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Kultur

"Ariodante" in Stuttgart: Spiel und Sport im alten Schottland

Die Premiere der Händel-Oper in Regie und Dramaturgie von Jossi Wieler und Sergio Morabito am Württembergischen Staatstheater

Von Karl Georg Berg

 

Der Kampf gegen Intriganten und Theaterfeinde ist bestanden. Doch die leidgeprüfte Ginevra ist noch nicht aus ihrer Apathie erwacht. ( Foto: dpa)

Knapp 19 Jahre nach ihrer längst legendären „Alcina“-Produktion zeigen Jossi Wieler und Sergio Morabito nun die andere große Händel-Oper nach Ariost aus dem Jahr 1735 an der Stuttgarter Staatsoper. Sie bieten auch hierbei ein spannendes und überlegtes Regiekonzept sowie ein pralles Bühnenspektakel.

 

Die Ansprüche beim „Ariodante“, einer der besten der 42 Händel-Opern, sind hoch, denn in der jüngsten Vergangenheit gab es gerade von diesem Werk viele herausragende Inszenierungen: David Alden in München, Stephen Lawless in Halle, Stefan Pucher in Basel und nicht zuletzt Peer Boysen in Karlsruhe.

Wiewohl in der Optik ganz anders, ergeben sich gerade zu Boysen gewisse dramaturgische Analogien bei der Stuttgart Einstudierung. Auch in Karlsruhe wurde das Spiel als Spiel in vielfacher Schattierung angesprochen. Bei Wieler und Morabito ist zunächst alles offen. Spiel heißt hier auch Sport, die Akteure kommen wie zu einem Wettkampf im Trainingsanzug. Zu sehen ist ein Raum, der mal Arena, mal Sport- oder Fotostudio ist (Ausstattung: Nina von Mechow). Die Personen spielen mit ihren Rollen im mehrfachen Sinn des Wortes. Im weitgehend freudig gestimmten ersten Akt ist alles schriller Spaß. Einzig der Intrigant Polinesso löckt wider den Stachel. Er nimmt einen Text von Rousseau zu Hand, der das Theater im Allgemeinen und die Schauspielerinnen im Besonderen verteufelt. Immer wieder kommt der Philosoph in einer Art Verfremdungseffekt zu Wort und bringt die dramaturgische Grundkonstellation auf den Punkt: hier die bunte Rittergeschichte und das Spektakel der Barockoper, dort die Thesen eines sinnenfeindlichen Theoretikers.

Dieser Widerstreit ist natürlich eine konzeptionelle Konstruktion, aber eine nachvollziehbare und in der szenischen Umsetzung effektive. Die Mittel des Theaters und modernen Medien wie Fotografie, Film und Video werden ausgiebig genutzt, um die Geschichte aufwendig zu erzählen (Beleuchtungs- und Videokonzept: Voxi Bärenklau). Dabei nutzt das gefeierte Regieteam seine große Kompetenz für ein ausdrucksvolles, manchmal fast ein bisschen zu aktions- und bilderreiches Spiel.

Ab Beginn des zweiten Aktes, wenn die Handlung kippt, wird auch der szenische Gestus ernst und leidenschaftlich. Erst im dritten Akt kehrt so langsam das Spielerische wieder – und auch der Sport, wenn Polinesso beim Wrestling unterliegt. Damit scheint auch Rousseau besiegt. Im Kostüm des 18. Jahrhunderts feiern alle ein scheinbar glückliches Ende. Nur Ginevra hat verständliche Mühe, in den Jubel einzustimmen.

Der Stuttgarter „Ariodante“ bietet – wie zu erwarten war – eine gedankenreiche und theatralisch opulente Auseinandersetzung mit dem Stück.

Musikalisch zündet der Abend durch das feurige Dirigat von Giuliano Carella, der das engagiert spielende Staatsorchester zu bewegten Zeitmaßen, rhythmischer Spannkraft und markanten Akzenten motiviert.

Nach ihrem fulminanten Ruggiero bei der „Alcina“-Wiederaufnahme im Herbst ist Diana Haller auf den Spuren des Kastraten Carestini jetzt auch ein großartiger Ariodante mit funkelnden Koloraturen und tief bewegendem Ausdruck, vor allem in der großen Arie „Scherza, infida“ im zweiten Akt. Ana Durlivski singt die Ginevra mit hellem Ton sehr nuanciert und mit packender Intensität. Der Countertenor Christophe Dumaux als Gast gibt den Schurken Polinesso mit starker Bühnenpräsenz und einem erstklassigen Barockgesang. Er und Matthew Brook als geschmeidig singender König sind die Spezialisten in der Besetzung. Doch auch der Tenor Sebastian Kohlhepp als Lurcanio hat die notwendige Stimmkultur für eine authentische Wiedergabe seines Parts. Josefin Feiler ist eine beweglich und facettenreich agierende Dalinda. Philipp Nicklaus ergänzt sicher als Odoardo das Ensemble.

Großer Jubel im voll besetzten Staatstheater. Die Buhrufe für das Regietheater waren eine zu vernachlässigende Minderheitenmeinung.

 

Termin

Vorstellungen am 12., 15., 21. und 25. März und im April, Karten: Telefon 0721/202090; www.oper-stuttgart.de

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