Kaiserslautern Das Orchester der Solisten

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Zehn Tage dauerten die Osterfestspiele der Berliner Philharmoniker im Festspielhaus Baden-Baden. An acht Tagen stand Chefdirigent Sir Simon Rattle am Pult – und neben den sechs Opernaufführungen gab es fast 30 kleinere und größere Konzerte. Das Festival im Frühling in der Kurstadt ist ausgesprochen facettenreich und längst nicht nur auf den „Ausflug“ des weltberühmten Konzertorchesters in den Orchestergraben beschränkt.

Im kommenden Jahr endet mit den fünften Osterfestspielen bereits der Zeitraum des ersten Vertrags zwischen dem Orchester und dem Festspielhaus, doch einer Fortsetzung der vormals in Salzburg beheimateten und dort 1967 von Herbert von Karajan gegründeten Osterfestspiele in Baden-Baden scheint von keiner Seite aus etwas im Wege zu stehen. An der Salzach hatten die Osterfestspiele den Ruf, besonders elitär zu sein. Das ist an der Oos anders. Zwar sind die Opernkarten nicht gerade günstig, aber dank einer neuen Preisstruktur gibt es ab der nächsten Saison gesenkte Einstiegspreise – und die Meisterkonzerte mit erlesenen Kammermusikensembles der Berliner für kaum mehr als 20 Euro bieten Festspiele für alle. Und das bei höchstem musikalischen Niveau und spannenden Programmen. Ein Beispiel: In der reizvollen Lutherkirche im Stadtteil Lichtental spielte Concerto Melante, das Alte-Musik-Ensemble mit philharmonischen Musikern. Bach und Barock, wenn „Tristan“ im Zentrum der Festspiele steht. Geht das? Unbedingt! Denn in der wie ein Schiff gestalteten Jugendstil-Kirche erklang Musik von Johann Sebastian Bach und seinem Onkel Johann Christoph, die in Gestalt eines Dialogs zwischen der gläubigen Seele und Jesus oder durch die Vertonung von Texten aus dem biblischen Hohelied der Liebe ebenfalls ein klingendes Denkmal setzt. Die Wiedergaben der Bach-Kantate BWV 49 und Johann Christophs „Meine Freundin, Du bist schön“ waren jedenfalls animierend und von mitreißender Brillanz. Besonders Sopransolistin Heike Heilmann glänzte durch die Anmut ihres Vortrags. Eigentlich sind die Berliner Philharmoniker ja ein Orchester der Solisten. Das bestätigen sie in diesem Jahr bei den Meisterkonzerten, dem Musikfest – und bei den großen Sinfoniekonzerten. Allein die Solobläser Emmanuel Pahud, Flöte, Albrecht Mayer, Oboe, Andreas Ottensamer, Klarinette, und der aus Kaiserslautern stammende Stefan Schweigert, Fagott, sind ein womöglich weltweit einmaliges „Dreamteam“. Wenn sie dann noch wie in Mozarts Klavierkonzert Es-Dur KV 482 solistisch hervortreten dürfen und zusammen mit einer Mozart-Stilistin von höchsten Gnaden wie Dame Mitsuko Uchida musizieren, ist ein Grad von Spielkultur und Klangschönheit erreicht, der schwerlich zu überbieten sein dürfte. Zu diesem feinsten Mozart gab es im ersten der von Simon Rattle dirigierten Konzerte die neunte Sinfonie von Beethoven mit exzellenten Solisten und dem Philharmonischen Chor aus Prag. Rattle hatte das Werk, das Wagner übrigens als Urform seines Musikdramas verstand, vor vielen Jahren schon einmal mit alten Instrumenten historisch informiert im Festspielhaus aufgeführt. Mit den Wiener oder Berlinern macht er es anders: sehr stark im Ausdruck und reich an interpretatorischen Akzenten, aber – wie jetzt wieder – auch mit viel Klang und gelegentlich (im Adagio) eher breiten Zeitmaßen. Große Wirkung machte sein Beethoven aber allemal. „Tristan“ und Beethovens Neunte, zwei der epochalsten und ergreifendsten musikalischen Kunstwerke der Menschheit im Programm: Kann es da einen noch stärkeren Eindruck geben? Ja! Wenn die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle die vierte Sinfonie von Schostakowitsch spielen. Die ganz selten gespielte Sinfonie setzt der Liebe kein Denkmal und umarmt nicht brüderlich die Menschheit. Sie ist „nur“ Ausdruck der nackten Existenz eines Menschen, der in übrigens hochmoderner Musik seine Befindlichkeit in den schlimmen Zeiten des stalinistischen Terrors in der UdSSR zum Ausdruck bringt. Doch wenn dieses Psychogramm so konsequent und mit höchster Meisterschaft erklingt wie unter Rattle, geht das dem Hörer nicht mehr nur bildhaft, sondern physisch unter die Haut. Im nächsten Jahr dirigiert Sir Simon in Baden-Baden mit „Tosca“ seine zweite Puccini-Oper mit den Berliner Philharmonikern – und sein Nachfolger Kirill Petrenko steht am Pult eines Konzerts. Auch das Programm der Meisterkonzerte ist wieder vielversprechend. Mozarts Gran Partita oder Beethovens Streichquartett op. 130 sind unter anderem mit den Spitzenensembles der Berliner zu erleben.

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