Kaiserslautern Der Gott der kleinen Dinge
Kann sein, dass die Dinge sich sonst nur benutzt fühlen. Jetzt endlich werden Alltagsgegenstände wie Klappmesser, Scheren, Brillen, Leisten, Rührstäbe und Topfuntersetzer angemessen gewürdigt. Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe zeigt die Sammlung des Schweizers Franco Clivio unter dem Titel „No Name Design“. Wie schön.
Früher wollte ich zum Beispiel einen chromglänzenden Wasserkessel von Alessi haben. Unbedingt. Einer, der pfeift und Rückenzacken am Griff trägt wie ein Drache im Märchenbuch. Oder die kranartige Artemide-Lampe „Tizio“, die den Strom über ihre Bauteile leitet und nie umfällt. Beide Objekte, das wusste ich, obwohl – es gab Google noch nicht – ich seinen Namen englisch aussprach, hatte der vor Kurzem verstorbene Richard Sapper aus München entworfen. Und sie kommunizierten Unterscheidungswillen sowie eine gewisses Know-how von Design, das in den Achtzigern allerdings jeder besaß, dem schon einmal eine „Schöner wohnen“-Zeitschrift auf die Füße gefallen war. Den Schweizer Gestalter Franco Clivio indes interessierte derart affiger Kram eher noch nie. Seit er Hosentaschen hat, sammelt der Ex-Professor, Jahrgang 1942, Siebensachen, deren Entwerfer unbekannt geblieben sind. Besonderer Alltagskram made by Nobodys also, für den man einen guten Blick haben muss, weil kein Markenzeichen ihn nobilitiert. Auch mal ein besonders Einzelstück ist dabei, alles aufgegriffen in Trödelläden, auf Flohmärkten, in Eisenwarengeschäften, Warenhäusern. Wie Clivio auf sein Augenmerk kam? Ein Geschenk seiner Eltern, so geht die Legende, ein Taschenmesser mit Klappmechanismus. Er war 14 und verlor es bald. Aber seither ist er scharf auf Dinge mit „Aha“-Effekt und darauf, dass die Dinge funktionieren und vielleicht sogar auch noch gut aussehen. Erst dann sind sie für ihn nämlich richtig schön. Ein Teppichklopfer, extrem biegsam und schlagkräftig, weil aus ornamental arrangierten Weidenzweigen. Ein Lindenbast-Pinsel, den man, wenn er vertrocknet, einfach abschneidet. Trowalisiersteine aus Keramik, die in einer Trommel mit Wasser die scharfen Kanten gestanzter Metallteile entschärfen. Ein Kletteraffe aus Blech. Schuhleisten, die in Pirmasens einmal jedes Kind kannte. Ein Aräometer für Weinmost, der mehr als haargenau die Dichte oder das spezifische Gewicht des Weinmosts bestimmt. Die Lebendfalle für Mäuse, deren Clou ein enger werdender Eingang ist. Sie schnappt zu, wenn die Maus nah genug am Käse sitzt. Oder ein Quirl aus US-amerikanischer Produktion mit Griffanordnungen zum Drehen und Festhalten, so ästhetisch, dass ihn der Künstler Man Ray 1918 fotografierte und sein Werk „The Man“ nannte. Clivio schickte seine Erstsemester-Studenten früher erst einmal los, Dinge, die sie gut fanden, für unter zwei Franken zu erstehen und zu präsentieren. Ihm selbst verdanken ihre Form einige Gartengeräte für Gardena, Beleuchtungssysteme im Louvre oder dem New Yorker Guggenheim Museum. Für Lamy designte der freundlich aussehende Mann mit runder Brille etwa den längenverstellbaren Kugelschreiber „Pico“, der von der Idee her auf einem 100 Jahre alten Vorbild basiert. Oft lässt sich der Designer von dem Sammler inspirieren. Anderen mag das Herz speziell an niederländischer Malerei hängen. Franco Clivio hortet Stifte, die er im Dutzend besitzt, auch einen Parker 51, von dem sogar der Gestalter –Laszlo Mohol-Nagy – bekannt ist. Seine Vorliebe gilt Brillen, Klappmessern, „Einstück-Stücken“ wie einer japanischen Nackenstütze oder Handschuhen aus Sisal. Kram mit Intelligenz intus eben. So etwas Geniales wie ein Inbusschlüssel, das heißt, ein Sechskantprofil aus Metall, das obere Ende ein rechter Winkel. Zu seinen Lieblingen gehören ein Modellflugzeug mit Vogelfedern und ein Topfuntersetzer aus Drahtgewebe, an den kein Marcel Breuer, Frank Gehry, Konstantin Grcic, und keine Charlotte Perriand und keine Patricia Urquiola je Hand angelegt haben. 70, 80 Gramm schwer, aber problemlos mit 100 Kilo belastbar. In Studentenbuden in den Sechzigern hingen die Teile bisweilen als Ersatz für kinetische Kunst an der Wand. Der Topf berühre die Drahtmaschen nur an minimalen Punkten und heize das Material deswegen nicht auf. Die Struktur sorge für einen Zwischenraum. Und dieses Nichts sei dann Teil der Formgebung, erklärt der Liebhaber der kleinen Dinge in einem Video. Es läuft gerade im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Dort ist noch bis in den April Clivios Alltags-Wunderkammer aus Schere, Beil und Licht ausgebreitet, mit einem stromlosen Fön aus dem Jahr 1925, dem ersten, 1943 marktreifen Füller mit Patronen aus Glas oder einem „Achselhöhlenrasierapparat für die Dame“. Millimetergenau abgezirkelt von Fotograf und Mitkurator Hans Hansen. Rund 1000 Sachen liegen in 29 Kapitel wie zur Begutachtung aus. Einige erkennt man wieder, wie den Buggy-Kinderwagen, der an ein Flugzeugfahrwerk erinnert. Wohl auch, weil ihn ein Fahrwerkkonstrukteur nach seiner Pensionierung entwickelt hat. Manche Errungenschaften der Zivilisation fällt es schwer, überhaupt zu bezeichnen. Andere haben sich auch nicht durchgesetzt, wie die mit den Grundbedürfnissen beschriftete Kunststoff-Einkaufsliste „Shopella“, ein britisches Patent, bei dem vor- und zurückklappbare Stecknadelköpfe anzeigen, was zum Kauf ansteht. Clivio schert sich nicht drum. Auffällig ist sowieso seine Vorliebe für Dinge, die bleiben, auch wenn sie überholt scheinen. IPod und Laptop kommen ihm nicht in die Sammlung. Dafür ist er auch zu begeistert von Papier, ein stromloser „Urspeicher“, der, wie es einem in der Ausstellung erklärt wird, sowohl über „sinnliche Materialität“ als auch über statische Fähigkeiten verfüge. Ersteres erschließe sich jedem, der ein Buch lese. Zu den statischen Fähigkeiten gehörten Möglichkeiten wie die, Papier zu knicken, aufzustellen oder wieder zu glätten. Die Faltungen, für Clivio, sind sie integrierte Gelenke. Außerdem wird im Katalogbuch erklärt, wie Papierflieger gebastelt werden. Fest steht jedenfalls, dass man nach dem Besuch der Hamburger Ausstellung einen anderen Blick auf das Drumherum der Dinge wirft, das einem umgibt. Ob es funktioniert, oder wie eine Zitronenpresse von Philippe Starck einfach nur schön aussieht. Kann auch sein, das einem selbst die Erfindungen der ganz Großen plötzlich epigonal erscheinen. Oder sieht dieser von irgendjemand entworfene hölzerne Rührstab aus einem verdrehten Span, der an ein Moebius-Band erinnert, nicht einem Kunstwerk ähnlich? Entstanden ist die „Unendliche Schleife“ des Bildhauers Max Bill jedenfalls, nachdem der Rührstab schon lange als Küchengerät in Gebrauch war. Die Ausstellung „No Name Design“, bis 3. April im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, geöffnet dienstags bis sonntags 10-18 Uhr ,donnerstags bis 21 Uhr.