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Samstag, 26. März 2016 Drucken

Kaiserslautern: Kultur Regional

Große Kunst zwischen Billardtischen

Oper Stuttgart: Christoph Marthaler gelingt mit „Hoffmanns Erzählungen“ von Jacques Offenbach eine sehens- und hörenswerte Reise in den Surrealismus

Von Rebekka Sambale

 

Muse (Sophie Marilley) und Künstler (Marc Laho als Hoffmann) vor Akt-Modell: die Oper „Hoffmanns Erzählungen“ in Stuttgart. ( Foto: dpa)

Es scheint kompliziert und verquer: die ohnehin schwer durchschaubare Handlung von „Hoffmanns Erzählungen“ in eine surrealistische Gesellschaft zu verlegen. Doch Christoph Marthalers Ansatz glückt. Die zunächst für das Teatro Real Madrid konzipierte Inszenierung der Offenbach-Oper ist jetzt auch in Stuttgart zu sehen. Tolles Schauspiel, großer Gesang, viele Details.

 

So viel Kunst war selten. Und Regisseur Christoph Marthaler nähert sich ihr auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Einmal ist da der Künstler Hoffmann, Hauptfigur der Oper, ein Faust-Typ, sinnsuchend, liebessuchend, mit seiner Inspiration in eine Sackgasse geraten. Da hilft auch die Muse nichts. Also betrinkt er sich erst mal. Und beginnt, über vergangene Liebschaften zu sinnieren.

Dann steckt das Thema „Kunst“ in der Ausstattung. Salvador Dalì schreitet über die Bühne, so wie André Breton und weitere Personen des Surrealismus, einer Kunstströmung, die ab Beginn des 20. Jahrhunderts Traum und Wirklichkeit in einer neuen Realität auflösen wollte. Bekanntestes Bild dafür sind wohl Dalìs schmelzende Uhren. In Stuttgart hat die Uhr auf der Bühne keine Zeiger. Der Takt des Alltags ist außer Betrieb. Oder träumen wir nur? Anna Viebrock hat mit ihrem Bühnenbild dem Circulo de Bellas Artes, einer privaten Kultureinrichtung in Madrid, ein Denkmal gesetzt. Räume und Ausstattung wurden großteils originalgetreu nachgebaut: eine skurrile Mischung aus Bar, Billardtischen, Skulpturen, Malerwerkstatt und Kinosesseln. Wer allerdings weder Kunstwissenschaftler noch Madrid-Experte noch Programmheftleser ist, wird das nicht verstehen. Ist aber nicht schlimm. Begreifen wir es einfach als Kuriositätenkabinett, schauen, staunen und grinsen – etwa, wenn der Hausangestellte den Akt-Modellen im Hintergrund (ja, echte Frauen; ja, nackt) regelmäßig ein Papiertuch zum Schweißabwischen reicht, oder die Skulptur einer liegenden Frau gelangweilt räkelnd zum Leben erwacht.

Das ist es, was wir sehen. Es wirkt – Pausengespräche mitgelauscht – auf manchen überladen, gewollt, unverständlich. Vor allem aber ist es originell und passend – auch zu Offenbachs Musik. Generalmusikdirektor Sylvain Cambreling sorgt mit seinem Orchester für deren hörbares Gelingen. Die Komposition ist überraschend eingängig für die so zerstückelte, mal mystische, immer etwas undurchsichtige Handlung. Nach anfänglichen Wacklern im Zusammenspiel mit der Bühne, zeigt das Orchester eine klangfarbenreiche Interpretation mit hervorragenden Instrumentalisten. Etwa die Klarinette, die im dritten Akt mit der schwerkranken Antonia klagt, oder die Hörner, die den letzten Akt weich-choralartig einleiten.

In Stuttgart ist der Opernchor schon Grund genug, das Haus zu besuchen. Auch diesmal wieder: runder Klang, mit optimaler Balance zwischen den einzelnen Stimmgruppen. Den Solisten ist großes Schauspiel zu attestieren. Wie sich Alex Esposito durch gleich vier Bösewicht-Rollen nacheinander mimt, ist eine Freude. Mal als nervös zuckender Lindorf, dann als Optiker Coppelius mit Hang zur schwarzen Magie. Auch stimmlich ist der Bariton mit seinem kräftigen Timbre die richtige Besetzung. Ihm gegenüber steht Marc Laho als Hoffmann, der mit klarem, auch mal weichem Tenor, die Hauptpartie gestaltet. Eine besonders große Bedeutung lässt Cambrelings Wahl der Fassung der Muse zukommen, die Hoffmann auf seinem Weg durch vergangene Zeiten begleitet. Auch dabei: eine wunderbare Sophie Marilley mit beinahe unauffälliger Klangschönheit.

Die Stuttgarter Inszenierung ist musikalisch ein Genuss, optisch ein Erlebnis. In der Deutung fehlt ein wenig die tragische Tiefe, die von all den sehenswerten Bühnen- und Spieldetails überdeckt wird. Schließlich ist Hoffmann auch eine melancholische, eine am Leben gebrochene Figur. Definitiv ist es eine Oper zum Zweimal-Sehen, zum Nicht-Satt-Sehen-Können. Und endlich gibt es auf der Bühne auch mal wieder den alten Flaschentrick: Hoffmann bringt seinen Konkurrenten Schlemihl mit beherztem Schlag zweier Flaschen auf den Kopf zur Strecke. Und versenkt ihn anschließend im Billardtisch.

Termine und Tipp

—Aufführungen am 3., 10., 15., 23. und 30. April und am 4. Mai; www.oper-stuttgart.de

—Wer vom Surrealismus nicht genug hat, kann den Opernabend mit einem Besuch in der Staatsgalerie Stuttgart verbinden. Dort sind bis 3. Juli Werke von Giorgio de Chirico zu sehen; www.staatsgalerie.de.

 

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