Literatur RHEINPFALZ Plus Artikel Barbara Leciejewski über neuen Roman und Lesung in Kusel

Die Autorin Barbara Leciejewski stammt aus Mühlbach (Altenglan) und lebt inzwischen in München. Nun kommt sie für ein Gastspiel
Die Autorin Barbara Leciejewski stammt aus Mühlbach (Altenglan) und lebt inzwischen in München. Nun kommt sie für ein Gastspiel zurück in die alte Heimat.

Ihren neuen Roman „Am Meer ist es schön“ stellt Barbara Leciejewski im Horst-Eckel-Haus vor. Konstanze Führlbeck hat sich mit der Wahl-Münchnerin unterhalten.

Wie sind Sie eigentlich zur Schriftstellerei gekommen?
Diese Frage ist schwierig zu beantworten. Ich hab’ schon immer geschrieben und Geschichten erzählt. Phantasie war ganz wichtig für mich. Wenn Bücher zu Ende waren, habe ich mir oft gedacht: Und wie geht es jetzt weiter? Mit zwölf Jahren habe ich meine erste Geschichte geschrieben, eine Internatsgeschichte. Es ist mir nur nicht bewusst geworden, dass man das als Beruf machen kann. Schriftsteller – das sind die anderen, deren Name auf dem Buch steht. Ich war auch immer theateraffin und ein Filmfan, ursprünglich wollte ich ans Theater, in die Dramaturgie oder Regieassistenz. Ich habe da auch neben dem Studium der Neueren deutschen Literatur, Germanistischen Linguistik und Theaterwissenschaft diverse Jobs gemacht. Während dieser Zeit habe ich weniger geschrieben und danach erst wieder angefangen.

Waren Sie auch journalistisch tätig?
Nein, Pressearbeit hat mich nie interessiert. Ich wollte nicht sachlich berichten, ich wollte mir Geschichten ausdenken und sie erzählen.

Und fürs Theater oder den Film zu schreiben kam da für Sie nicht in Frage?
Romane zu schreiben hat sich natürlich entwickelt, das war keine bewusste Entscheidung. Ich hab’ geschrieben und geschaut: Was ergibt sich daraus? Das ist dann die Langform geworden.

Was bedeutet es für Sie, wenn Sie jetzt für diese Lesung wieder nach Kusel kommen, wo Sie das Gymnasium besucht und ihr Abitur gemacht haben?
Ich habe vor zwei Jahren schon mal eine Lesung im Horst-Eckel-Haus gemacht, das war ein Heimspiel. Es ist schön, dass ich bei dieser Lesung Leute treffen kann, die man von früher her kennt.

Was löst bei Ihnen den „Kick“ aus: Das könnte eine Geschichte für mich sein, darüber muss ich schreiben?
Das ist jedes Mal anders. Manchmal habe ich etwas über Jahre im Kopf, zum Beispiel die „Mühlbach-Saga“.

Gibt es einen konkreten Auslöser, der Sie zu „Am Meer ist es schön“ inspiriert hat?
Das waren eine Dokumentation und ein Studiogespräch mit Anja Röhl, „Das Leid der Verschickungskinder“ vom SWR.

Was hat Sie daran berührt?
Ich hab mit meinem Mann vorm Fernseher gesessen und rumgezappt, diese Sendung hatte gerade erst angefangen. Ich blieb sofort hängen und war erschüttert darüber, was diesen Verschickungskindern angetan wurde – und dass ich noch nie etwas davon gehört hatte!

Was sind „Verschickungskinder“? Ging es dabei um die sogenannte Kinderlandverschickung im Zweiten Weltkrieg?
Nein, das ist etwas Anderes. Es ging Anfang der 50er Jahre los, nach dem Krieg. Die Kinder sollten zur Erholung in Kur geschickt werden, die Krankenkassen haben auch dafür bezahlt. Dann wurde eine regelrechte Verschickungsindustrie daraus. Verschickungsheime schossen wie Pilze aus dem Boden, zum Beispiel in St. Peter-Ording an der Nordsee.

Warum wurden die Kinder in diese Heime zur Kur geschickt?
Manche waren zu dick, andere zu dünn, wieder andere hatten Asthma, Hautprobleme – oft haben die Kinder einfach nicht in eine Norm gepasst. Sie wurden damals bei Schuluntersuchungen begutachtet und bewertet.

Wie viele Kinder waren von solchen Verschickungen betroffen?
Wir reden über Millionen von Kindern, die zwischen 1950 und den späten 1980er Jahren verschickt wurden, quer durch Deutschland.

Und das lief unter dem Etikett „Kur“?
Es ist absurd, kleine Kinder, sogar Zweijährige, von ihren Eltern wegzuholen und für mehrere Wochen in fremde Hände zu geben.

Wie war denn das Leben in diesen Heimen?
Man ist fassungslos, was dort gelaufen ist. Kinder wurden geschlagen, eingesperrt, sie mussten am Tisch bleiben, bis der Teller leer war, notfalls den ganzen Tag, selbst Erbrochenes mussten sie nochmals essen. Die Heime waren oft überbelegt, Kinder wurden zum Teil nachts in ihren Betten fixiert. Wenn sie vor Heimweh ins Bett gemacht haben, wurden sie vorgeführt. Um nur einen Teil der Bestrafungsmethoden zu nennen. Die Kinder mussten funktionieren.

Wer war für die Kinder in diesen Heimen verantwortlich?
Die Erzieherinnen dort wurden „Tanten“ genannt. Die Traumatisierungen, die viele Kinder dort erlitten, haben sich durch ihr ganzes Leben gezogen.

Wie war das möglich?
Sie mussten immer schöne Sachen nach Hause schreiben, das wurde kontrolliert. Sie konnten nicht um Hilfe rufen. Später haben sie zu Hause erzählt, was ihnen Schreckliches passiert ist – und oftmals wurde ihnen nicht geglaubt! Und dass ihnen in diesem „Schutzraum“ nicht geglaubt wurde, hat das Trauma noch verstärkt. Aber das wird noch immer kaum öffentlich adressiert.

Haben Sie entsprechende Reaktionen auf Ihren Roman erhalten?
Ja, es gab zwei ganz entgegengesetzte Reaktionen. Es meldeten sich Leute und sagten: Ich hab’ noch nie vorher davon gehört. Andere sagten: Ich kenne jemanden, dem das auch passiert ist, Mutter, Vater, Tante, Schwiegermutter et cetera, beziehungsweise sie sagen: Mir ist es selbst passiert, ich war auch Verschickungskind. Jetzt erfahre ich, dass ich nicht die Einzige war, der so etwas passiert ist. Und es nimmt mich immer noch mit.

Wer waren die Heimleiter?
Da waren unter anderem auch ehemalige NS-Ärzte darunter. Die konnten ein solches Verschickungsheim eröffnen.

Kommen wir zu Ihrem Roman. Worum geht es in „Am Meer ist es schön“?
Es geht um ein ehemaliges Verschickungskind, Susanne Lach. Die achtjährige Susi wurde im Juni 1969 nach St. Peter-Ording verschickt, in das Heim Haus Morgentau. Mein Roman spielt auf zwei verschiedenen Zeitebenen. Die Rahmenhandlung, innerhalb derer die Geschichte erzählt wird, spielt 2018. Da ist Susanne, 57 Jahre alt, sie hat eine 25-jährige Tochter, Julia. Ihre Mutter Luise liegt dement in der Seniorenresidenz Abendrot in München, wo Susanne lebt. Dabei hatte Susanne ein deutlich schlechteres Verhältnis zu ihrer Mutter als ihre beiden Geschwister, denn ihre Mutter hat ihr damals nicht geglaubt, was im Verschickungsheim passiert ist; vorher war ihre Mutter ihre ganze Welt gewesen. Und dann erhält Susanne einen Anruf, dass ihre Mutter im Sterben liegt.

Ist Susanne schwer gezeichnet durch ihre Erlebnisse im Verschickungsheim?
Sie hatte eine schwierige Kindheit, war eine aufsässige Jugendliche, hat knapp das Abi gekriegt, viel gejobbt, war unstet. Durch glückliche Umstände hat sie doch noch Karriere als Eventmanagerin gemacht. Aber sie wird von Alpträumen verfolgt und hat nie wieder jemand von der Zeit im Verschickungsheim erzählt, seit man ihr damals nicht geglaubt hat. Und auf dem Sterbebett bricht es plötzlich aus Susannes Mutter heraus: Es tut mir so leid. Die späte Entschuldigung führt dazu, dass Susanne ihrer Tochter Julia dann ihre Geschichte erzählt. So blättert sich die Familiengeschichte auf, auch Susannes Geschwister erfahren zum ersten Mal, was damals los war.

Wie erzählt man eine so traurige Geschichte?
Ich wollte einen Roman schreiben, den man gern liest, ohne etwas zu beschönigen. Ich wollte aber auch, dass die Leute einen Hoffnungsschimmer haben. So findet Susi dort gute Freunde. Diese Freundschaft hält die Kinder aufrecht, sie stützen sich gegenseitig. Sie können einander vertrauen, die „Tanten“ überlisten, gemeinsam lachen. Und beide Zeitebenen meines Romans spielen in Situationen, in denen es um Menschen geht, die besonders verletzlich sind, abhängig von anderen Menschen und angewiesen auf Hilfe und Schutz.

Wie ist Susi damals eigentlich aus dem Heim herausgekommen?
Da müssen Sie das Buch lesen!

Danke für das Gespräch.

Info

„Am Meer ist es schön“, Premierenlesung mit Barbara Leciejewski am Freitag, 27. Juni, 19.30 Uhr, im Horst Eckel Haus Kusel, „Am Meer ist es schön“, Premierenlesung mit Barbara Leciejewski am Freitag, 27. Juni, 19.30 Uhr, im Horst Eckel Haus Kusel, Karten gibt’s im Vorverkauf in der Kreis- und Stadtbücherei oder der Buchhandlung Wolf, daneben Abendkasse.

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