Kaiserslautern Alba Castillo: „Romeo und Julia“ aus der Perspektive von Julia
Die spanische Choreografin Alba Castillo inszeniert schon zum dritten Mal als Gast am Pfalztheater. In der Spielzeit 2022/23 brachte sie „The Red Thread“ auf die Bühne , in der vergangenen Spielzeit „Rausch“. Nun setzt sie Sergej Prokofjews bekanntes Ballett „Romeo und Julia“ für einen Tanzabend um.
Sie wollen die weltbekannte Geschichte der Shakespeare-Tragödie in diesem Tanzabend aus Julias Sicht erzählen. Wie machen Sie das? Gibt es dafür Anhaltspunkte für diese Lesart in der Musik von Sergej Prokofjew?
Ich wollte die Geschichte aus Julias Perspektive erzählen, weil sie oft als passiver Charakter verstanden wird. In dieser Version wird sie zur treibenden Kraft. Was mich interessiert, ist ihre Verwandlung. Sie ist zuerst Teil einer sehr kontrollierten, mütterlich dominierten Umgebung und entwickelt Bewusstsein und Widerstandskraft, schließlich trifft sie ihre eigene Entscheidung.
Am Anfang lebt sie voll und ganz innerhalb dieser strukturierten Welt, in der jede Handlung sichtbar ist und von Erwartungen bestimmt wird. Durch die Begegnung mit Romeo fängt sie an, sich selbst zum ersten Mal als Individuum zu begreifen und dieser Wandel trennt sie nach und nach von dem System, zu dem sie gehört.
Sergej Prokofjews Musik unterstützt diese Interpretation dezidiert. Sie bewegt sich zwischen Zärtlichkeit und Intensität und diese Kontraste spiegeln Julias emotionale Entwicklung wider. Ich liebe diese Augenblicke, in denen die Zeit aufgehoben scheint, wie in ihrer ersten Begegnung. Das erlaubt uns, in ihre Perspektive einzutauchen und die Geschichte aus ihrer Sicht zu erleben.
Wie sehen Sie die Love Story? Ist das eine Teenager-Romanze oder sind da starke Gefühle im Spiel? Könnten Sie sich Romeo und Julia auch als glückliches Paar vorstellen?
Das ist eine sehr gute Frage. Für mich ist es viel mehr als eine Teenagerromanze. Es ist eine erste, radikale Begegnung mit Liebe, etwas unglaublich Intensives, Absolutes, kompromisslos. Weil diese Version von meiner eigenen Familiengeschichte inspiriert ist, kann ich mir Romeo und Julia auch über die Tragödie hinaus als ein Paar vorstellen, sie könnten auch in einem anderen Kontext zusammen sein. Ihre Beziehung wirkt real und geerdet, nicht einfach nur idealisiert. Gleichzeitig existiert ihre Liebe gerade durch den Druck, dem sie ausgesetzt ist. Sie erwächst unter Druck, in einer Welt, die sie nicht erlaubt. Deshalb würde sie vielleicht nicht im normalen Alltag überleben, oder vielleicht würde sie doch. Genau diese Spannung macht sie so machtvoll.
Wie aktuell ist diese Geschichte heute? Kann das soziale Umfeld immer noch einen so starken Einfluss auf die Beziehungen junger Menschen ausüben im 21. Jahrhundert? Oder liegen die Handicaps heute eher in der Persönlichkeit der Jugendlichen selbst?
Ich denke, dass die Geschichte auch heute noch sehr relevant ist. Soziale Strukturen und Erwartungshaltungen beeinflussen immer noch Beziehungen, selbst wenn sie sich heute anders äußern. Gleichzeitig kommen viele Hindernisse von innen - Unsicherheit, Angst oder das Bedürfnis, dazuzugehören. Was mich interessiert, ist diese Spannung zwischen der Außen- und Innenwelt: Wie viel kommt von der Gesellschaft und wie viel kommt aus dem Individuum selbst. In dieser Fassung resultiert die Tragödie nicht aus romantischem Idealismus, sondern aus Druck, Unterdrückung und dem Fehlen einer Entscheidungsfreiheit.
In welchem Milieu siedeln Sie ihre Choreografie an? Wie werden Bühne und Kostüme aussehen?
Meine Choreografie ist in Valencia in den 1940er Jahren angesiedelt, in der Nachbarschaft von Patraix. Es ist nicht einfach ein historisches Bühnenbild, sondern etwas, das zutiefst mit persönlichen und familiären Erinnerungen verbunden ist. Die Kostüme, die ich zusammen mit Carlijn Petermeijer entworfen habe, helfen das Publikum in einer speziellen Zeit und einem sozialen Kontext zu verankern. Sie spiegeln eine Welt wider, die durch Tradition und Sichtbarkeit geformt wird, in der Identität eng mit der Gemeinschaft und ihren Erwartungen verbunden ist. Das Bühnenbild von Nils Klaus rückt den Ort selbst in den Mittelpunkt. Um die Bar der Capulets und die Fassade ihres Hauses angesiedelt, erlaubt es dem Publikum, sofort zu erkennen, wo die Geschichte sich abspielen wird und sich als Teil davon zu fühlen. Im Zentrum dieser Welt steht die Bar der Capulets, die sowohl als sozialer Treffpunkt wie auch als Ort der Kontrolle fungiert.
Welche Rolle spielt für Sie als Choreografin die Musik in einem solchen Handlungsballett? Eröffnet Ihnen die Musik neue Freiräume für den tänzerischen Ausdruck oder engt die Musik sie ein, weil sie schon so viel erzählt? In welchem Verhältnis stehen Musik und Tanz?
Für mich als Choreografin ist die Musik keine Begrenzung, sondern ein Partner. Die Choreografie folgt eng der Struktur von Prokofjew, die Musik definiert die gesamte Dramaturgie. Gleichzeitig öffnet der Tanz eine neue Ebene. Er erlaubt uns, das auszudrücken, was nicht gesagt werden kann, Seelenzustände, Gefühle, Spannungen. Die Beziehung zwischen Musik und Tanz ist ein Dialog. Manchmal folgt die Bewegung der Musik, manchmal weitet sie sie aus oder vertieft sie. In diesem Sinn illustriert der Tanz nicht einfach die Musik, sondern vervollständigt sie.
Termine
„Romeo und Julia“, Tanzabend nach der Musik von Sergej Prokofjew, 12. Mai, 18 Uhr (Soirée), 16. Mai, 19.30 Uhr (Premiere), weitere Vorstellungen: 23. Mai, 19.30 Uhr, 4. Juni, 18 Uhr, 21. Juni, 19.30 Uhr, 17. Juni, 19.30 Uhr, 5. Juli, 15 Uhr. Karten: pfalztheater.de
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Zur Person
Alba Castillo, 1987 in Valencia geboren, begann erst eine Karriere als Tänzerin, wurde Solistin im Balletttheater Basel (2011-2020). Parallel dazu begann sie 2012 als Choreografin zu bei der Compañía Nacional de Danza (CND, Nationale Tanzkompanie) unter der Leitung des Choreografen Nacho Duato. Castillo hat mit verschiedenen Tanzkompanien, Künstlern und Institutionen zusammengearbeitet und dabei wieder die Grenzen des zeitgenössischen Tanzes verschoben. Ihre kreative Vision und ihr Fachwissen haben zur Schaffung von Originalwerken für angesehene Kompanien wie das Scapino Ballet Rotterdam in den Niederlanden, die Opéra National du Rhin in Frankreich, das Philadelphia Ballet in den USA, das Ballett Bremerhaven in Deutschland, das Theater St. Gallen in der Schweiz, das Luzerner Theater und eben das Pfalztheater Kaiserslautern. 2020 war Castillo Mitbegründerin der Kompanie Snorkel Rabbit, einer multidisziplinären Truppe in Basel.