Vanden Plas
Andy Kuntz beweist sein Talent als Regisseur
Eine Lampe schwingt im raucherfüllten Dunkel hin und her, dahinter sind für Sekundenbruchteile die Gesichter der Akteure zu erkennen. Ein geheimnisvolles Steintor steht in nebliger Landschaft und gibt den Weg frei in einen gänsehautfördernden Wald. Vor wabernden Stoffwänden agieren insbesondere die Instrumentalisten und der Frontmann von Vanden Plas in einer buchstäblich „unfassbaren“ Zwischenwelt voller Licht- und Schatten-Effekte. Nicht zuletzt: Ein junger Mann, zuvor im Film schon in jener diffusen Örtlichkeit anzutreffen, flüchtet vor einer unsichtbaren Gefahr panisch über ein Bahngleis im Wald, während im Vordergrund in intensiver Close-up-Einstellung der düster lächelnde Sänger verweilt. Allein dieses Material, das der Kameramann und Filmemacher Oliver Barth aufgenommen hat, hat es schon in sich.
Mit seinen Ideen und zusammen mit dem bandtypisch deftigen, gleichwohl durchdacht komponierten Titel hat der (auch für das Gesamt- und insbesondere Licht-Konzept verantwortliche) Regisseur Andy Kuntz damit ein sieben Minuten und 32 Sekunden dauerndes kleines Kunstwerk geschaffen, das den Vergleich mit internationalen Produktionen nicht zu scheuen braucht.
Mystisch anmutende Geschichte und Drehorte
Stattgefunden haben die Dreharbeiten im „Cotton Club“ der Kammgarn, wo an zwei intensiven Tagen mit Stoffbahnen, Scheinwerfern und Instrumenten-Aufbau die musikalischen „Live“-Szenen gedreht wurden, im Steinbruch Picard (dort befindet sich das pyramideske Steintor) und auf stillgelegten Schienen in einem Waldstück zwischen Enkenbach und Ramsen – alles Orte, die technisch oder stimmungsmäßig zur Realisierung der mystischen Geschichte passen.
Diese ist, wenn man das Konzept des übergeordneten Albums „The Ghost Xperiment – Illumination“ kennt, gar nicht so diffizil. Es erscheint am 4. Dezember. Die Idee zu diesem Werk geht zurück auf ein parapsychologisches Experiment, das Anfang der 1970er Jahre in Kanada stattfand und im Rahmen von Geisterbeschwörungen beweisen sollte, dass es „Geister“ im landläufigen Sinn nicht gibt und Erscheinungen dieser Art lediglich auf die Persönlichkeiten der Beschwörer zurückgehen. Zugleich aber schien es, dass das, was die Experimentierenden als „Geist“ wahrnahmen, ein Eigenleben entwickelte. Wie konnte das sein?
Die Grenzen zwischen den Personen verschwimmen
Das Video, das den gleich an erster Stelle des Albums erscheinenden prominenten Titel umsetzt, greift exemplarisch für das ganze Werk den Gedanken auf, dass Andy Kuntz der Erfinder der Figur Gideon Grace ist. Dieser wird dargestellt von dem erst 16-jährigen, aber schon reichlich filmerfahrenen Aaron Kissiov. Die Figur lebt mit und durch die Musik von Stephan Lill (Gitarre), Günter Werno (Keyboard), Torsten Reichert (Bass) und Andreas Lill (Schlagzeug) in ihrer eigenen Welt – womöglich mit einem eigenen Bewusstsein?
Und dann kann außerhalb des Textes, und der eindringlichen, von mehreren brillanten Soli gekennzeichneten Musik, auch die Bild- und Darstellungssprache des Clips klarer werden. Der geisterhafte Ort, an dem die identisch geschminkten Haupt-Akteure Kuntz und Kissiov eng verbunden agieren, der ängstliche, anscheinend orientierungslose Gideon Grace, der nicht weiß, wie ihm geschieht, aber zugleich ganze Textpassagen des erschaffenden Andy Kuntz auswendig mitsingt – das lässt Raum für jede Menge Interpretationen ...
Nach wenigen Tagen schon 20 000 Aufrufe
Auch bei mehrmaligem Ansehen und -hören des Clips stößt man immer noch auf interessante Details, welche den Ideenreichtum des Regisseurs und die Akkuratesse bei der Umsetzung dokumentieren. So wechselt etwa ganz zum Schluss in einer gekonnten Überblendung das Gesicht hinter der schwingenden Lampe mehrfach von Kuntz zu Kissiov – und bleibt schließlich stehen bei jenem des jungen Darstellers.
Der Videoclip zu „When The World Is Falling Down“ ist seit Mittwoch auf YouTube zu sehen. Er wurde, Stand Sonntag, schon über 20.000 Mal angeklickt und mehr als 60-mal meist positiv kommentiert.