Kaiserslautern Abschied vom Magier

Drei Tage Staatstrauer hat Kolumbiens Staatspräsident Juan Manuel Santos angeordnet, nachdem bekannt wurde, dass der Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez am Donnerstag in Mexiko-Stadt gestorben war. Weltweit herrscht nun Trauer um den Meister des Magischen Realismus, der zu den am meisten gelesenen spanischsprachigen Schriftstellern gehört.

„Hundert Jahre Einsamkeit“ – der Roman erschien 1967 – war der erste große Welterfolg des Kolumbianers Gabriel García Márquez. Der Autor sprach von der „unwirklichen Wirklichkeit Lateinamerikas“. Heute liest man dieses Buch des Nobelpreisträgers von 1982 als eine groteske, tragikomische Wiederholung von 300 Jahren Kolonialgeschichte. Im Mittelpunkt der bizarre José Arcadio Buendia, der Gründer des legendären Macondo, dem Heimatdorf von García Márquez, das in vielen seiner Werke eine so große Rolle spielt. García Márquez, in Aracataca im Norden Kolumbiens geboren, nach Pablo Neruda vielleicht der bedeutendste Erzähler Lateinamerikas, begann als Journalist, war als Korrespondent in Rom tätig und wohnte später lange Jahre in Barcelona. Als man vor Jahren bei ihm Lymphdrüsenkrebs feststellte, schien es mit der Schaffenskraft vorbei zu sein. García Márquez hat die Skeptiker widerlegt. Der erste Band seiner Memoiren – „Leben, um davon zu erzählen“ - wurde aber nicht nur ein Triumph über die Krankheit. Es war eine tiefe Verbeugung vor der Literatur, ein Erinnerungsbuch, das die Unbedingtheit schriftstellerischer Existenz behauptet, was schon in der Zähigkeit anklingt, mit der der junge García Márquez dem kritischen Vater die Entscheidung für sein Leben mitteilt: „Sag’ ihm, ich will im Leben nur eins, ich will Schriftsteller sein, und ich werde es.“ Schon der erste Satz – „Meine Mutter bat mich darum, sie zum Verkauf des Hauses zu begleiten“ – erinnert an den trockenen Stil, mit dem der gelernte Reporter viele seiner Erzählungen „unterfüttert“ hat. Hier spürt man, was García Márquez im eigentlichen Sinn als Fantasie begriff: Es geschieht bei ihm nichts, was die Vorstellungskraft überstiege, aber es geschieht ungeheuer viel, was größter Vorstellungskraft bedarf. Das Leben als eine Erfindung des Gedächtnisses. In dem Roman „Liebe in den Zeiten der Cholera“ schrieb García Márquez: „Dem Leben bringt niemand etwas bei.“ Das stimmte und stimmte wiederum auch nicht. Denn dieser erste Memoirenband handelte von der Jugend des Autors, von den frühen Jahren bis zur Ankunft in Europa. García Márquez erzählte von seinen Eltern, den Großeltern, von Mitschülern, von den Cafés und Bordellen in Bogotá und Baranquillas. Er beschrieb, wie er schon als kleiner Junge die Berufung spürte, Schriftsteller zu werden – und dann doch nur Reporter bei der Lokalzeitung wurde. Später wird es dann etwas langatmig, wenn Schulzeit und Internat, Universität und bröckelnde Adoleszenz in den Blick geraten. García Márquez war ein Autor, der seine Leser sofort und unmittelbar in seine Geschichten stürzt. Es kommt auch gar nicht darauf an, ob das alles so stimmt, was wir da lesen. Die Spontaneität, mit der Márquez den Versuch angeht, die Quellen seiner eigenen Schöpfungskraft darzulegen, bleibt auf der ganzen Wegstrecke erhalten. Allerdings haben wir es in seinen Büchern bei all diesen vielen, oft bizarren Episoden mitunter mit einem verkehrten Exorzismus zu tun. Der Teufel wird nicht vertrieben, sondern darf sich innerhalb des Sprachgestus austoben. Der Autor erfindet seine Jugend neu, seine Erinnerung wird durch die mythenreiche Darstellung immer wieder überhöht. Die einzelnen Figuren, die Landschaften, die politischen Wirren vor und nach der Ermordung des kolumbianischen Präsidenten Gaitán. García Márquez arrondiert die Topoi dieser karibischen Welt immer wieder aufs Neue. Man riecht förmlich, was sich da abspielt. Man hört das Lärmen der Gewalt: Gewalt, wie sie nach Lateinamerika gekommen ist, zuerst in Gestalt der Conquísta, später im Kolonialismus der Nordamerikaner und schließlich als Ferment eines blutrünstigen Caudillismus. Es ist bekannt, wie sich der Autor für zwei dieser Caudillos begeistert hat: für General Torrijos in Panama und eben für Fidel Castro, mit dem ihn zum Ärger seines ehemaligen Freundes Mario Vargas Llosa eine alte Kameradschaft verband, politisch wie menschlich. Natürlich ist García Márquez immer ein hochpolitischer Schriftsteller gewesen, der sich nicht scheute, das Unrecht jener anzuprangern, die sein Land, seinen Kontinent in wirtschaftliche und politische Abhängigkeit gezwungen haben. Er war aber auch ein Meister der Übertreibungskunst, deren Faszination gerade darin besteht, dass man sie wie selbstverständlich als zum Werk zugehörig adaptiert. „Nicht was wir gelebt haben, ist das Leben, sondern das, was wir erinnern und wie wir es erinnern, um davon zu erzählen.“ Das Leben, über das er schrieb, handelt von hartnäckigem Kampf gegen die Hoffnungslosigkeit, ob in den staubigen Straßen von Aracataca oder in Macondo. Wirklichkeit und Fiktion, Imaginäres und Überprüfbares – wie das alles zu Buchstaben miteinander verbunden ist, präsentierte García Márquez auch in seinem zuletzt erschienenen Band mit Vorträgen „Ich bin nicht hier, um eine Rede zu halten“: als scharfsinnige, aber auch sentimentale Hommage an die Wurzeln seiner Herkunft. Dass er sein luxuriöses Leben liebte. Dass die Menschen auf den Straßen tanzten, wenn ein neues Buch von ihm erschien – als Schriftsteller hat er wohl so ziemlich alles erreicht. Die Menschen liebten ihn. Sie wussten, dass er inzwischen an Demenz erkrankt war. Und sie wussten, dass Kolumbien immer sein literarischer Kosmos geblieben war, auch wenn er die meiste Zeit in Mexiko-Stadt lebte.

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