Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Ärztlicher Bereitschaftsdienst: Kein Ansprechpartner mehr vor Ort

Ulrich Frankenberger, langjähriger Leiter des Bereitschaftsdienstes, in seiner Praxis in der Eisenbahnstraße.
Ulrich Frankenberger, langjähriger Leiter des Bereitschaftsdienstes, in seiner Praxis in der Eisenbahnstraße.

Ulrich Frankenberger leitete fast 25 Jahre lang den ärztlichen Bereitschaftsdienst in Kaiserslautern. Seit Anfang des Jahres ist damit Schluss.

Sie waren eine Institution. Warum hören Sie auf?
Weil die Kassenärztliche Vereinigung beschlossen hat, die ärztlichen Bereitschaftsdienstzentralen Kaiserslautern, Trier, Pirmasens, Zweibrücken, Kusel und Saarburg künftig durch einen einzigen Menschen verwalten zu lassen. Das finden sie offenbar sinnvoller, als dass jede Zentrale wie bisher einen ärztlichen Leiter hat. Ob bei der Entscheidung nur monetäre Gründe eine Rolle gespielt haben, das weiß ich nicht. Was damit aber definitiv flöten geht, das ist die ortsnahe Anbindung, das Know-how und das Kollegenwissen. Ich wusste immer genau, wen man anrufen muss, wenn jemand seinen Dienst nicht angetreten hat. In der Vergangenheit habe ich alles organisiert, auch wenn ich im Urlaub war. Künftig wird es keinen direkten Ansprechpartner mehr vor Ort geben.

Wie lange waren Sie Chef des Bereitschaftsdienstes?
Knapp 25 Jahre lang habe ich die größte Bereitschaftspraxis in der Region geleitet. Anfangs habe ich sogar von Hand die Dienstpläne erstellt und dabei stets versucht, jedem gerecht zu werden. Damals mussten noch alle niedergelassenen Ärzte Bereitschaftsdienste übernehmen. Der Umzug von der Augustastraße, wo wir bis 2004 beim Deutschen Roten Kreuz untergebracht waren, war ein wichtiger Schritt. Diesen Umzug hatte ich seinerzeit sehr forciert. Die alten DRK-Räumlichkeiten waren völlig ungeeignet. Und damals gingen die Dienste ja noch über 24 Stunden. Wir waren zu zweit, mussten zudem noch Hausbesuche machen. Man hatte keine Helferin, musste alles alleine schaffen. Neben dem Behandlungszimmer gab es in der Augustastraße lediglich eine Küche und einen Schlafraum mit zwei Betten. Wir hatten dort einen Ohrenspiegel, ein Stethoskop und ein EKG-Gerät. Das war alles.

Wurde mit dem Umzug ins Krankenhaus alles besser?
Viel besser. In der Späthstraße verfügt der Bereitschaftsdienst über eine Anmeldung, einen Wartebereich, einen Sozialraum, zwei Sprechzimmer, einen Infusionstrakt, eine Personal- und eine Patiententoilette. Zuletzt ist von Montag- bis Freitagmorgens das MVZ Urologie eingezogen, weil die Bereitschaftspraxis an Werktagen morgens leer stand.

Hat das mit geänderten Öffnungszeiten zu tun?
Ja, im vergangenen Jahr wurden die Öffnungszeiten des ärztlichen Bereitschaftsdienstes radikal runtergefahren. Früher war jede Nacht jemand vor Ort, eine Helferin und ein Arzt, bis 22 Uhr sogar zwei Ärzte. Aber dann hat man irgendwann gemerkt: Da kommt niemand. Und wenn wer kommt, kann der in 99 Prozent der Fälle genauso gut tagsüber zum Hausarzt gehen. Jetzt ist Montag, Dienstag und Donnerstag ganz geschlossen, es gibt nur noch einen Arzt, der rumfährt. Der wird über die 116117 gerufen. Mittwochs von 14 bis 22 Uhr, freitags von 16 bis 22 sowie samstags, sonntags und an Feiertagen ist von 9 bis 22 Uhr geöffnet. Das ist vollkommen ausreichend.

Wird der Bereitschaftsdienst ausgenutzt?
Auf jeden Fall. Bestimmt zu 80 Prozent. Viele Leute sehen den Bereitschaftsdienst als ihre Hausarztpraxis an. Sie kommen auch deshalb, weil sie davon ausgehen, dass es in der Regel schneller geht als beim Hausarzt und die Wartezeiten kürzer sind.

Wissen die Menschen eigentlich, mit welchen Wehwehchen sie wohin sollen? Wann sollte der Weg denn überhaupt zum Bereitschaftsdienst führen?
Wer eine akut einsetzende Krankheit hat und die gesundheitlichen Beschwerden so sind, dass der Patient damit nicht bis zur nächsten Sprechstunde eines niedergelassenen Arztes am nächsten Tag warten kann. Wenn es einem so schlecht geht, dass man sich nicht selbst helfen kann. Das ist bei Halsschmerzen, die plötzlich nachts auftreten, ganz sicher nicht der Fall.

Und wann gehen Patienten besser gleich in die Zentrale Notfallambulanz des Westpfalz-Klinikums?
Immer dann, wenn eine Wunde stark blutet oder etwas gebrochen ist.

Für viele ist das in Kaiserslautern auch deshalb etwas verwirrend, weil der Bereitschaftsdienst im Krankenhaus sitzt. Das ist unüblich.
Ideal wäre tatsächlich ein Schalter im Westpfalz-Klinikum, an dem eine kompetente Person sitzt, die triagiert und entscheidet, wer zum ärztlichen Bereitschaftsdienst soll und wer besser die Zentralambulanz aufsucht. So sollte es sein. Das wurde leider nie geschafft, was eventuell auch einfach an den baulichen Gegebenheiten im Westpfalz-Klinikum liegt. Das Kind ist halt vor 30 Jahren in den Brunnen gefallen, als die Entscheidung gegen einen Krankenhaus-Neubau im Unigebiet gefällt wurde. Jetzt sitzt die Zentralambulanz im Haupthaus des Klinikums und der Bereitschaftsdienst in Kellerräumen in der Späthstraße.

Die Kellerräume des Bereitschaftsdienstes sind schwer zu finden und zudem nicht barrierefrei.
Die Bereitschaftspraxis ist sehr wohl barrierefrei, aber eben nicht über den Hauptzugang. In die Bereitschaftspraxis geht es von der Späthstraße aus 16 Treppenstufen runter. Wer das nicht schafft, muss ins Krankenhaus rein, muss die Rolltreppe nehmen, die Bettenzentrale passieren und nach uns suchen. Es gibt eine Hintertür. Leicht zu finden ist das nicht. Das stimmt.

Wie läuft das mittlerweile mit den Diensten?
Die Dienstpläne sind längst digitalisiert. Heute macht kaum noch ein niedergelassener Arzt Dienst, wir haben vor allem externe Ärzte vor Ort, auch aus Heidelberg und Rüsselsheim. In der Regel sind das Assistenzärzte, die sich noch etwas dazuverdienen wollen. Sie müssen nur eine Approbation haben. Der Dienst wird mit 300 Euro vergütet und geht über sechs Stunden.

Also werde ich in der Bereitschaftsdienstzentrale nicht unbedingt von einem Allgemeinmediziner versorgt?
Genau. Das war aber schon immer so. Natürlich haben ein HNO-Arzt oder ein Gynäkologe nicht das komplette Hausarztwissen. Aber die Grundlagen hat schließlich jeder Arzt gelernt.

Wenn der Leiter des Bereitschaftsdienstes künftig keinen Bezug mehr zur Basis hat: Was befürchten Sie?
Ich bin beispielsweise mal gespannt, was passiert, wenn an den Wochenenden Leichenschauen zu machen sind und es Probleme mit der Dokumentation gibt.

Hatten Sie keine Lust, die Gesamtleitung des Bereitschaftsdienstes zu übernehmen? Sie sind doch erfahren.
Ich hatte Interesse bekundet, wollte aber auch wissen, wie das vergütet wird. Darauf habe ich nie eine Antwort erhalten. Später erhielt ich dann ein Dankesschreiben für mein mehrjähriges Engagement. Die Gesamtleitung wird künftig Michael Kurtz aus Kusel übernehmen, der ist wesentlich jünger als ich. Er hat bisher die Bereitschaftspraxis in Kusel geleitet und verfügt über entsprechende Erfahrung.

Ihre Hausarztpraxis führen Sie weiter, obwohl Sie 72 sind?
So lange meine Frau ihre Praxis noch betreibt, mache ich weiter. Auch weil ich nach wie vor Spaß an meinem Beruf habe. Ich nehme aber keine neuen Patienten mehr auf. Außer, es wohnt jemand in der Nähe meiner Praxis. So sollten es alle anderen Praxen möglichst auch handhaben. Dann wäre die wohnortnahe Versorgung sichergestellt.

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