Landtagswahl
AfD gewinnt Wahlkreis in Kaiserslautern – wo war sie am stärksten?
Um 18 Uhr regnet es buntes Konfetti in Mainz. Der Prognose-Balken schießt nach vorn, geziert von einer satten 20, und der ganze Keller schreit auf. Man sei „jetzt eine Macht“, tönt Sebastian Münzenmaier, der Bundestagsabgeordnete, ein paar Minuten danach. Alice Weidel und Jan Bollinger haben sich da längst in den Armen gelegen – die Bundes- und Landesspitze der AfD, im Rausch. Sonntagabend, der Landtag in Mainz. Hier, auf ihrer Wahlparty, feiern die Rechtspopulisten am Ende ein Rekordergebnis von 19,5 Prozent. Es ist ein historischer Triumph. Mit dabei im Glitzerregen: Tom Kotzian, 35, der Bewerber ums Direktmandat im Wahlkreis 44 – und einer der Politiker, die einziehen werden ins rheinland-pfälzische Parlament. „In Kaiserslautern haben wir treue Wähler“, soll sich der Mann aus Katzweiler später im RHEINPFALZ-Gespräch freuen. Nicht bloß ihr stärkstes Resultat in einem westdeutschen Bundesland fährt die AfD an diesem Abend ein. Ihr Erfolg, er wird auch untrennbar mit Kaiserslautern verknüpft sein – wo sie ihren einzigen Wahlkreis holt, im ganzen Land.
Mal wieder Kaiserslautern, mal wieder die Westpfalz, wird es heißen. Die AfD ist hier die stärkste Kraft. Wie im Februar 2025, bei der vergangenen Bundestagswahl.
6800 Menschen im Wahlkreis haben AfD gewählt
Im „44er“, der weite Teile des Stadtgebiets abdeckt, liegt sie mit strammen 26,1 Prozent der Zweitstimmen vor der SPD (25,5 Prozent) – um 6,6 Prozentpunkte steht sie besser als ihr eigenes Landesergebnis, dem besten aller Zeiten. Von den gut 26.000 Wählern haben rund 6800 ihr Kreuzchen bei einer Partei gesetzt, die der Verfassungsschutz bundesweit als rechtsextremistischen Verdachtsfall einstuft. Deren Treue zum Grundgesetz er also in Frage stellt. Als die AfD im Vorjahr gewann, einen von nur zwei westdeutschen Wahlkreisen, da wurde das in vielen Nachlesen noch als „Unfall“ abgestempelt. Das Abschneiden von damals aber hat die Partei bestätigt. Kaiserslautern, eine Stadt im Wandel. Sie ist lange nicht mehr die unangefochtene Bastion der Sozialdemokratie, die sie einst war – und damit lässt sich der Erfolg der AfD deuten, zum Teil wenigstens.
Laut den Analysen des Umfrageinstituts Infratest Dimap kommt ihr größter Zustrom im Land aus dem Lager der Nichtwähler. Gerade ehemalige SPD- und CDU-Wähler haben der Partei vom rechten Rand aber ebenfalls ihre Stimme gegeben, aus Enttäuschung. Das magere Resultat der Christdemokraten im Wahlkreis: 20,8 Prozent – abgeschlagen hinter dem Landestrend.
Tom Kotzian, der Kandidat der AfD, wird jetzt über die Liste in den Landtag einziehen, gegen Platzhirsch Andreas Rahm (SPD) zog er dann doch den Kürzeren. Am Montagmorgen zeigt er sich wenig überrascht von den Zahlen. „Dass die Zustimmung nach der starken Bundestagswahl in Lautern abfällt, war nicht zu erwarten“, sagt Kotzian. „Wir haben einen tollen Wahlkampf hingelegt, haben viele hochrangige Gäste begrüßt.“ Dirk Bisanz, der AfD-Kreischef, bescheinigt seinem Kollegen „ein gutes Netzwerk“ und ein „enormes Engagement“ – seiner Meinung nach die hauptsächlichen Gründe für den Sieg in der Stadt. Im Vergleich zu 2021 konnte die AfD ihren Stimmenanteil hier mehr als verdoppeln: von 11,3 auf 26,1 Prozent. Ab dem 18. Mai sitzen somit gleich zwei Kaiserslauterer für sie in Mainz. Denn auch Bisanz schafft es über die Liste, der 67-jährige Zahnarzt vom Einsiedlerhof.
AfD sahnt vor allem in Brennpunktvierteln ab
Ins Auge fallen beim Blick auf die Wahlkarte jene Orte, wo die AfD besonders abgesahnt hat. Prekäre Viertel mit sozialen Brennpunkten – in denen sich Armut, Arbeitslosigkeit und geringe Bildungschancen konzentrieren, sprich: viele Probleme. Im Bezirk Grübentälchen/Volkspark etwa, dem oft diskutierten Lautrer Osten, holte die AfD 36,1 Prozent der Zweitstimmen. Und in Bahnheim und auf dem Fischerrück, dem von Wohnblöcken geprägten Stadtteil im Westen, waren es 34,8 Prozent. Zwei Extremfälle in Kaiserslautern. Hier verfangen die Ansichten der Partei offenbar stärker als woanders.
„In diesen Bezirken fühlen sich die Leute abgehängt, das typische SPD-Klientel scheint es nicht mehr zu geben“, antwortet Bisanz auf eine Nachfrage der RHEINPFALZ. „Das Vertrauen in die etablierten Parteien ist so weit geschwunden, dass sie sich die Wende wünschen.“ Kotzian sieht die wirtschaftliche Lage der „Arbeiterfamilien“ als Treiber – an den Infoständen hätten viele Menschen beklagt, dass sie „zwei Nebenjobs ausüben und am Monatsende trotzdem das Geld nicht reicht“. Noch am Sonntagabend sprach Bisanz von einer „Abstrafung der Bundespolitik“. Allein in der Innenstadt Südwest, dem Stimmbezirk des Musikerviertels, blieb die AfD weit unter ihrem Lautrer Schnitt – mit 15,2 Prozent. Dass sie so stark abgeschnitten hat, begründen Bisanz und Kotzian auch mit der Bluttat vom Fackelbrunnen. Am Abend des 28. Februar hatte ein 18-jähriger Syrer dort zwei Landsleute niedergestochen – eines der Opfer erlag später seinen Wunden.
Bei ihrer Asylpolitik und den Rufen nach „Remigration“ war das Verbrechen das sprichwörtliche Wasser auf die Mühlen der AfD, so kurz vor dem Urnengang. Dazu kamen die umstrittenen Sonderurlaube für SPD-Beamte – „ein starkes Stück, wenn man jahrelang so viel Steuergeld verschwendet“, packt Kotzian einen der mutmaßlichen Gründe für das Votum in raue Worte. All das überlagerte offenbar die Verwandtenaffäre der AfD. Die Vorwürfe der Vetternwirtschaft, die den Landesverband erschüttert hatten.
Ergebnis in Lautern ist kein Ausreißer nach oben
Natürlich ist die Erzählung in Bund und Land jetzt die vom einzigen „blauen“ Wahlkreis in Rheinland-Pfalz, vom Triumph der AfD. Wer aber glaubt, Kaiserslautern sei damit „die“ Hochburg der Pfalz, irrt – denn ihr Ergebnis ist für die Rechtsaußen-Partei wahrlich kein Ausreißer nach oben.
Pirmasens: 32,1 Prozent.
Zweibrücken: 26,3 Prozent.
Ludwigshafen: 24,8 Prozent.
Frankenthal: 25,2 Prozent.
Und Germersheim, einsamer Spitzenreiter: 35,2 Prozent.
In anderen Städten hat die AfD ähnlich hohe oder sogar höhere Stimmanteile abgeräumt, sie trumpfte in Lautern nicht unbedingt stärker auf als andernorts. Nur hat sie dort keinen Wahlkreis für sich entschieden – weil CDU oder SPD mehr Prozentpunkte eingesackt haben. Was auch an dem, na ja, kuriosen Zuschnitt hier liegen dürfte. Mitten durch die Stadt verläuft die Grenze, die sie in zwei Wahlkreise teilt: 44 und 45. Würde man alle städtischen Bezirke und ihre Stimmen vereinen, hätten die Sozialdemokraten die Nase vorn. Das aber nur am Rande, es ändert nichts an den starken Werten der Partei.
Am 18. Mai tritt erstmals der neue Landtag zusammen, dann mit zwei AfD-Abgeordneten aus der Stadt. Und unter dem Eindruck, dass die „Blauen“ einen einzigen Wahlkreis gewonnen haben – Kaiserslautern I.