Interview
Band Ganes aus Südtirol: „Wir erzählen viel über unser Dorf“
„Vives“ kommt aus dem Ladinischen und bedeutet so viel wie „auf das Leben“ – ein beliebter Trinkspruch in den Dolomiten, aber auch eine Lebenseinstellung. Viele Menschen assoziieren das Wort „Leben“ ganz unterschiedlich. Was bedeutet Leben für Euch?
Elisabeth: Das Leben ist natürlich so facettenreich, so groß, so bunt, dass hier wirklich in alle Richtungen gedacht werden kann. Deswegen wollten wir auch das Album so bunt und facettenreich wie möglich machen. Wir wollten uns aber auch zurückbesinnen auf die kleinen Dinge, auf unsere Herkunft, auf die kleinen Geschichten des Lebens. Gerade heutzutage muss alles schnell gehen, groß sein, ständig muss man große Reisen machen und unbedingt dieses und jenes noch sehen und erleben und alles sofort auf einem Selfie für die sozialen Medien festhalten. Der Mensch wird immer individualistischer. Jeder stellt sich selbst dar. Dabei ist die Hauptsache, man kann im Internet zeigen: Ich bin hier gewesen!
Marlene: Wir merken das hier in den Bergen sehr, welche Ausmaße beispielsweise der Tourismus hier angenommen hat. Früher lebten hier nur arme Bergbauern. Es ist eine karge Gegend, wo das Leben nicht leicht und voller harter Arbeit war. Plötzlich kam der Tourismus auf und es wurde immer mehr aufgebaut, um den Touristen etwas bieten zu können. Und jetzt hat es einen Punkt erreicht, an dem es zu viel ist. Eigentlich kamen die Menschen immer hierher, um die Stille zu genießen. Aber jetzt herrscht sehr viel Verkehr auf den Straßen, bis hinauf zu den Hütten. Die Wege werden immer weiter, die Tourismus-Punkte immer mehr. Eine kleine Kathedrale bei uns in Südtirol wurde durch die sozialen Medien plötzlich so berühmt, dass jetzt Hunderte von Bussen voller Touristen dahin pilgern, nur für ein Selfie vor dieser kleinen unscheinbaren Kirche (lacht). Mittlerweile wird sogar darüber diskutiert, ob man Ranger einsetzen sollte, die dann für Ordnung sorgen. Deshalb finde ich, dass wir alle einen Schritt zurück denken müssen, um das Leben wieder zu spüren. Denn wir wissen doch eigentlich schon, dass es nicht so weitergehen kann – immer höher, immer mehr, immer schneller. Auch die Natur hält nicht alles aus. Es gibt natürlich noch ein paar unentdeckte Plätze. Aber man kann nicht kontrollieren, wie lange noch.
Also konserviert Ihr die kleinen noch unentdeckten Orte und noch unbekannten Geschichten auf Eurem neuen Album?
Marlene: Genau. Wir haben ein bisschen erforscht, wie sich die Menschen früher hier getroffen und bewegt haben, vor den sozialen Medien und den Tourismus-Hotspots. Und wie die Menschen das Zusammensein zelebriert haben ohne Smartphones und Kameras. Wir erzählen viel über unser Dorf, La Val. Wir haben auch schöne und magische Fotos von den hiesigen Winterlandschaften gemacht. Und wir bespicken das Ganze mit schönen persönlichen Anekdoten.
Habt Ihr beim Erforschen vielleicht auch Orte, Geschichten und Traditionen aus Eurer Heimat entdeckt, von denen Ihr vorher selbst gar nicht wusstet?
Marlene: Oh ja! Zum Beispiel war ich bei einer älteren Frau hier im Ort. Sie hat mir und meiner Mutter ihr Haus geöffnet und uns eine alte ladinische Handwerkskunst gezeigt. Und zwar haben die Frauen früher in der Stube kleine Alufolien und Papierreste, zum Beispiel das bunte Papier einer Schokolade, sozusagen recycelt und wunderschöne Blumengestecke daraus gefaltet, die man dann zum Teil bei Hochzeiten trug. Davon haben wir auch ein paar Fotos gemacht. Es ist faszinierend, wie die Menschen früher Dinge geschätzt und verwertet haben.
Das stimmt. Eine andere Zeit und Mentalität. Wie lange habt Ihr insgesamt an dem Album gearbeitet? Und ist es am Ende so geworden wie anfangs konzipiert?
Elisabeth: Wir haben schon 2022 angedeutet, wohin es thematisch beim nächsten Album gehen soll. Und seit 2023 bis vor Kurzem haben wir daran gearbeitet. Tatsächlich war es sehr mühsam am Schluss, weil das Presswerk ewig gebraucht hat, um das Album zu pressen. Es ist ja auch nicht nur eine CD, sondern ein Mediabook mit 66 Seiten voller Geschichten, Erklärungen und Übersetzungen zu unseren Liedern. Deshalb hat sich auch das Erscheinungsdatum verschoben – auf den letzten Freitag im September.
Marlene: Aber in Kaiserslautern werden wir natürlich schon ein paar Exemplare dabei haben. Also bekommt das Publikum in Kaiserslautern die Möglichkeit, sich vor allen anderen ein Album zu kaufen (lacht). Das Konzert ist für uns die Premiere von „Vives“.
Elisabeth: Ursprünglich haben wir sogar überlegt, ob wir das Album nicht doch lieber „Osteria“ taufen – Ladinisch für „Wirtschaft“. Denn früher haben sich die Menschen häufig in den alten Wirtschaften zusammengefunden und das Leben gefeiert. Wir fanden es also auch spannend, zu erforschen, wo die alten urigen Wirtschaften geblieben sind.
Und was habt Ihr herausgefunden?
Marlene: Dass es leider nur noch ganz wenige von ihnen gibt. Denn auch sie verschwinden immer mehr und werden durch immer modernere und luxuriösere Hotels für die Touristen ersetzt. Dabei geht so viel Seele und Gemeinschaft verloren. Heute heißt es: Hauptsache ich! Früher ging es immer um die Gemeinschaft. Denn ohne die Gemeinschaft hat man oft gar nicht überlebt.
Die ladinische Sprache wird heutzutage kaum noch gesprochen. Wie bringt man die Geschichten Eurer Songs einem ladinisch-unerfahrenen Publikum näher, ohne sie direkt zu übersetzen?
Elisabeth: Das ist eine interessante Frage. Ich glaube tatsächlich, das machen wir automatisch – mit genau diesem Gedanken, dass wir sozusagen unsere Geheimsprache haben, aber wollen, dass jeder diese Geheimsprache versteht und fühlt. Deshalb ist es wichtig, die Musik so zu spielen, dass man die Geschichte ohne die Sprache zu verstehen, mitfühlen kann. Und dann kann jeder den Rest der Geschichte in seiner und ihrer Fantasie weiterspinnen.
Marlene: Ich mag es selbst gerne, Musikern zuzuhören, deren Sprache ich nicht spreche. Zum Beispiel gibt es einen jungen isländischen Sänger, der ein Album gemacht hat – eine Version in seiner Muttersprache und eine andere auf Englisch. Und ich höre immer die isländische Version! Ich sehe dann diese Landschaften vor mir, spüre die Seele des Liedes – ganz anders, als wenn ich es in englischer Sprache hören würde.
Habt Ihr damit bewusst Euer Publikum eingegrenzt und Euch für die Kunst und gegen eine großflächigere Karriere entschieden?
Elisabeth: Ja, ich denke, durch die Entscheidung, auf Ladinisch zu singen, haben wir uns eigentlich direkt für die Kunst entschieden. Wir haben uns für die Musik entschieden und nicht für Hits oder Chart-Positionen. Wir wollten immer authentisch sein und zu dem stehen, was uns ausmacht. Auf Englisch zu singen, nur um potenziell mal einen Hit haben zu können, das war uns nie wichtig. Uns war wichtig, woher wir kommen, wie wir klingen und was wir den Menschen erzählen wollen.
Marlene: Die Zeiten haben sich auch geändert. Am Anfang haben wir teilweise an die zehntausend Stück verkauft. Das kann man sich heutzutage gar nicht mehr vorstellen. Die Albenverkäufe sind doch sehr eingebrochen. Und da muss man auch flexibel sein und sich fragen: Was können wir machen? Und wie können wir unser Publikum trotzdem noch erreichen und auf Tour gehen? Natürlich haben wir ein Stammpublikum. Aber trotzdem ist es immer ein Bemühen und ein Schwanken. Gerade nach Corona gab es immer wieder Konzerte, die sehr gut besucht waren und dann wieder Konzerte, bei denen man sich nicht erklären konnte, warum es zurückgegangen ist. Wir haben ja auch eine Zeit lang große Konzerte auf großen Bühnen gespielt, mit Hubert von Goisern zum Beispiel. Mittlerweile spielen wir lieber vor 400 oder 500 Menschen. Und das ist gerade noch die Größe, bei der man nah dran ist an dem Publikum, man sieht und spürt die Menschen. Ich bin ja selber früher sehr oft auf Konzerte gegangen. Und ich muss sagen, es waren nie die großen Konzerte, die mich berührt haben, sondern immer die kleineren nahbaren, bei denen ich mich als Teil des Abends fühlen konnte.
Info
Ganes spielt am Donnerstag, 19. September, 20 Uhr, in der Kammgarn in Kaiserslautern. Tickets für das Konzert sind im Vorverkauf oder online bei der Rheinpfalz erhältlich.
Zur Person
Gegründet wurde die Band Ganes von den Schwestern Elisabeth und Marlene Schuen sowie ihrer Cousine Maria Moling. Alle drei sind in La Val aufgewachsen, einem abgelegenen Dorf in den Südtiroler Dolomiten. 2010 veröffentlichte die Gruppe ihr erstes Album. „Vives“ ist bereits ihr achtes Studioalbum und enthält Lieder in ladinischer Sprache. Ganes ist tief verwurzelt in ihrem ladinischen Erbe und den Geschichten ihrer Heimat. Sie traten bereits mit Hubert von Goisern während der Linz-Europa-Tour auf dessen Konzertschiff auf und wurden für ihre Musik mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. Seit 2018 spielt das weibliche Trio in einer neuen Besetzung: Statt Maria Moling komplettiert nun die Ostfriesin Natalie Plöger als Kontrabassistin und Sängerin die Band.