stipendiat Stefan Moster

Placeholder-Image

„Die Auseinandersetzung mit Geschichte ist ein Großtrend“, sagt Stefan Moster über die aktuelle Literatur Finnlands. Der gebürtige Mainzer Übersetzer hat zum Buchmesse-Gastauftritt etwa ein Dutzend finnische Bücher ins Deutsche übertragen. Seit 2002 lebt Moster mit seiner finnischen Frau, einer Übersetzerin und Journalistin, in Helsinkis Nachbarstadt Espoo. Ab 20. Oktober aber ist der 50-Jährige, der selbst auch Autor ist, als „Landeskind“-Stipendiat zwei Monate lang in der Pfalz: Im Künstlerhaus Edenkoben wird er an seinem vierten Roman arbeiten. „Ich freue mich wirklich wahnsinnig darauf und werde in dieser Zeit auch keine einzige Zeile übersetzen“, sagt er lachend, aber auch etwas ausgelaugt: Köln, Leipzig, Frankfurt, Hamburg waren seine Moderationstermine der letzten fünf Tage, ab heute ist er auf der Messe mit von ihm übersetzten Autoren wie Rosa Liksom oder Johanna Sinisalo aktiv. Nahezu zufällig sei er zu seinem Beruf gekommen, berichtet der Mainzer. Eine Begegnung mit einer finnischen Familie und der Wunsch, „was ganz anderes zu machen“, brachte ihn zum Finnougristik-Studium in München – im Nebenfach. „Wenn man in Deutschland lebt, lebt man in der Mitte, in der Mehrheitskultur. Ich hatte den Wunsch, zu schauen, wie das alles vom Rand aussieht.“ Erst kurz vor dem Examen animierte ihn eine Seminarleiterin, Übersetzer zu werden. Die erste Zeit war hart. „Anfang der 90er war der Transfer zwischen Deutschland und Finnland noch sehr dürftig, die Arbeit lag nicht auf der Straße. Es gab wenig Kontakte.“ Auch den jetzigen Buchmesseauftritt hat er sozusagen mit vorbereitet, ganz praktisch, indem er etwa Telefonnummern finnischer Verlage an deutsche gab. „Kleinere Länder wie Finnland sind immer damit beschäftigt, sich selbst zu definieren, vor allem, wenn sie Spielball von Großmachtinteressen gewesen sind. Da geht es immer wieder um Selbstvergewisserung“, sagt er über die aktuelle finnische Literatur. Die Enkelgeneration blicke mittlerweile auf das Thema Krieg, auf Dinge, „die lange mit einem Tabu belegt und besonders schmerzlich waren, denn dort sind immer noch Geschichten auffindbar“. Nach der Messe reist Moster noch eine Woche lang mit finnischen Autoren durchs Land, bevor es nach Edenkoben geht. Zwei Monate ausschließlich Zeit für sein Romanmanuskript zu haben, das lange ruhen musste, sei ein „großartiger Luxus“. Die Pfalz kennt er gut, nicht nur wegen seiner Verwandtschaft und als Weintrinker. „Die Pfalz gehört noch auf die mentale Landkarte, wenn man aus Mainz stammt, das hatte auch lange mit dem FCK zu tun, da fühlt man sich noch heimisch.“ Außerdem hat sein zweiter Roman „Lieben sich zwei“ Pfälzer Protagonisten und spielt teils in der Pfalz: Ein Paar um die 30, eine frühere Weinkönigin und ihr ebenfalls aus einem Weingut stammender Mann, wollen sich in Hamburg neu erfinden. Das Schreiben sei vielleicht seine eigentliche Berufung, glaubt Moster. „Doch ich habe da einen Bogen herum gemacht. Das Übersetzen ist gewissermaßen ein moralisch vertretbarer Ersatz dafür.“ Eine rein literarische Laufbahn einzuschlagen, sei ihm wohl in der Jugend zu anmaßend vorgekommen: „wie ein Verstoß gegen das christliche Demutsgebot, mit dem ich aufgewachsen bin.“ So verlegte er sich aufs „dienende“ Übersetzen und begann erst in Finnland, selbst zu schreiben, „auch um mit meiner Muttersprache zu arbeiten, um sie flexibel zu halten, weil sie auch mein Instrument ist“. Langfristig hofft er nun, seinen Schwerpunkt ins Schriftstellerische zu verlegen. Vom Übersetzen – ein Buch braucht zwei, drei Monate – kann er mittlerweile jedoch gut leben, auch schult er Übersetzernachwuchs. Und er agiert als Herausgeber, so hat er für dtv eine lesenswerte Anthologie () zusammengestellt. Mosters persönliche Empfehlung für alle, die gute finnische Literatur lesen wollen: „Kontinentaldrift“ von Hannu Raittila – ein Buch darüber, „wie unsere Welt strukturiert ist“. Es erscheint erst kommende Woche bei Luchterhand. Hannu Raittila ist aber Samstag und Sonntag auf der Messe zu Gast. (ütz)

x