Kaiserslautern Als der Ex-Intendant das Pfalztheater verklagte
Skandale und Skandälchen gehören zum Theater wie der Hecht zum Kaiserwoog. Naturgemäß finden Klatschbasen auch im Lauterer Musentempel den Stoff für Sex- und Ehebruchgeschichten, Missgunst und Neid, Ränke und Intrige, vermeintliche Bevorzugung und gefühlte Zurücksetzung. Zumindest ungewöhnlich erscheint indes der Fall des Ex-Intendanten Willie Schmitt, der vor 50 Jahren gegen das Pfalztheater Kaiserslautern vor Gericht zog.
Obwohl der Prozess seinerzeit bundesweit Schlagzeilen machte, wird heute die Frage nach Willie Schmitt im Lauterer Theater nur mit Schulterzucken beantwortet. Stadtarchiv, Bezirksverband und das Deutsche Theatermuseum München können zwar mit Unterlagen zum Verfahren aufwarten, nicht jedoch mit biografischem Material. Dabei war Willie Schmitt ein umsichtiger und künstlerisch geschätzter Theatermann. Er entstammte einer alten Schauspielerfamilie, seine Mutter war die Tragödin Alexandra Schmitt, deren Name untrennbar mit dem sozialkritischen Stummfilm-Klassiker „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“ (1929) verbunden ist. Unter der Regie des in der Pfalz geborenen Regisseurs Piel Jutzi, der hier außerdem seinen Landsmann Holmes Zimmermann besetzte, spielt sie in dem Proletarier-Drama die Titelrolle einer bitterarmen Zeitungsausträgerin, die schließlich aus Kummer über die wirtschaftliche Not den Gashahn aufdreht. Auch der 1895 geborene Willie Schmitt begann als Schauspieler. Nach seinem Debüt am Berliner Schillertheater hatte er Engagements in Lódz, Remscheid, Stettin und Bremen, ehe er sich verstärkt Regie- und Verwaltungsaufgaben zuwandte. Mit 37 Jahren wurde er Intendant des Stadttheaters Hagen, danach in Eisenach und Gotha, schließlich ab 1948 in Lüneburg. „Aus der Nachkriegsentwicklung des Theaterwesens in der Heidestadt“ sei er „gar nicht wegzudenken“, bescheinigte ihm später die „Lüneburger Landeszeitung“: „Es ist keineswegs übertrieben, (…) dass ihm die (…) Bühne das Überleben verdankt.“ Damals wie heute, auf der Heide wie in der Pfalz mussten Theatermacher augenscheinlich immer gegen Spardruck und Politikerignoranz ankämpfen. Intendant an der Lauter war seinerzeit Heinz Robertz, unter dessen Leitung ein behelfsweises Theater nach Krieg und Zerstörung 1950 am Fackelrondell wiedereröffnet worden war. Er wechselte 1959 ans Stadttheater Trier, starb aber wenig später mit nur 51 Jahren nach einer Operation. Für seine Nachfolge gingen 55 Bewerbungen ein, von denen sich letztlich Willie Schmitt und der frühere Darmstädter Intendant Sigmund Skraup dem „Aufsichtsrat der Pfalztheater-GmbH“ vorstellten. Am 15. Mai 1959 meldete die Deutsche Presse-Agentur, dass die Wahl auf Schmitt gefallen war. „Als besonderen Grund seiner Bewerbung“, so hieß es weiter, „stellte der neue Intendant (…) die Ähnlichkeit zwischen den Anforderungen des Pfalztheaters und der Lüneburger Bühne heraus.“ Erste Premiere zur Saisoneröffnung am 27. September 1959 war Schmitts Inszenierung des „Fidelio“, unmittelbar danach legte er mit dem „Prinzen von Homburg“ nach. Schmitt holte Erika Köth, die am Pfalztheater ihre Karriere begonnen hatte, als Gast zurück; Annelie Waas begann ihre Laufbahn an der Lauter, ehe sie schnurstracks an die Bayerische Staatsoper wechselte. Außerdem lockte er Stars wie Hans Hopf und Joseph Metternich in die Barbarossastadt. Deren Spitze war mithin voll des Lobes, als Schmitt 1964 sein 50. Bühnenjubiläum feierte. Oberbürgermeister Walter Sommer sprach von „vielen erhebenden und frohen Stunden, die Sie dem pfälzischen Theaterpublikum bereitet haben“. Kulturdezernent Ludwig Westrich attestierte, der Intendant habe „den hohen Stand der Oper und Operette gut erhalten und eine beachtliche Niveausteigerung im Schauspiel erreicht“. Während der Regisseur Schmitt weiterhin Opern wie die „Zauberflöte“ und Webers „Preciosa“ inszenierte, verhalf er dem zeitgenössischen Theater mit der Einrichtung des „Studio 99“ zum Forum. Was Wunder, dass sein auf fünf Jahre fixierter Vertrag 1964 um ein Jahr verlängert wurde? Erst im Folgejahr kehrte er als Ruheständler nach Lüneburg zurück, während in Kaiserslautern der gerade 33 Jahre alte Günter Könemann zum „jüngsten Intendanten Deutschlands“ berufen wurde. Aber auch Willie Schmitt sorgte weiter für Gesprächsstoff. Ende 1965 berichtete die RHEINPFALZ: „Der 71-jährige frühere Intendant hat bei der Zivilkammer des Landgerichts Kaiserslautern Klage gegen die Pfalztheater-GmbH auf Zahlung eines Jahresgehalts erhoben. (…) Schmitt begründet seine Klage mit einem Fristversäumnis der Mitteilungsfrist für die Vertragsverlängerung.“ Er forderte daher ein weiteres Jahresgehalt, wie die „Saarbrücker Zeitung“ ergänzte. Dem widersprach die Theater-GmbH ebenso wie die Stadt. Die Sache zog sich hin und wanderte bis vors Kasseler Bundesarbeitsgericht, das 1968 einen Vergleich vorschlug: Ohne Anerkennung einer Rechtspflicht sollte das Theater zu einer bereits gewährten Summe von 1000 noch einmal 4000 Mark zahlen. Das lehnten Schmitts Anwälte ab. Daraufhin entschied der fünfte Senat des Bundesgerichts, die Klage „letztinstanzlich abzuweisen“, wie es im Juristendeutsch heißt. Damit war der Ex-Intendant gescheitert. Er starb 1974 in seiner Wahlheimat Lüneburg.