Kaiserslautern
Bei der elektronischen Patientenakte hapert es noch an vielen Ecken
„Von der Ankündigung der ePA bis zur Einführung wurde sie nur verschlimmbessert.“ Heinz Baumann hält nicht mit Kritik an der digitalen Akte hinterm Berg. Der 70-Jährige ist seit Dezember 2025 ehrenamtlicher ePA-Coach des Landes, „der einzige bisher in Kaiserslautern“. Er will über die Akte aufklären: Was kann sie, was kann sie nicht, was soll sie künftig können? Und vor allem: Welchen Vorteil haben die Patienten davon? Denn im Prinzip sei die ePA etwas, wovon das Gesundheitssystem und letztlich die Patienten nur profitieren könnten. Wenn, ja wenn sie denn in der Praxis so wie geplant laufen würde.
Gut zehn Personen haben sich im Nils-Wohnprojekt im Goetheviertel eingefunden, um von Baumann mehr über die Akte zu erfahren. Seit seiner Zusatzqualifizierung zum ePA-Coach – Digital-Botschafter Rheinland-Pfalz ist er schon seit Jahren – ist dies sein dritter Termin zu dem Thema.
Seit Januar kostet es die Praxen Geld, wenn sie die ePA nicht nutzen
„Im Januar 2025 wurde die ePA in Deutschland eingeführt, einiges wurde dann noch getestet“, skizziert Baumann die Chronologie. Im April wurde sie bundesweit ausgerollt, seit Oktober ist sie für Arztpraxen, Krankenhäuser und Apotheken Pflicht. „Und seit Januar 2026 kostet es die Ärzte Geld, wenn sie die ePA nicht nutzen.“ Dennoch hapere es an der Umsetzung.
Hauptziel der ePA ist der schnelle Austausch von Gesundheitsdaten von einem Arzt zum anderen, zum Krankenhaus, zur Apotheke, statt dass der Hausarzt dem Facharzt seine Befunde zuschicken muss oder der Patient diese auf Papier umherträgt. So sieht der Facharzt zum Beispiel in der Akte, welche Behandlung erfolgt ist, welche Medikamente der Patient nimmt und kann Wechselwirkungen oder Allergien durch seine Verschreibung ausschließen, und hat Laborbefunde sofort im Blick. Besser, er sähe dies, wenn die ePA so weit wäre.
„Vieles, was geplant war, ist immer noch nicht möglich“, muss Baumann berichten. Zwar ist eine Medikationsliste – die anzeigt, welche Medikamente der Patient mal beschrieben bekommen hat – ersichtlich, aber noch nicht der Medikationsplan, aus dem hervorgeht, was tatsächlich wie eingenommen wird. „Auch eine Volltextsuche fehlt noch. Bisher lassen sich lediglich pdf-Dateien hochladen – Bilder sind also auch noch nicht drin –, und die Dateien haben weder einheitliche Namen noch eine Ordnerstruktur. So muss der Arzt jede einzelne öffnen, um zu sehen, was überhaupt vorliegt.“ Auch Labore können ihre Befunde noch nicht einstellen. Ebenso fehlt beispielsweise ein Zahnbonusheft oder der Impfpass darin, was mit Erinnerungsfunktion einen großen Nutzen für die Patienten hätte.
Patienten können auch selbst Dateien hochladen
Und noch immer hänge es an der Arztpraxis, überhaupt Dateien in die ePA einzustellen. „Auch die geplante Push-Benachrichtigung in der ePA-App des Patienten, die neue Inhalte anzeigt, gibt es noch nicht.“ Patienten können zudem selbst beispielsweise eingescannte Schreiben in ihre Akte einpflegen, was jedoch dadurch erschwert ist, dass Bildformate nicht hochladbar sind. „Vitaldaten von Smartwatches können auch eingestellt werden. Das kann aber schnell zu einer Zwei-Klassen-Medizin führen, wenn Krankenkassen junge, fitte Patienten bevorzugen“, warnt er.
Die ePA wurde für alle gesetzlich Versicherten 2025 automatisch erstellt, außer, man widersprach. Was auch jetzt jederzeit möglich ist; dann wird sie gelöscht. „Ursprünglich sollte man als Patient den Zugriff für bestimmte Personen, Einrichtungen oder Dateien verweigern können“, berichtet Baumann. „Jetzt gibt es nur noch das pauschale Ja oder Nein“, bedauert er. So müsse ein Patient den Arzt darauf hinweisen, wenn er sensible Daten, beispielsweise zur psychologischen Behandlung, nicht in der Akte haben möchte.
Nur ein Bruchteil der Patienten hat die ePA-App
Seit Jahresbeginn haben die Praxen Einbußen, wenn sie die ePA nicht befüllen. Honorarkürzungen durch die Kassen von einem Prozent drohen ihnen sowie die Halbierung der Pauschale, die die Praxen für den Mehraufwand wegen der digitalen Akte bekommen. „Im Krankenhaus ist die ePA offenbar auch noch nicht wirklich angekommen“, berichtet Baumann aus eigener Erfahrung, „dort konnte man die Daten nicht lesen.“ Für Krankenhäuser gilt jedoch noch eine Übergangsfrist bis April.
Die Transparenz, die die ePA zudem verspricht, wird von den Patienten jedoch kaum geschätzt. Von den rund 70 Millionen Personen mit ePA haben nur rund vier Millionen die ePA-App genutzt. Jede Krankenkasse bietet ihre eigene App an, die sich der Patient aufs Handy laden kann – und dann einrichten muss. Genau dort scheint die Krux zu liegen: Die Registrierung und anschließende Identifizierung ist aufwendig, vor allem technisch weniger Visierte sind schnell abgeschreckt. Neben Daten wie Versichertennummer, Kartennummer, Personalausweis mit PIN „ist eine E-Mail-Adresse nötig, die viele Über-80-Jährige nicht haben“, beschreibt Baumann die Hürden vor allem für Senioren.
Doch genau dafür ist er als ePA-Coach da. Neben allgemeinen Informationsrunden wie diese bietet er persönliche Hilfe in seinen Digitalbotschafter-Sprechstunden zweimal pro Monat an. „Da helfe ich dann beim Einrichten der App.“