Kaiserslautern Über 18 Stunden per Bahn von Ludwigshafen nach Lautern durchs Schneechaos

Nichts geht mehr: stehende Lastwagen auf der A6.
Nichts geht mehr: stehende Lastwagen auf der A6.

Die einen kamen wegen der Schneemassen von Freitagnacht nicht von zu Hause weg, andere dort nicht an. Eines der Wetter-Opfer war Jürgen Clos, der eine Odyssee per Bahn durchmachte. Aus einer sonst knapp einstündigen Heimfahrt von der Arbeit wurden über 18 Stunden.

Der Lehrer, der an der Meisterschule in Kaiserslautern Elektro- und Informationstechnik unterrichtet, gab wie manchmal auch an diesem Freitagabend einen Kurs an der Handwerkskammer in Ludwigshafen. Kurz nach 21 Uhr stieg er dort in die S-Bahn nach Kaiserslautern, wo sie um 21.59 Uhr ankommen sollte.

Ein Stopp hinter Schifferstadt war für den routinierten Bahnfahrer noch lange kein Grund zur Beunruhigung. „Ein Zugbegleiter sagte, die Oberleitung habe einen Schaden, die Bahn-App gab Weichenstörungen an“, ist ihm auch das Informationsmanagement der Bahn gut bekannt. Nach rund einer halben Stunde auf freier Strecke ging es zurück nach Schifferstadt für einen rund einstündigen Aufenthalt, „bis die Durchsage kam, der Zug fährt bis Neustadt und nicht weiter“.

Kurz vor zwölf aus dem Zug geworfen

Gegen 23.30 Uhr „wurden wir dort aus dem Zug geworfen; andere standen schon zweieinhalb Stunden ohne Info im Bahnhof“. Schließlich wurden Taxi-Scheine an Vierer-Grüppchen mit demselben Zielort verteilt. „Immer wenn ein Taxi kam, stürzten sich 20 Leute drauf: absolutes Chaos.“ Also bestellte er ein Taxi – nicht direkt zum Bahnhof, sondern um die Ecke.

Aus den vom Taxifahrer angekündigten fünf Minuten wurde über eine Stunde. „Er war in den Graben gerutscht und musste sich rausziehen lassen.“ Nach 1 Uhr ging es endlich los über die A65 Richtung Ludwigshafen, die A61 und die A6 nach Kaiserslautern, „denn der Fahrer hatte gehört, dass über die Bundesstraße nichts ging“. Sich schon fast im warmen Bett wähnend, machte die Polizei diesem Traum bei Grünstadt ein Ende: Der Verkehr wurde von der gesperrten Autobahn runtergeleitet, „und schnell merkten wir, dass auch nach Bad Dürkheim kein Durchkommen war“. So stand das Grüppchen gegen 3.15 Uhr wieder in Neustadt – und checkte im Hotel ein.

Umweg über Pirmasens

Dass die Bahn-App am nächsten Morgen fahrplangemäßen Verkehr nach Kaiserslautern verkündete, war nur eine kurze Illusion, „auch Busse fuhren nicht, weil das Neustadter Tal gesperrt war“. Also blieb nur die Route mit Umstiegen in Landau und Pirmasens. Getoppt wurde das Bahn-Vergnügen von Waldhof-Mannheim-Fans auf dem Weg nach Saarbrücken: „50 oder vielleicht 100 grölende, angetrunkene Fußball-Fans ohne Maske, dafür mal rauchend oder den Mageninhalt entleerend; die ganze Zeit roch es nach Bengalos, auf dem Landauer Bahnsteig flogen gleich welche“, beschreibt Clos das Szenario.

Auch der „Anschlusszug“ gut zwei Stunden später gegen 13.45 Uhr nach Pirmasens hatte dieses Klientel an Bord, „einige der betrunkenen Hooligans stiegen zum Glück aus, denn zum Spiel schafften sie es eh nicht mehr“. So genoss Clos „die landschaftliche reizvolle Strecke“, für die er „der Bahn dankt“, ist ihm der Humor nicht vergangen. Am Bahnhof Pirmasens-Nord fehlte wieder jedwede Information zu den Zügen. „Also hab ich mich an die Straße gestellt, und nach zehn Minuten nahm mich ein Auto mit Anhänger mit.“ Die drei Lauterer wollten eine gebrauchte Küche kaufen, hatten jedoch keinen Erfolg. „Also habe ich ihnen den ungenutzten Gefrierschrank aus meinem Keller geschenkt.“ Eine Win-Win-Situation.

Gegen 15.30 Uhr endlich zu Hause angekommen, wartete dort wenigstens eine Entschädigung Die Nachbarn hatten das inzwischen gelieferte Rennrad angenommen. „So schnell trau ich mich nicht mehr in einen Zug. Ich fahr jetzt nur noch Rad.“

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