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Dienstag, 07. Februar 2017 Drucken

Kaiserslautern: Kultur Regional

Kunst contra Kommerz

Die Ausstellung „Muse, Macht, Moneten“ zum unsterblichen Thema Kunst und Geld im Berliner Bodemuseum

Von Gerald Felber

 

Wertsteigerung par excellence: Künstlerschamane Joseph Beuys beschriftete für sein Werk „Kunst = Kapital“ aus dem Jahr 1979 eine Original-Banknote (20-DM-Schein) von Hand mit Filzstift. ( Hermann Büchner, Berlin, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016)

Wilfried Fitzenreiter: „Ateliermiete (Damoklesschwert)“, 1991. ( Hermann Büchner, Berlin, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016)

Es ist ein uraltes Thema: Kunst und Geld. Um Anhängigkeiten, aber auch um Reichtümer, die der Kunst vieles zu verdanken haben, geht es in einer Ausstellung im Berliner Bodemuseum.

 

Und da ist er also, der ebenso faszinierende wie eklige Schweine-Kapitalismus: als obszöner Goldklumpen in Gestalt einer kanadischen Maple-Leaf-Münze. 53 Zentimeter Durchmesser bei drei Zentimetern Dicke – noch die massivste PKW-Radkappe ist dagegen eine luftige Miniatur. Lediglich fünf Exemplare gibt es weltweit, ihr Verkaufspreis läge je nach aktuellem Goldkurs zwischen zweieinhalb und dreieinhalb Millionen Euro, und dank eines Erwerbers, der sich diese Kleinigkeit leisten konnte, steht nun eines davon als Leihgabe im Münzkabinett des Berliner Bode-Museums.

So nebenbei mitgehen lassen kann man den 100-kg-Kaventsmann ohne Möbelpacker-Duo und Sackkarre gewiss kaum, und dass er trotzdem in dickes Glas eingesargt steht, mag insofern mindestens zu gleichen Teilen der Sorge vor Spuck- oder anderweitigen Verschmuddelungsaktionen anarchistisch gestimmter Zeitgenossen geschuldet sein. Derzeit könnte man dergleichen sogar als Kommerz-widerständige Performance tarnen, weil das Objekt einen herrlichen Kommentar zur Sonderausstellung abgibt, die zwei Räume weiter unter dem Titel „Muse Macht Moneten“ zu sehen ist und sich sehr direkt der ewigen Dissonanz zwischen Kunstleistung und Entgelt (vornehmer gesagt: materiell-sozialer Anerkennung) widmet.

Wo beides tatsächlich zusammenkommt, stimmts ja in erlesenen Fällen auch in anderer Schreibweise: Muse macht Moneten. Der Doppelsinn weist auf eine gewisse lustvolle Spitzfindigkeit der Ausstellungsmacher hin, die mit den drei Schlagworten zielgerichtet eine Reihe von Künstlern zu entsprechenden Kreationen aufforderten.

32 haben aktiv reagiert und damit in gewisser Weise eine Aktion fortgeschrieben, zu der sich Mitte der 90er Jahre eine Gruppe von Bildhauern und Medailleuren zusammengetan hatte, die vor allem im Osten Berlins tätig waren und durch „Kunst-Geld“-Schöpfungen ihre Erfahrungen und ihren Frust mit den neuen, marktwirtschaftlichen Arbeitsbedingungen abarbeiteten. Dazu kommen Stücke aus der Geldkunst-Sammlung des Berliners Stefan Haupt, und so quellen nun wüste Fantasie-Scheine mit grell-ironischen Comicmotiven (Helmut Kings „Kretzer“-Währung von 2003), Origami-Faltungen aus Dollar-Noten (samt anrührend-putziger Dokumentation über deren Schicksale in der Handelswelt im Laufe einiger Monate von Lee Mingwei) und vor allem Münzen und Medaillen aller Größen und Materialien durcheinander.

Obwohl es schleichwerberisch – und damit auch schon wieder kommerziell – wirkt, möchte man hier unbedingt zum zusätzlichen Erwerb des Katalogs raten: weil da alle Stücke, auch die ganz kleinen, in Ruhe, bei günstigster Beleuchtung, gut kommentiert und meist sogar in Originalgröße wiederzusehen sind, während in den Vitrinen und Hängungen der Schau selbst ein gewisser Horror vacui herrscht, der den Blick nahezu zwanghaft immer zuerst auf die größten oder buntesten, jedoch nicht unbedingt besten Objekte lenkt.

Wer aber tief durchatmet und sich zur Konzentration zwingt, wird natürlich auch vor Ort viel Nachdenkenswertes (Wilfried Fitzenreiters Medaille von 1993, wo ein fettleibig-zynischer Hermes ein spackes Apoll-Jüngelchen niederrennt), sarkastisch-Amüsantes (Anna Martha Napps für die aktuelle Aktion entstandene Arbeit, bei der der Teufel rückseitig auf den bekannten „größten Haufen“ scheißt und nach vorn, über den Münzrand lugend, brave Künstlerlein als Marionetten führt) oder schlicht Schönes (Anna-Franziska Schwarzbachs frische Muse, die ganz ohne aktuellen Moneten-Verweis einfach in entzückender Natürlichkeit daherkommt) finden.

Eine besonders hübsche von vielen kleinen Pointen liefert übrigens das „Knochengeld“, 1993 im Prenzlauer Berg nicht nur kreiert, sondern in ausgewählten Läden auch tatsächlich als Zahlungsmittel in Umlauf gebracht. Was allerdings nicht funktionierte: die Umlaufmenge schrumpfte mit jedem Handelstag ein Stück weiter, weil die Besitzer ihre Kunst-Scheine lieber als Kapitalanlage zwecks späterer Real-Versilberung zurückhielten und horteten – zwar noch kein 100-Kilo-Maple-Leaf, aber immerhin ...

Die Ausstellung

Bis 27. Mai im Münzkabinett des Bodemuseums auf der Berliner Museumsinsel, täglich außer montags 11 bis 18 Uhr.

 

 

 

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