Kaiserslautern Beifall für „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ am Pfalztheater
Fast vier Jahrzehnte sind vergangen, seit das Pfalztheater Kaiserslautern die Komödie „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ von Bert Brecht zuletzt auf die Bühne brachte. Am Donnerstag fand die Premiere einer inspirierten und publikumswirksamen Neuinszenierung des Regisseurs Martin Kindervater statt. Sie besticht durch eine gute Besetzung und ein interessantes Bühnenbild.
Die Arrangements des mehrfach lorbeerbekränzten Pfalztheater-Bühnenbildners Thomas Dörfler sind stets anregende Hingucker, immer fantasievoll und immer dem jeweiligen Sujet angemessen, oft minimalistisch, nie uninteressant. Den „Herrn Puntila und seinen Knecht Matti“ verpflanzt der allzeit ideenreiche Dörfler auf einen Autofriedhof oder Schrottplatz samt zuschauerfreundlich aufgeschnittenen Wohnwagen.
Das Stück spielt in Finnland – und dort frönen Jung und Alt, Arm und Reich dem Volkssport „Jokkis“, einer populären Schrottkarren-Rallye, die „allen Menschen vertraut“ und mithin ein „Aufeinandertreffen der unterschiedlichsten Schichten“ ist. So jedenfalls erläutert es Regisseur Martin Kindervater im Programmheft, zu dem Dramaturg Victor Pohl einen gewohnt fundierten, anregenden und schön geschriebenen Einführungstext beigesteuert hat.
Wer’s nicht liest, muss über die Szenerie ebenso grübeln wie über die Frage, warum im Jahr 2026 noch immer Schauspieler splitternackt oder mit abgeklebtem Busen hinter lässig offenem Bademantel über die Bühne stolzieren. Ferner gab das Auftauchen einer putzigen „Mumin“-Figur, wie sie die finnische Autorin und Zeichnerin Tove Jansson für ihre Kinderbücher ersonnen hat, zumindest dem Premierenpublikum ein Rätsel auf.
Sei’s drum, der von Brecht postulierte Verfremdungseffekt soll laut Lexikon „die Aufmerksamkeit der Zuschauer vom Ablauf des Geschehens auf die Sinngebung des Geschehens“ lenken. So oder so macht die pralle, bewusst derbe Inszenierung des in Erfurt geborenen, zuletzt in Karlsruhe tätigen Pfalztheater-Debütanten Kindervater gehörig Spaß.
Das ist bedeutsam, denn Brecht hat seinen „Puntila“ ausdrücklich als Volksstück deklariert. Es ist nicht von ungefähr sein neben der „Dreigroschenoper“ meistgespieltes Bühnenwerk. Kindervater klammert das belehrende, gesellschaftskritische, womöglich überholte Element nicht aus, gibt ihm aber eine ver- und erträgliche homöopathische Dosierung.
Das gilt auch für die spärlich eingesetzten Moritaten des Brecht-Komponisten Paul Dessau, die von der Lauterer Akkordeon-Virtuosin Alexandra Maas und dem gesanglich wie als Gitarrenspieler gleichermaßen versierten Schauspieler Hans Ehlers angestimmt werden.
Er spielt den Chauffeur Matti als wackeren, gutmütigen Phlegmatiker, der sich mit den Mechanismen der Ausbeutung ebenso arrangiert hat wie mit den Stimmungsschwankungen seines Chefs Puntila. Der verhält sich – wie der Millionär im Chaplin-Film „Lichter der Großstadt“ – zu Untergebenen nur dann gütig, wenn er volltrunken ist. Bei klarem Kopf ist der Gutsbesitzer ein rücksichtsloser Kapitalist und Menschenschinder ohne moralisches Gewissen.
Der so wandlungsfähige wie unnachahmliche Henning Kohne, dessen lakonische Charakterisierungskunst dem Pfalztheater seit 2003 Glanz verleiht, spielt den genusssüchtigen Sklaventreiber mit berserkerhafter Hingabe. In den (recht seltenen) leisen Momenten kann er gar so etwas wie Sympathie für das cholerische Großmaul wecken. Den Fehler, Puntilas Alkoholrausch womöglich durch plump-klischeehafte Besoffenen-Komik dem Klamauk auszuliefern, macht weder Kohne noch Kindervater.
Ohnehin fügt sich das – in passend pittoreske Kledage von Anne Manss gewandete – Ensemble geschlossen in die erfreulich zeigefingerfreie Inszenierung ein. Paula Vogel ist ein liebeshungriges, bei Bedarf auch zickiges Töchterlein; Rainer Furch ihr blasiert-trotteliger Verlobter.
Die Nebenrollen teilen sich Hannelore Bähr, Pfalztheater-Elevin Marisa Lacatena, Stefan Migge, Aglaja Stadelmann und – immer ein Fest! – die koboldhafte Josephine Raschke, die zudem dem Sprechgesang einer Brecht-Diseuse frönt. Wohl dem Regisseur, der über derart spielfreudige Chargen verfügt.
Fazit also: eine dezent moralisierende Interpretation des grimmig marxistischen Spiels von Herrn und Knecht, Besitzenden und Arbeitern, deren Dasein zwangsläufig implodiert. Die angeprangerten Klassengegensätze mögen in dieser Form (!) nicht mehr existieren. Gleichwohl „ist die Ungleichheit der Welt so groß wie nie“, merkt das Programmheft an. Insofern ist und bleibt uns die unverwüstliche Gestalt des Puntila noch eine ganze Weile sehr nah.
Info
Nächste Vorstellungen an diesem Sonntag, 18 Uhr, sowie am 30. Mai und 6. Juni, jeweils 19.30 Uhr, im Pfalztheater Kaiserslautern.
Weitere Termine, Infos und Karten unter Telefon 0631 3675-209 oder der E-Mail-Adresse vorverkauf@pfalztheater.bv-pfalz.de
Internet www.pfalztheater.de