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Donnerstag, 11. September 2014 Drucken

Kaiserslautern

Löwenmütter fahren Krallen aus

Von Marita Gies

 

Zum Wohl ihrer Kinder gehen sie auf die Barrikaden: Heiko und Sylvia Weis und Yvonne Schwarz (von links). Als Verstärkung haben sie sich Professor Gerhard Rupprath geholt, den früheren Chefarzt der Kinderklinik. ( Foto: VIEW)

In einer Art Willkürakt hat die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Rheinland-Pfalz einer Oberärztin der Kinderklinik die Ermächtigung entzogen, neurologisch erkrankte Kinder ambulant zu behandeln. Die Eltern der Kinder haben sich zusammengeschlossen und gehen auf die Barrikaden.

 

Die Oberärztin Dagmar Dundurs betreut an der Kinderklinik des Westpfalz-Klinikums seit Jahren Kinder mit neurologischen Krankheiten. Bei ihnen sind Gehirn und Nervensystem geschädigt. Sie leiden an Entwicklungsstörungen, sind Epileptiker, manche bereits seit ihrer Geburt geschädigt oder sitzen im Rollstuhl. Viele der Patienten von Dagmar Dundurs kommen von der Reha Westpfalz. Seit über 25 Jahren behandelt die Oberärztin am Westpfalz-Klinikum diese Kinder, „weil es in Kaiserslautern und Umgebung keine Neuropädiater gibt“, konstatiert Gerhard Rupprath, der frühere Chefarzt der Kinderklinik, den sich die wütenden Eltern als kompetenten Berater ins Boot geholt haben.

Viele Kinder sind Dauerpatienten, brauchen konstante medizinische Betreuung und wiederkehrende Kontrolluntersuchungen, die zum Teil ambulant erfolgen. Um sie behandeln zu dürfen, benötigt es eigentlich der medizinischen Zusatzqualifikation „Neuropädiater“ − ein Kinderarzt, der sich auf Erkrankungen des Nervensystems spezialisiert hat. Diese Qualifikation hat Dundurs, wie viele andere Kinderärzte, nicht. Aufgrund ihrer Erfahrung wird ihr jedoch alle zwei Jahre von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) eine Ermächtigung für die Behandlung erteilt: Seit zehn Jahren und so auch am 1. Juli wieder von der regionalen KV Pfalz.

Dann hat sich die KV Rheinland-Pfalz in Mainz eingeschaltet. Mit sofortiger Wirkung hat die übergeordnete KV der Oberärztin die Ermächtigung zur ambulanten Behandlung dieser Kinder entzogen. Reihenweise musste die Kinderklinik von jetzt auf nachher bereits vereinbarte Termine absagen. Die kranken Kinder standen von einem Tag auf den anderen ohne Versorgung da. Dagmar Dundurs hat Widerspruch bei der KV eingelegt. Ausgang: offen.

Inzwischen gehen die Eltern auf die Barrikaden. Sylvia Weis aus Obernheim-Kirchenarnbach im Landkreis Südwestpfalz hat eine Elterninitiative ins Leben gerufen. Zusammen mit ihrem Mann Heiko bombardiert sie jeden, von dem sie sich Hilfe verspricht, mit Briefen, Einschreiben, Telefonanrufen und E-Mails. Selbst an die Bundeskanzlerin hat sie sich gewandt. „Für Dr. Dundurs gehe ich durch die Hölle und wieder zurück“, bekräftigt Sylvia Weis ihren Kampfeswillen und ihr Vertrauen in die Kaiserslauterer Oberärztin.

Das Ehepaar hat zwei Töchter, die neunjährige Anna-Lena ist Patientin der Oberärztin. Vor zweieinhalb Jahren hatte sie ihren ersten Krampfanfall: eine gutartige Form von Epilepsie, die wieder verschwinden kann, aber auf jeden Fall behandelt werden muss. Für die Eltern, aber auch die Tochter war dieser Anfall ein tief prägendes Angsterlebnis, ein Trauma: „Mein Kind stirbt und ich kann nichts tun.“ Das Mädchen wurde damals auf ein Medikament eingestellt. Mutter Sylvia Weis lag nach dem bedrohlichen Erlebnis zwei Wochen im Krankenhaus, sie konnte nichts essen, war gelähmt vor Angst.

Yvonne Schwarz aus Aschbach im Kreis Kusel, Mutter von fünf Kindern, fiel aus allen Wolken, als die Ambulanz der Kinderklinik den im Mai vereinbarten Termin für ihren fünfjährigen Sohn Mitte August absagte. Beide Mütter haben inzwischen ihre Kinder stationär in der Kinderklinik untersuchen lassen. Denn stationär darf Dundurs neurologisch erkrankte Kinder weiterbehandeln. Privat versicherte Kinder sind von dem KV-Behandlungsverbot sowohl ambulant als auch stationär ebenfalls ausgenommen, da sie keine Überweisung benötigen.

Die KV Mainz hat den Eltern eine Liste mitgeschickt von niedergelassenen Kinderärzten und Kliniken, zu denen sie gehen dürfen. 31 Adressen umfasst die Liste. Yvonne Schwarz wurde vorgeschlagen, nach Ludwigshafen zu fahren. Das wäre für die Frau aus Aschbach ein Ganztagsprojekt: drei bis vier Stunden Fahrt plus drei Stunden ärztliche Untersuchung. „Wie soll ich das mit fünf Kindern hinkriegen?“, empört sie sich. Sie hat gegen die KV Beschwerde eingelegt. Auch für Sylvia Weis ein nicht machbares Unterfangen: Sie hat einen Mini-Job, ihr Mann arbeitet und besucht nebenher die Meisterschule. Erschwerend kommt hinzu: Zum Teil gibt es Wartezeiten bis Ostern.

Von dem KV-Verbot gegen Dundurs betroffen sind 440 ambulante Kinder im Jahr, weiß Rupprath. Hinzu kommt, so hat er eruiert, dass von den 31, meist niedergelassenen Kinderärzten, die von der KV Mainz als Alternative vorgeschlagen wurden, 14 ebenfalls keine Neuropädiater sind, sondern wie Dundurs „nur“ KV-ermächtigt. Die KV hat einen gesetzlichen Versorgungsauftrag, schildert er die Aufgabe der KV. Sie muss gewährleisten, dass Patienten in der Region versorgt werden können − angemessen und zeitnah.

Die Eltern sind wütend, verzweifelt, aber wild entschlossen: „Wir kämpfen. Wir möchten unsere Frau Dundurs behalten.“ Das Nein der KV halten sie für menschenverachtend. Die Löwenmütter fahren ihre Krallen aus.

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