Kaiserslautern Alles und nichts
Jeder kennt ihn, überall stößt man auf ihn. Zeitungen und Zeitschriften nennen eigene Rubriken nach ihm und die Werbeindustrie preist alle möglichen Produkte in seinem Namen – der „Lifestyle“. Doch was meinen wir eigentlich damit? „Lifestyle ist eine Hülse, und wenn man versucht, den Begriff zu definieren, wird man nicht glücklich“, sagt der Soziologe Lars Distelhorst. Warum dann also damit beschäftigen? Darum.
Eines dürfte bei aller Unklarheit klar sein: Lifestyle ist viel mehr als nur das englische Wort für das, was wir Lebensstil nennen. Und obwohl Sozialwissenschaftler und Marktforscher seit rund 20 Jahren immer neue Lebensstil-Studien herausbringen, um dem Wesen der postmodernen Gesellschaft auf den Leib zu rücken, ist das naheliegenden Thema Lifestyle ein blinder Fleck geblieben – kaum eine Handvoll Soziologen oder Kulturwissenschaftler hat sich bisher an diese Materie herangewagt. Dabei ist die Beschäftigung mit einem Lifestyle ein zentrales Phänomen unserer Gesellschaft, wie schon ein Blick ins Internet zeigt. 900 Millionen Treffer liefert allein die Suchmaschine Google, ein Vielfaches mehr gegenüber Suchanfragen nach grundlegenderen Themen wie Krieg und Frieden, Hunger oder Durst, Liebe oder Hass. Die Abermillionen Google-Treffer lassen ahnen: Lifestyle kann alles oder nichts sein. Was vor allem die Werbeindustrie und Medien darunter versammeln, wirkt vollkommen heterogen. Es geht um Mode und Wellness, Fitness und Schönheit, Freizeit und Reisen, Luxus und Design. Was das aktuelle Horoskop verspricht, welche Stars in Hollywood gerade miteinander anbandeln, welcher Beziehungstyp man ist, wo eine neue Szene-Kneipe eröffnet – alles ist irgendwie Lifestyle. Oder wie es Lars Distelhorst in seinem Essay „Lifestyle toujours“ schreibt: „Von der ersten Cellullitespur über Fellatio bis hin zu den individuellen Gehaltsvorstellungen ist heute alles eine Frage des Lifestyles.“ Der Soziologe und Politikwissenschaftler ist einer der wenigen, der sich bisher mit dem, wie er ihn nennt, „Begriff wie ein Fisch“ auseinandergesetzt hat. Für Distelhorst zeichnet sich Lifestyle vor allem durch das ständige Bekunden von Aktualität, „Zeitgeist“, aus sowie durch eine nach außen gerichtete Haltung. „Worum es im Lifestyle geht, ist das Up-to-date-Sein, der Beweis der Zeitgeistigkeit, die Demonstration der Tatsache, auf der Gischt der Welle zu schwimmen, die uns nach vorne spült“, schreibt er. Lifestyle klingt hip und modern, kein Wunder also, dass vor allem die Boulevardpresse, jene Hochglanz- und Klatschmagazine, das Wort gerne in den Mund nehmen. Ganz nach dem Motto: Wir sind trendy, wir sind stylish, wir wissen immer, was läuft. Doch damit ist nur eine von vielen Facetten umschrieben. Für Distelhorst ist die Suche nach einem Lifestyle längst ein gesellschaftliches Massenphänomen geworden, bei dem es um die Stilisierung der eigenen Persönlichkeit geht. Von der individuellen Kleidung ausgehend, mit der man sich selbst einzigartig machen wolle, greife er auf mehr und mehr Lebensbereiche über. Wer sich – so Distelhorst – das neueste iPhone kauft, tut dies, um seinen „Style“ nach außen hin zu demonstrieren. Lifestyle hat also viel mit dem zu tun, was wir kaufen, essen, trinken oder wohin wir in Urlaub fahren. Der Gedanke, dass die Art und Weise wie wir konsumieren, Ausdruck unserer Lebenseinstellung, unseres Lebensstils ist, ist nicht neu. Schon der US-amerikanische Soziologe Thorstein Veblen (1857-1929) sprach in seiner „Theorie der feinen Leute“ vom „demonstrativen Konsum“, den die Oberschicht fröne, um sich von der Arbeiterklasse abzugrenzen. Und für den Soziologen Georg Simmel (1858-1918) manifestierte sich in der individualisierten Industriegesellschaft der „Stil des Lebens“ vor allem in dem neuen massenhaften Angebot an Konsumgütern, namentlich der Kleidermode. Richtig salonfähig machte den Begriff des Lebensstils aber erst der „Papst der Kultursoziologen“ Pierre Bourdieu (1930-2002). In seinem Hauptwerk „Die feinen Unterschiede“ beschrieb er Lebensstile als „Produkte des Habitus“, also als Ergebnis der Gewohnheiten und Wesensmerkmale einer gesellschaftlichen Gruppe. Heute hat sich der Begriff längst in der Alltagssprache eingebürgert. Menschen werden nach „ihrem“ Lebensstil beschrieben, sei er nun gesund, ländlich, städtisch, flippig oder spießig. Und glaubt man dem österreichischen Soziologen Rudolf Richter leben wir spätestens seit den 80er Jahren in einer Lebensstilgesellschaft, in der nicht mehr die Klasse oder Schicht entscheidet, wo wir gesellschaftlich hingehören, sondern ähnliche Lebensentwürfe, Normen, Werte, Freizeitvorlieben und auch ein ähnliches Konsumverhalten: ein ähnlicher Lebensstil eben. Dieser hilft – und da unterscheidet er sich nicht vom Lifestyle – beim Aufbau der eigenen Identität und der Abgrenzung von anderen. Außerdem ist er etwas relativ Stabiles. Einem Lebensstil bleiben wir zwar in der Regel nicht das ganze Leben hindurch, doch aber in einer bestimmten Lebensphase treu. Diese schöne Lebensstil-Welt ist nach Distelhorst heute drauf und dran, durch Lifestyle-Bekundungen ersetzt zu werden. Habe man früher ein Che-Guevara-Shirt angezogen, um seine politische Gesinnung zu präsentieren, hingen Che-Guevara-Shirts heute in jedem Ramschladen. „Lifestyle versieht alles mit Bedeutungslosigkeit“, meint Distelhorst. „Er macht Spaß – mehr aber auch nicht.“ Ähnlich sieht es Rudolf Richter, der Lifestyle als oberflächlicher, und – Moden ähnlich – wechselhafter beschreibt als den Lebensstil. Der Philosoph Roman Meinhold wiederum sieht den Lifestyle als derart variabel, käuflich, demonstrativ und ästhetisch-materiell an, dass er ihn als „einen besonderen Stil des Konsums“ auffasst, als „intendierte Selbstverwirklichung mittels Konsum“. Was sagt uns das also? Dass Lifestyle ein stark konsumorientierter Lebensstil (oder Konsumstil?) ist, der sich an Moden, Trends, kurz: dem Zeitgeschehen ausrichtet, und viel flüchtiger, ja oberflächlicher ist als der Lebensstil. Beim Lifestyle dreht sich alles ums Kaufen und Haben, um den Genuss, das Schöne, das Unterhaltende. Erkennen Sie’s? Willkommen im Hier und Jetzt, willkommen in der Lifestyle-Gesellschaft.