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Samstag, 06. Februar 2016 Drucken

Kaiserslautern: Kultur Regional

Schwache Ausschläge

Das „Deltabeben“ zeigt an Mannheimer Ausstellungsorten diesmal wenig Überraschendes oder gar Provokantes

Von Sigrid Feeser

 

Strotzt vor innerer Kraft: Michael Dekkers „Dancer In The Dark“, zu sehen in der Kunsthalle. ( Foto: Michael Dekker)

Teuflischer Dreiklang in sattem Pfälzisch: Eric Carstensens und Michael Volkmers (superart.tv) Multimedia-Installation „Tritonus“ im Port25. ( Foto: Michael Dekker)

Der Rheingraben ist Erdbebengebiet. „Deltabeben“ heißt die alle zwei Jahre im Wechsel zwischen Mannheim und Ludwigshafen stattfindende Ausstellung, die die künstlerische Potenz der Metropolregion abbilden soll. 30 Künstler beziehungsweise Kollektive wurden auf das Schaulaufen Nummer vier gebeten, das auf Kunsthalle Mannheim, Kunstverein und Port25 verteilt war. Doch unter der Erdkruste bleibt es ruhig. Von möglichen 6,5 bis 7 auf der Richterskala erreicht das „Deltabeben“ maximal eine 2,5. Das haut keinen Dachziegel auf die Gasse und keinen Kunstfreund wirklich um.

 

So still, so friedlich, so geordnet leise. Elf Kuratoren haben ausgesucht. Das Durchschnittsalter liegt bei 40 Jahren, nicht einmal eine klitzekleine Provokation nistet im Patchwork. Wären da nicht die Helden von superart.tv, die mit rustikalem Charme ein bisschen echtes Leben in die Bude, pardon: den schicken Port25, bringen. Dort darf nicht getrunken werden. Eric Carstensen und Michael Volkmer ficht das nicht an. Wer es mag, darf sich aus einem Anhänger ein kühles Bier holen, muss aber auf dem Teppich bleiben. Die aus recyceltem Material (Fußboden, Wände, Container, Leuchtstoffröhren, Reifen, Uraltmoped ...) gezimmerte Multimedia-Installation nimmt ihren Titel „Tritonus“, jener als übermäßige Quart oder verminderte Quint bekannte „Diabolus in Musica“, ziemlich ernst. Die Stimme eines Stadionreporters gellt, Wagners „Holländer“ dröhnt, dazu laufen zwei Videos, eines mit den (hochdeutsch untertitelten) Tiraden eines offenbar alkoholgeschädigten Hemshöfers, das andere mit der vierstündigen Soap Opera Klinikum Ludwigshafen. Man redet Pfälzisch. Umwerfend. Und jetzt ein Bier?

Drumherum raumgreifende oder mehrteilige Arbeiten. Der kluge Bildessay, in dem das Duo Schmott (das sind Michael Ott und Mathias Schmitt) die „Bedingung der Möglichkeit von Sichtbarkeit“ untersucht, lässt einen vom philosophischen Proseminar von einst träumen. Benjamin Jantzen gewährt anhand von Glitscheffekten einen zwischen Störung, Staunen und koloristischem GAU lavierenden Einblick in (s)eine Paarbeziehung, die auf einem monumentalen Fotofries von Sven Paustian vereinten Agaven sollen eine „kriegerische Atmosphäre“ generieren – was nur mäßig gelingt, das Mitleid mit den misshandelten Pflanzen überwiegt. Da lobe sich einer doch ein scharfes Stücklein wie die von Sabrina Geckeis und Judith Walz alias Geckeis & Walz aus Sprungfedern und dazwischen aufgeblasenen Luftballons kunstreich gefügte und zur Benutzung freigegebene „Ringermatte“. Die um Körperspannung und Katastrophe (platzende Luftballons) kreisende Arbeit wirkt wie das Sartyrspiel nach der Tragödie.

Fast keimfrei offeriert die Kunsthalle Skulpturen, Installationen und Zeichnungen. Man hat viel Platz für die Arbeiten und manches Filetstück im Angebot. Die zartstimmigen Zeichnungen von Christiane Schlosser etwa, feinste Liniengespinste in paralleler Führung, immer von links nach rechts, die abbrechen und neu angesetzt werden, auch ornamental in sich kreisende Muster, fast unsichtbar auf hellem Untergrund, in samtenem Blau fast verschwindend, mit leisem Nachdruck die Grenzen der Wahrnehmung austestend, mit Blei und Tusche das Gesetz der Serie zur reinen Poesie steigernd, dabei tollkühn einfach so an die Wand gepinnt. Was fehlt? Der Schutz eines eigenen, nicht so derb ausgeleuchteten Kabinetts, denn Christiane Schlossers geduldiger Betrachtung zugetane Zeichenkunst ist auch ein bisschen schutzlos gegenüber den brachial zersplitterten Holzskulpturen von Michael Dekker, in denen die Natur und die Kunst, die Ordnung und die Zerstörung gleichermaßen Anteil haben. „Dancer in the Dark“ heißt eine, die vor innerer Kraft schier zu bersten scheint.

Letztes Beispiel: Adam Chmiel, wie Dekker in Ludwigshafen geboren, nimmt den Planeten „Esier Eid“ zum Thema eines aus seltsamen Skulpturen, Lichtern, Glasobjekten, Tönen und Videos gebastelten Paralleluniversums, in dem die Fragen zahlreicher ausfallen als die Antworten und die Reise vor allem im Kopf stattfindet. Schön schummerig ist es hier, man bleibt irgendwie auf der Erde und denkt an eine Alchemistenwerkstatt, nur dass es hier nicht stinkt und raucht.

Dritte Station, der Kunstverein. Auf der Glasfront zum Innenhof verbreitet eine vermutlich um Tierisches kreisende Folieninstallation von Zero Reiko Ishihara jenen lustigen visuellen Lärm, den die Street Art-Künstler Hombre SUK und Basco & Teejay im Innenraum so nicht herstellen können. Verstörend die strengen Maskenbilder der in Bagdad geborenen Heidelbergerin Cholud Kassem, Sehen und Staunen, ja doch: Es herrscht Ruhe im Land. Nichts bebt, die Künste arbeiten still. Business as usual.

Die Ausstellungen

Deltabeben. Regionale 2016 läuft bis 28. März. In der Kunsthalle Mannheim täglich außer montags 11 bis 18 Uhr, mittwochs bis 20 Uhr; im Port25 in der Hafenstraße 25 täglich außer montags 12 bis 18 Uhr; im Mannheimer Kunstverein täglich außer montags 12 bis 17 Uhr.

 

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