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Donnerstag, 03. Januar 2019 Drucken

Kaiserslautern: Kultur Regional

Von den Gestaden der Lauter an die Newa

In seinem Neujahrskonzert präsentiert sich das Pfalztheater-Orchester spielfreudig, virtuos und bestens disponiert

Von Reiner Henn

Garanten für Güte von hohen Gnaden: Auf diesem Archivbild sind die Mitglieder des Pfalztheaters-Orchesters zusammen mit Chor und Extrachor zu sehen.

Garanten für Güte von hohen Gnaden: Auf diesem Archivbild sind die Mitglieder des Pfalztheaters-Orchesters zusammen mit Chor und Extrachor zu sehen. ( Archivfoto: Girard )

„Wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen“: Das Dichterwort von Matthias Claudius nahm das Pfalztheater als Inspirationsquelle, um sein Neujahrskonzert imaginär nach St. Petersburg zu verlegen. Während Moderator Elias Glatzle − sonst Dramaturg für Musiktheater, Konzert und Tanz − auf den Spuren des Walzerkönigs Johann Strauß (Sohn) wandelte und über desen amourösen Abenteuer berichtete, nahm das Publikum andere „Reise-Impressionen“ mit: Das Konzert gehört zum Besten, was in den vergangenen Jahren über diese Bühne ging.

Wesentlichen Anteil daran hatten drei Senkrechtstarter der jüngeren Generation, die erst seit wenigen Jahren am Pfalztheater engagiert sind: Elias Glatzle, der zweite Kapellmeister Anton Legkii und die Sopranistin Polina Artsis legen derzeit einen furios-rasanten, kometenhaften Aufstieg zu Werbe- und Sympathieträgern hin. Das Neujahrskonzert meisterten sie überzeugend und mit Bravour.

Die thematische Klammer einer imaginären Reise ins aristokratische St. Petersburg des 19. Jahrhunderts, ins „Venedig des Nordens“ und die zaristische Sommerresidenz Pawlowsk gab dem glänzend disponierten Orchester reichlich Gelegenheit, den dort wirkenden oder gastierenden Komponisten seine Reverenz zu erweisen.

Zunächst wäre eigentlich Glinkas Ouvertüre zu „Ruslan und Ludmilla“ mit einem furiosen Beginn in den Streichern aus programmdramaturgischer Sicht effektiv, als Einspielstück aber normalerweise wagemutig. Doch die Rechnung ging auf, weil dank Legkiis forderndem Dirigat alle auf Anhieb konzentriert bis in die Haarspitzen loslegten.

Selten hat man dieses Orchester auch in der Folge so inspiriert, kontrolliert und diszipliniert gehört. Womit eine Laudatio für den „nur“ zweiten Kapellmeister angezeigt ist: Er reißt im ganz großen Stil jede Initiative an sich, gibt klare Einsätze, führt über heikle Überleitungen souverän hinweg und vermittelt dezidierte Werk- und Tempovorstellungen.

Letztere sind im Sinne eines jugendlichen Stürmers und Drängers manchmal gewagt rasant, doch das Orchester gleitet offenbar gern mit auf dieser (Erfolgs-) Welle, die jene sportive Note hat, die schon Strauß in seiner „Sport-Polka“ einforderte. Dessen grazil und heiter verspielte „Tritsch-Tratsch-Polka“ im Anflug von kompositorischer Selbstironie, aber auch die festliche Polonaise von Tschaikowski − alles wurde filigran und gestochen klar ausgearbeitet.

Lediglich zwei Programmpunkte fielen leicht ab: Der „Blumenwalzer“ desselben Komponisten hat durch den melodischen Beginn der führenden Klarinette nach dem Akzent seine bekannten Tücken.

Überhaupt sind Dreiertakte für viele Ensembles − auch für Spitzenorchester − ein Fall für sich. Beim „Säbeltanz“ von Chatschaturjan war an manchen Stellen der Dialog der Klanggruppen leicht verschoben. Ansonsten lieferte das Orchester eine grandiose Leistung mit Expressivität, Solidität und viel Einfühlungsvermögen in die stimmlichen Höhenflüge der Mezzosopranistin Polina Artsis.

Sie repräsentiert einen hohen gesangstechnischen Standard, wie man ihn selbst an Staats- und Nationaltheatern nicht alle Tage hört. Ihre mühelos über das Orchester dringende Strahlkraft scheint ungeahnte Reserven zu mobiliseren. Ihre Bühnenpräsenz und Ausdruckskraft bei Kostproben von Johann Strauß, Tschaikowski und Rimski-Korsakow hielten bis zur Fermate in Atem: Emotions- und spannungsgeladen gab sie den Opernarien dramatische Intensität. Zudem verfügt Polina Artsis über eine vollendete stimmliche Reinkultur.

Elias Glatzle servierte als Reiseleiter und „Hofberichterstatter“ aus der zaristischen Sommerresidenz eloquent und selbstsicher viele Anekdoten und Episoden dieser glamourösen Zeit. Er hat ebenfalls in kurzer Zeit enorm an Charme, Charisma und Selbstbewusstsein gewonnen. Wo soll das alles noch hinführen?

Info

—Das Konzert wird am kommenden Sonntag, 17 Uhr, im Pfalztheater Kaiserslautern wiederholt.

− Eine weitere Aufführung findet am Sonntag, 13. Januar, 19 Uhr, in der Donnersberghalle Rockenhausen statt.

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